SDI München: Ein Blick zurück auf 59 Jahre Übersetzerausbildung in Bayern

Bei seiner Eröffnungsrede für das soeben bezogene neue Gebäude des Sprachen & Dolmetscher Instituts München (SDI) am 21.05.2011 umriss der Direktor Dr. Felix Mayer [Bild rechts] die 59-jährige Geschichte des Instituts. Wir geben den Vortragstext hier leicht gekürzt wieder:

Prof. Dr. Felix MayerLassen Sie mich einen Blick zurück und einen nach vorn werfen: Gegründet wurden wir 1952 als „Sprachen- und Dolmetscher-Akademie“ – Prof. Dr. Günther Haensch [zweites Bild von oben] zählt zu den damaligen neun Gründern unseres eingetragenen Vereins. Doch musste dieser Name, da er wohl eine zu große Nähe zu den Hochschulen suggerierte, auf Weisung des Ministeriums in unseren heutigen, Sprachen- und Dolmetscher-Institut, geändert werden.

Die damalige Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern, zunächst in den ersten drei Jahre in der von-der-Tann-Straße, danach am Amiraplatz, war sui generis: Es war eine Ausbildung des SDI. Das SDI hatte ein eigenes Curriculum, hatte eine eigene Prüfungsordnung, die im Ministerium hinterlegt war, und es nahm aus eigener Kraft die Auswahl der Dozenten und Lehrbeauftragten vor.

Das zweite Standbein des SDI war die Ausbildung von Wirtschaftkorrespondentinnen und Auslandssekretärinnen. Die „Abteilung für Auslandssekretärinnen“ leitete seit 1954 Sigrid Kester [drittes Bild von oben].

Prof. Günther HaenschDas dritte Standbein war die so genannte „Deutsche Abteilung“, die später „Deutsch für Ausländer“ hieß und heute „Deutsch als Fremdsprache“. Damals, 1953, also gleich am Anfang, mit 10 Studierenden. Daneben wurden Sprachkurse angeboten, die abends stattfanden, und in denen unsere heutigen Sprachen, also Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch, und zusätzlich Portugiesisch, allerdings noch nicht Chinesisch, gelehrt wurden.

Lassen Sie mich nun einen Sprung machen in die späten 60er Jahre und die 70er Jahre. Die damalige Generation hatte an vielen Fronten zu kämpfen, und ich möchte heute nur zwei Herausforderungen herausgreifen: Zum einen kündigten die Vereinigten Werkstätten dem SDI die lieb gewordene Heimat am Amiraplatz. Hier war die Lösung, dass unser Gebäude in der Amalienstraße, das damals im Bau war, gekauft und 1970 bezogen wurde.

Zum anderen ging es um den Status der Studienabschlüsse, denn es wurde deutlich, dass nur das gute Renommee des SDI allein nicht mehr reichte. Aus den Akten lässt sich ersehen, dass in diesen Jahren, Ende der 60er und Anfang der 70er Jahre, die Statusfrage in viele Richtungen diskutiert wurde. Und dass auch wieder – wie bereits in den fünfziger und den sechziger Jahren – die Errichtung einer Hochschule im Gespräch war.

Sigrid KesterDoch wurde im damaligen Kultusministerium eine Bedarfsanalyse erarbeitet mit dem Ergebnis: Es besteht – ich zitiere aus den Akten – „keine Notwendigkeit einer akademischen Übersetzer und Dolmetscher-Ausbildung in Bayern“ Diese Aussage wurde mir vor einigen Jahren kolportierend zusammengefasst in dem Bonmot: „Studierte ho’m ma in Bayern eh’ scho gnua.“ Daher hat sich das SDI mit meinem Vorvorgänger Heinz Graf – und mit tatkräftiger Unterstützung eines jungen Landtagsabgeordneten, seit 1971 Mitglied im Kuratoriums des SDI und heute Ehrensenator unserer Hochschule, Herrn Dr. Erich Schosser [viertes Bild von oben] – also durchgerungen, das Angebot zur Errichtung einer Fachakademie für Übersetzen und Dolmetschen anzunehmen. Übrigens in einem gemeinsamen Antrag zusammen mit dem „Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde bei der Universität Erlangen-Nürnberg“.

Die damalige „Wirtschaftskorrespondentenausbildung (Wiko)“ wurde bereits zwei Jahre früher, nämlich 1973, in die Berufsfachschule für Fremdsprachenberufe, die wir bis heute betreiben, überführt. Damit waren die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen für viele Jahrzehnte geklärt und unser SDI konnte weiter wachsen und gedeihen.

Dr. Erich SchosserIn den achtziger Jahren war es dann wieder an der Zeit, sich über den Stellenwert der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern Gedanken zu machen. In der Chronik des SDI ist zu lesen: „Tatsache ist auch, daß bayerische Absolventen von Fachakademien für Fremdsprachenberufe keine Chance haben, in die Sprachendienste nationaler und supranationaler Institutionen eingestellt zu werden. Diese Entwicklung führt allmählich dazu, daß Bayern mit seiner fremdsprachlichen Ausbildungskonzeption mehr und mehr an den Rand gedrängt wird und nur noch Fremdsprachenkräfte für die heimische Wirtschaft, aber nicht für den europäischen Wirtschaftsraum produziert.“

Vor diesem Hintergrund gelang es aber, im alten Hochschulgesetz den so genannten. „Dr.-Schosser-Paragraphen“ einzubauen. Damit konnten sehr gute Absolventen des SDI an der Universität Augsburg relativ zügig einen Magister erwerben. Einige unserer besten Absolventen haben dann übrigens promoviert, einzelne sich auch habilitiert.

