Gamescom: Pflichtveranstaltung für Lokalisierungsdienstleister

Gamer auf der Gamescom
Mit Computerspielen werden allein in Deutschland pro Jahr 3,5 Mrd. Euro umgesetzt (nur für Software), weltweit 43,8 Mrd. US-Dollar. - Bild: Gamescom

Zurzeit läuft in Köln die Gamescom. Die nach Ausstellungsfläche und Besucherzahl weltweit größte Messe für Computer- und Videospiele ist für Dienstleister, die sich um die Lokalisierung der Software kümmern, eine Pflichtveranstaltung. Wir haben mit einigen Experten für die Übersetzung und Adaptierung von Spielen gesprochen.

Roger Schoenberg, Michael Buss (4-Real Intermedia GmbH)
Roger Schoenberg (links) und Michael Buss sind zwei der drei Geschäftsführer der 4-Real Intermedia GmbH. – Bild: UEPO.de

4-Real Intermedia GmbH

Die Geschäftsführer der 4-Real Intermedia GmbH gehören zum Urgestein der Gamescom. Seit die Messe in Köln stattfindet, also ab 2009, sind sie jedes Jahr dabei. Auch vorher schon, als die Veranstaltung von 2002 bis 2008 noch unter dem Namen Games Convention in Leipzig stattfand, sind sie regelmäßig zum Gipfeltreffen der Branche gepilgert.

Für Roger Schoenberg und Michael Buss ist die Gamescom die bedeutendste aller Gaming-Messen: “Wir treffen dort einmal im Jahr alle unsere Kunden persönlich.” Das Marktsegment der Lokalisierung entwickle sich positiv und sei von der deutschen Entwicklerszene (die Probleme hat) unabhängig, weil die Aufträge überwiegend aus dem Ausland kommen.

Ihr 1999 gegründetes Unternehmen bietet sämtliche Dienstleistungen rund um die Lokalisierung von Computer- und Videospielen an – bis hin zur Grafik-Lokalisierung und Tonaufnahmen. Im hauseigenen Studio am Offenbacher Hauptsitz bei Frankfurt am Main werden professionelle Schauspieler und Synchronsprecher mit dem Einsprechen der übersetzten und adaptierten Sequenzen betraut.

Bei 4-Real Intermedia wird weit überwiegend – aber nicht nur – aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt – übrigens auch für deutsche Kunden, die oft zunächst eine englischsprachige Urfassung erstellen. Aus dieser wird dann in alle anderen Sprachen übersetzt. Als Translation-Memory-System dient memoQ.

Kleinere Projekte können vollständig intern abgewickelt werden, bei größeren zieht man je nach Bedarf Teams aus freien Übersetzern hinzu. Grundsätzlich werden alle Übersetzungen zur Qualitätssicherung intern lektoriert und korrigiert.

Local Heroes Worldwide
Sebastiaan de Witte (links), Localization Manager, und sein Kollege Vincent Leeuw von Local Heroes Worldwide aus den Niederlanden bieten ihren Kunden eine “kick-ass localization”. – Bild: UEPO.de

Local Heroes Worldwide B.V.

“World class kick-ass local game translation and dubbing services” bietet die Local Heroes Worldwide B.V. aus den Niederlanden an. In 22 Jahren haben die Helden der Lokalisierung in Utrecht mehrere Tausend Spiele für Mobiltelefone, PCs und Konsolen an regionale Märkte angepasst.

Sebastiaan de Witte und Vincent Leeuw präsentierten das Unternehmen im orange gehaltenen Pavillon des diesjährigen Partnerlandes Niederlande.

Alpha CRC, Francesca Sorrentino
Francesca Sorrentino ist Program Manager Alpha Games bei Alpha CRC und vertritt ihr Unternehmen gut gelaunt auf dem britischen Gemeinschaftsstand. – Bild: UEPO.de

Alpha Games (Alpha CRC Ltd)

Alpha CRC Ltd besteht seit 1987 und beschäftigt heute rund 400 Angestellte. Von Anfang an gehörte auch die Lokalisierung von Software und Spielen zum Leistungsangebot.

2003 wurden diese Dienstleistungen im Geschäftsbereich Alpha Games zusammengeführt. Die mehr als 40 Mitarbeiter von Alpha Games übernehmen die gesamte Prozesskette vom Projektmanagement über die Übersetzung und Qualitätssicherung bis hin zu Audioaufnahmen und Untertitelung.

Die Lokalisierung macht inzwischen rund 15 Prozent des Gesamtumsatzes der Alpha CRC aus – Tendenz steigend.

Boffin Language Group
Richard Shi (links), CEO der Boffin Language Group, präsentiert sein Unternehmen als Spezialist für asiatische Sprachen. – Bild: UEPO.de

Boffin Language Group

Eine lange Anreise hatten die Vertreter der Boffin Language Group, die neben Niederlassungen im chinesischen Shenzhen und Changsha auch eine Vertretung in Toronto unterhält.

Der seit 1997 in der Lokalisierung tätige Sprachdienstleister versteht sich als Spezialist für asiatische Sprachen. Hierzu gehören die verschiedenen Varianten des Chinesischen ebenso sowie Japanisch, Koreanisch und Thai.

