Künstliche Intelligenz bei Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen im Strafverfahren

Künstliche Intelligenz bei Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen im Strafverfahren
Bild: Springer

Fremdsprachige Elemente prägen zunehmend den Alltag strafrechtlicher Verfahren. Die Gründe dafür sind vielfältig: Durchlässigere Binnengrenzen innerhalb Europas, globale Migrationsbewegungen, die Digitalisierung sowie internationale wirtschaftliche Verflechtungen.

All das führt dazu, dass Gerichte und Strafverfolgungsbehörden immer häufiger vor Sprachbarrieren stehen. Dies betrifft nicht nur Verfahren gegen nicht deutschsprachige Beschuldigte, sondern ebenso fremdsprachige Beweismittel und internationale Ermittlungsmaßnahmen.

Gleichzeitig ist die Strafjustiz mit begrenzten finanziellen und personellen Ressourcen konfrontiert.

Kritik am Status quo und Potenziale der KI

Das im Juli 2026 erschienene Buch Künstliche Intelligenz bei Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen im Strafverfahren – Kritik am Status quo und Potenziale moderner Technologien von Julius Konstantin Jurgschat untersucht die aktuellen Rahmenbedingungen der Translation im Strafverfahren. Von der Kommunikation mit sprachunkundigen Verfahrensbeteiligten bis hin zur Verarbeitung fremdsprachiger Beweise und der Unterstützung bei Ermittlungsmaßnahmen.

Analysiert werden bestehende Strukturen, rechtliche Anforderungen und praktische Defizite. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen Anwendungen Künstlicher Intelligenz in diesen Konstellationen eine rechtssichere Unterstützung bieten können.

Bearbeitungszeiten könnten reduziert, Dolmetschkosten gesenkt werden

Der Autor erläutert die grundlegenden Funktionsweisen von maschinellen Übersetzungen und Dolmetschleistungen, wobei der Fokus auf neuronalen Netzwerken und Deep-Learning-Verfahren liegt.

Anschließend analysiert er die konkreten Vorteile, die Kl-Anwendungen für die Justiz bieten könnten – von der drastischen Reduzierung der Bearbeitungszeit bis hin zur Senkung der Dolmetschkosten.

Sitzungssaal alt OLG Düsseldorf
Die höheren Gerichte wie hier das Oberlandesgericht Düsseldorf sind technisch hervorragend ausgestattet. Auch in älteren Standard-Sitzungssälen wie diesem. Die Einbindung von KI-Anwendungen zur Übersetzung oder Verdolmetschung wäre durchaus denkbar. – Bild: Richard Schneider

Im Gerichtssaal sollten weiterhin Menschen dolmetschen

Allerdings wird betont, dass das Dolmetschen weiterhin in Menschenhand verbleiben sollte, da hier die nonverbale Kommunikation und kulturelle Zusammenhänge eine bedeutende Rolle spielen.

Verfahrenstranslationen und Beweistranslationen

Ein besonderer Fokus liegt auf der Unterscheidung zwischen Verfahrenstranslationen – die der Verständigung im Verfahren dienen – und Beweistranslationen, die als Beweismittel herangezogen werden.

Hier zeigt sich, dass die aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen unpräzise sind und oft zu willkürlichen Entscheidungen führen, etwa bei der Auswahl der Übersetzer oder dem Umfang der angefertigten Übersetzungen.

Commercial Court Oberlandesgericht Düsseldorf
Der neu eingerichtete Sitzungssaal des Commercial Courts am OLG Düsseldorf, vor dem vollständig auf Englisch verhandelt werden kann. – Bild: Richard Schneider

Mit aktuellen gesetzlichen Vorgaben vereinbar?

Ein zentrales Thema der Abhandlung ist die rechtliche Einordnung: Sind maschinelle Translationen mit den aktuellen gesetzlichen Vorgaben vereinbar? Welche Anpassungen wären nötig, um einen rechtssicheren Einsatz zu gewährleisten? Dabei wird insbesondere auf die EU-KI-Verordnung und deren Auswirkungen auf den Justizbereich eingegangen.

Abschließend werden praktische Anwendungsfälle diskutiert, etwa die Übersetzung von Haftbefehlen, Anklageschriften oder Vernehmungsprotokollen, sowie die Herausforderungen bei der Verarbeitung von Dialekten, Umgangssprache und kulturellen Besonderheiten.

Jurgschat zeigt auf, dass Kl-gestützte Translationen zwar bereits heute in vielen Bereichen eine wertvolle Unterstützung bieten können, jedoch eine sorgfältige Implementierung und kontinuierliche Qualitätskontrolle erforderlich sind, um die Grundrechte der Beteiligten zu wahren und die Verfahrensfairness zu gewährleisten.

Der Autor formuliert konkrete Empfehlungen für Gesetzesänderungen. Damit könnte der Einsatz von Kl im Strafverfahren rechtlich abgesichert und gleichzeitig die Transparenz und Qualität der Übersetzungen gewährleistet werden.

Der Text liefert damit nicht nur eine fundierte Analyse der aktuellen Probleme, sondern auch praxisnahe Ansätze für eine modernere und effizientere Strafrechtspflege.

Dolmetschkabine Oberlandesgericht Düsseldorf
Eine der Dolmetschkabinen im Oberlandesgericht Düsseldorf. Hier, im Keller des Hauptgebäudes, wurde 1975 der DDR-Spion Günter Guillaume zu 13 Jahren Haft verurteilt. – Bild: Richard Schneider

Autor arbeitet als Rechtsanwalt

Julius Konstantin Jurgschat hat Rechtswissenschaften an der Universität Münster studiert. Er absolvierte sein Referendariat am Landgericht Essen, unter anderem mit Stationen an der Deutschen Botschaft in Bangkok sowie in der Rechtsabteilung eines DAX-Konzerns. Heute ist er als Rechtsanwalt tätig.

Justitia OLG Düsseldorf
Justitia-Darstellung im Plenar-Sitzungssaal des OLG Düsseldorf. – Bild: Richard Schneider

Bibliografische Angaben

  • Julius Konstantin Jurgschat (2026): Künstliche Intelligenz bei Dolmetsch- und Übersetzungsleistungen im Strafverfahren. Kritik am Status quo und Potenziale moderner Technologien. Wiesbaden: Springer Fachmedien. 329 Seiten, 89,99 Euro (Buch), 69,99 (PDF), ISBN 978-3-658-52618-4.

Springer Verlag, Richard Schneider