Etwa 10 Jahre später war es wieder soweit: Bei der 40-Jahr-Feier 1992 versprach der damalige Kultusminister Prof. Zehetmaier, uns beim 50-Jährigen zur Errichtung einer Fachhochschule zu gratulieren. Die vielen Arbeiten und Sitzungen in den neunziger Jahren brachten aber wieder nicht den gewünschten Erfolg, dem Haus aber, wenn ich es mal so sagen darf, einiges mehr an Erfahrung.Und es brachte dem Haus eine gewisse – Motivation.

Denn als ich im Jahre 2000 mein Amt antrat, stand das Haus vor mehreren Herausforderungen, von denen ich drei hier nennen möchte:

  1. die organisatorischen Strukturen und Abläufe des Hauses an die heutigen Anforderungen anzupassen,
  2. die Übersetzer- und Dolmetscherausbildung zukunftsträchtig zu gestalten und die Ausbildungsangebote des SDI noch stärker auf die Bedürfnisse des Marktes zuzuschneiden und,
  3. Räumlichkeiten zu schaffen, um den wachsenden Ansprüchen der Dozenten und der Studierenden Genüge tun, was sich natürlich erst nach der Tilgung der letzten Hypothek der Amalienstraße im Jahre 2003 als Möglichkeit herauskristallisierte.

Ad 1: Wir haben die organisatorischen Strukturen des SDI weiterentwickelt. Und wir arbeiten in einem kontinuierlichen Prozess an den Abläufen. Hier sind wir entscheidend vorangekommen, doch wird uns die Fortentwicklung von Abläufen, deren vornehmste Aufgabe doch darin besteht, inhaltliche Exzellenz, also Exzellenz der Lehre und damit Exzellenz der Absolventen, zu ermöglichen, auch in Zukunft beschäftigen.

Ad 2: Wir haben 2007 die Hochschule für Angewandte Sprachen errichtet und damit mehrere Ziele erreicht:

a) Einmal: Gute Absolventinnen und Absolventen aller bayerischen Fachakademien für Übersetzen und Dolmetschen können nun an unserer Hochschule einen Bachelor-Abschluss erwerben. Damit ist die Übersetzerausbildung in Bayern der im Rest Deutschlands – es gibt inzwischen über 20 Hochschulen in Deutschland, die Übersetzen anbieten – gleichgestellt. Und ich möchte anmerken: auch diese Regelung im Bayerischen Hochschulgesetz haben wir entscheidend Herrn Dr. Schosser zu verdanken.

b) Dann: Wir haben die Elite-Ausbildung des SDI, unseren Kodo, in den Master-Studiengang Konferenzdolmetschen überführt. Damit haben wir endlich die formale Gleichstellung unseres Kodo-Abschlusses mit den anderen Hochschulen in Europa erreicht. Den ersten Kodo-Kurs des Hauses hatte Dr. Paul Schmidt im Januar-Februar 1953 für sieben Studierende durchgeführt. Und drei haben im Sommer 1953 die Kodo-Prüfung bestanden.

c) Und wir haben schließlich neue Studiengänge eingeführt, die auf dem Markt gut nachgefragt werden. Sie haben im Mittelpunkt den professionellen Einsatz von Sprache und zwar in der Kombination Sprache und Wirtschaft sowie Sprache und Technik.

Stefan BroschwitzAd 3: Und nun zu der dritten Herausforderung, den Räumlichkeiten: Herr Stefan Broschwitz [Bild rechts], unser Geschäftsführer, hat in den sieben Jahren zwischen 2002 und 2009 über hundert Gebäude besichtigt. Jetzt sind wir hier. Auf unserem Campus.

Wie geht es jetzt mit dem SDI weiter? Was machen wir morgen? Ich kann Ihnen versichern: wir werden nicht ruhen. Wir werden uns nicht ausruhen. Wir werden nicht die Füße hochlegen.

Heute allerdings, heute möchten wir feiern. Mit ihnen gemeinsam. Denn: viele von Ihnen, die Sie heute hier sitzen, im Hintergrund stehen oder im Haus noch vorbereiten oder aus der Ferne bei uns sind, haben, manche von Ihnen entscheidend, dazu beigetragen, dass wir heute hier sind. Dass wir unser neues Gebäude und den neuen Campus haben (und die Amalienstraße gut vermietet haben). Dass wir auf unserem Campus gute Studiengänge und Ausbildungen anbieten
können. Und dass sich viele von uns, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Schülerinnen, Schüler und Studierende, hier wohl fühlen. Gerne hier sind, gerne hier studieren, gerne hier arbeiten.

Dolmetschteam SDI München
Das bei der Eröffnungsveranstaltung eingesetzte Dolmetschteam des SDI München: Cornelia Dickow, Charlotte Seebode, Christine [Nachname auf Namensschild unleserlich], Solveig Rose, Thibaut Mollard, Serena Tirinnanzi, Maria Di Pierro, Laura Ferrarotti,  Rafael Adam.

Dolmetschkabinen SDI München
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[Text: Johanna Bietau. Quelle: SDI München. Bild: SDI. Alle Aufnahmen wurden am Tag der Eröffnungsfeier gemacht.]