Mit weiteren ebenfalls auf der Messe vertretenen Lokalisierern konnten wir aus zeitlichen Gründen leider nicht mehr persönlich sprechen:

Altagram GmbH

Marie Amigues
Marie Amigues – Bild: Altagram

Die Berliner Altagram GmbH ist ein Komplettanbieter für die Lokalisierung von Computer- und Videospielen mit Niederlassungen in Seoul und Montreal. Zum Angebot des 2006 von Marie Amigues gegründeten Unternehmens gehören auch Tonaufnahmen, also die Synchronisierung von Sprachsequenzen.

Das 60-köpfige Team arbeitet in 50 Sprachen und hat bereits mehr als 4.000 Spiele lokalisiert.

LocalizeDirect Ltd

Die seit mehr als zehn Jahren bestehende schwedische LocalizeDirect Ltd unterhält auch eine Niederlassung in Vietnam. Das Unternehmen wurde von ehemaligen Spieleentwicklern gegründet, hat 40 Sprachen im Angebot und kann auf eine Palette von mehr als 600 lokalisierten Spielen zurückblicken.

Dorothee Bär, Malu Dreyer
Politprominenz auf der Messe für Computerspiele: die Staatsministerin für Digitalisierung, Dorothee Bär (2.v.l.), und Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz (3.v.l). Kommt die versprochene staatliche Förderung der Games-Branche? Immerhin hat diese die Filmbranche längst überholt: Umsatz Deutschland (2018): Gaming 3,5 Mrd. Euro (nur Software), Film: 3 Mrd. Euro; weltweit steht es 43,8 zu 41,7 Mrd. US-Dollar. – Bild: UEPO.de

Lohnt sich ein Gamescom-Besuch für Übersetzer?

Computer gestohlen
Auch so etwas passiert auf der Gamescom – in Halle 2.1, die Geschäftsleuten vorbehalten ist. Nach Angaben des Standpersonals sind die Computer über Nacht entwendet worden, obwohl Wachleute der Messe dort hätten patrouillieren sollen.

Wenn man die Messe nicht nur als Konsument, sondern als (Mit-)Produzent der dort präsentierten Produkte besuchen und Geschäftskontakte knüpfen möchte, dann ist dies nur als Fachbesucher sinnvoll.

Die Messe ist grundsätzlich in Fachbesucher- und Privatbesucherhallen aufgeteilt (Business Area und Entertainment Area, Halle 1 bis 4 bzw. 5 bis 11). Wobei Fachbesucher (und Medienvertreter) zu allen Hallen Zutritt haben. Privatbesucher gelangen hingegen nur in die Entertainment Area.

Gelten Übersetzer und Lokalisierer als Fachbesucher? Wer sich online als Fachbesucher registriert, muss ein Legitimationsdokument hochladen. Freiberufler können aber keinen Gewerbeschein vorweisen.

Nach Auskunft der Fachbesucher-Hotline reicht jedoch eine Eigenerklärung in Form einer PDF-Datei als Nachweis aus. Im Text sollte man kurz darstellen, dass man als Übersetzer an der Lokalisierung von Computerspielen beteiligt ist. Sinnvoll ist auch die Einbindung eines Links zur eigenen Website oder zum beruflichen Profil bei Netzwerken wie Xing oder LinkedIn, damit die Angaben überprüfbar sind.

Praktische Tipps für Messebesucher

Als Fachbesucher sollte man beachten, dass die Business Area nur an drei Tagen besteht, nämlich von Dienstag bis Donnerstag. Donnerstagabend wird bereits abgebaut.

Privatbesucher haben hingegen vier Tage lang Zutritt zur Entertainment Area, und zwar von Mittwoch bis Samstag. Für sie beginnt die Messe also einen Tag später, dauert aber zwei Tage länger.

Für Fachbesucher am angenehmsten ist der Dienstag, an dem die gesamte Messe – auch die Entertainment Area – für Fachbesucher und Medienvertreter reserviert ist, sowie der Mittwoch und Donnerstag. Vor allem am Freitag und Samstag werden die Hallen von Kindern und Jugendlichen gestürmt.

Im Gegensatz zu anders lautenden Gerüchten sind die Hallen aber nie überfüllt, denn die Zahl der Karten pro Tag ist begrenzt. Sobald das Limit erreicht ist, wird der Ticketverkauf eingestellt. Das ist für Samstag meist zwei Monate und für Freitag zwei Wochen vor Messebeginn der Fall. Außerdem sind die Gänge in den Hallen zur Bewältigung der Besuchermassen geschätzt dreimal so breit wie bei normalen Messen, damit keine Staus entstehen.

Stundenlange Wartezeiten, von denen man häufig liest, entstehen nur für diejenigen, die ein noch nicht veröffentlichtes Spiel auf der Messe bereits anspielen wollen. Diese Möglichkeit, schon Monate vor dem offiziellen Verkaufsstart lang erwartete neue Spiele wie Cyberpunk oder neue Versionen etwa von Doom auf exzellenter Hardware testen zu können, macht für passionierte Gamer den besonderen Reiz der Gamescom aus. Für Fachbesucher ist dieser Aspekt aber weitgehend irrelevant.

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[Text: Richard Schneider.]