Von „Kitsch“ zu „kitsi“ – Wie ein deutsches Wort ab 1908 Eingang in die finnische Sprache fand

Gartenzwerg Gartenzwerge Kitsch
Bild: Alexa / Pixabay

In der Vorweihnachtszeit teilen sich wieder die Geister, wenn es um Fragen der Dekoration geht. Was für die einen anmutig und formschön ist, wird von anderen als Kitsch abgetan. Auch in Finnland, dem Land der klaren nordischen Formsprache, wird das deutsche Wort Kitsch verwendet. In einer neuen sprachwissenschaftlichen Untersuchung zeigt Prof. Dr. Marko Pantermöller, Professor für Fennistik an der Universität Greifswald, wie das deutsche Wort Kitsch zunächst als Bezeichnung für ein als Deutsch empfundenes Phänomen den Weg in die finnische Sprache fand.

1908 tauchte Kitsch zum ersten Mal in der finnischen Presse in der Übersetzung eines Interviews mit dem Maler Akseli Gallen-Kallela auf. Damals war der Begriff noch so fremd, dass er eingeklammert, umschrieben und typografisch markiert wurde. Von einer festen Bedeutung konnte noch keine Rede sein. Und doch begann hier die finnische Reise eines Wortes, das bald weit über den deutschen Sprachraum hinausweist.

Vom Zitat zur kulturellen Referenz

Neue Forschungen zeigen, wie Kitsch im Finnischen zunächst als exotische Zitatentlehnung auftauchte: meist großgeschrieben, in Anführungszeichen und begleitet von erklärenden Umschreibungen. „Oft verbanden finnische Autoren den Begriff mit Deutschland selbst: mit dessen Kunsthandel, Konsumkultur oder politischer Propaganda“, erläutert Prof. Dr. Marko Pantermöller. „Kitsch“ war ein deutsches Exportprodukt – zunächst semantisch, später kulturkritisch.

Erst ab den 1970er Jahren setzte eine regelrechte Popularisierung ein. Zeitungen, Kritiker und Kulturschaffende griffen das Wort nun selbstbewusst auf – nicht mehr als Fremdkörper, sondern als präzises Schlagwort für massenkulturelle Übertreibungen, sentimentale Ästhetik und postmoderne Alltagskunst. Parallel dazu hielten zunehmend integrierte finnische Formen wie kitsi Einzug in Nachschlagewerke und schließlich in den Kernwortschatz des Kielitoimiston sanakirja, dem finnischen Duden.

Deutsches Wort im finnischen Alltag

Die Entwicklung von Kitsch zeigt exemplarisch, wie ein deutsches Wort im Finnischen vom zitathaften Import zum festen Bestandteil der Alltagssprache werden kann. Prof. Dr. Marko Pantermöller sagt: „Das Wort hat sich vom kulturgebundenen Ausdruck zum echten Internationalismus entwickelt.“

Eine Besonderheit, denn nur sehr wenige deutsche Lehnwörter fanden in die finnische Sprache Eingang, die auch sonst versucht, möglichst ohne Fremdwortschatz auszukommen. Nachdem Kitsch im finnischen Einzug hielt, wurde es auch in weitere Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch gebräuchlich.

Von Kitsch zu kitsi

Heute begegnet man Kitsch in Finnland überall: in Feuilletons, in Alltagsdebatten über Dekor, Popkultur oder Politik und zunehmend auch in kreativen Wortbildungen. Das deutsche Kitsch ist zu einem finnischen kitsi geworden und damit Teil der Diskussion global-ästhetischer Fragen in der finnischen Sprache.

Etymologie im Deutschen unklar

Zur Herkunft der Bezeichnung steht in der Wikipedia:

Die genaue Abkunft des wahrscheinlich in den 1870er Jahren im Münchner Kunsthandel entstandenen Wortes bleibt unsicher und wird verschieden gedeutet. Der älteste bisher bekannte Beleg stammt aus dem Jahr 1878. […] Die jüngere Forschung zur Etymologie des Kitschbegriffs konnte bereits für das Jahr 1860 einen Beleg für die Verwendung des Begriffs in Verbindung zu einem ästhetischen Gegenstand ausfindig machen.

Manche meinen, das Wort stamme vom englischen sketch (Skizze) ab, andere tippen auf die jiddische Sprache (verkitschen – jemandem etwas andrehen). Wieder andere verweisen darauf, dass das Hindustani-Wort für Töpferton recht ähnlich klingt. Über die Zigeunersprachen sei es ins Deutsche gelangt.

Definition schwierig, Ausdruck kaum übersetzbar

Da es nicht so einfach ist, den deutschen Ausdruck Kitsch zu definieren, wird er oft unverändert in andere Sprachen übernommen, heißt es in der Wikipedia:

Die Schwierigkeit, Kitsch zu definieren, zeigt sich nicht zuletzt in der „Unübersetzbarkeit“ des deutschen Wortes. Britische Übersetzer zählten Kitsch zu den zehn am schwierigsten zu übersetzenden Begriffen; im Englischen verwendet man das Wort kitsch ebenfalls. Auch im Französischen gibt es keine adäquate Übersetzung, das Wort kitsch wird daher zum Teil auch dort verwendet. Zahlreiche Sprachen haben das Wort übernommen, darunter die türkische Sprache (kitsch oder kiç) und selbst die griechische Sprache (κιτς), welche mit wenigen Fremdwörtern auskommt.

Weiterführender Link

Der Aufsatz „Vom kulturgebundenen Ausdruck zum Internationalismus: Das deutsche Wort Kitsch im Kontext usueller und normativer Integration im Finnischen“ von Marko Pantermöller erschien im Sammelband Pantermöller, M., Järventausta, M., Kolehmainen, L., Kujamäki, P. (Eds.) (2025). Kulturen, Konvergenzen und Kommunikation: Begegnungen zwischen Finnland und dem deutschsprachigen Raum. (Mémoires de la Societé Néophilologique de Helsinki; Vol. 114). Société Néophilologique. https://doi.org/10.51814/8ctme436

PM Universität Greifswald, red