phoenix will Gebärdensprachdolmetscher abschaffen – Proteste von Gehörlosen und Politikern

phoenix„Mit der Einführung von Untertitelungen entfällt die bei Tagesschau und heute journal bislang eingesetzte Gebärdensprache.“ Dies teilte der von ARD und ZDF gemeinsam betriebene Dokumentationssender phoenix in einer Pressemitteilung am 28. Juni 2013 mit. Tenor der Mitteilung: Der Einsatz von Untertiteln wird ausgeweitet, dafür werden im Gegenzug die Gebärdensprachdolmetscher abgeschafft.

Unter der Überschrift „phoenix weitet Angebot für Gehörlose und Hörgeschädigte aus“ wurde dies als Fortschritt verkauft. Am 8. Juli 2013 sollten die Änderungen umgesetzt werden. Doch daraus wurde nichts, denn einflussreiche Kreise erhoben Einspruch.

Protest von Gehörlosen und Politikern

Julia Probst

Die Gehörlose Julia Probst will für die Piratenpartei in den Bundestag einziehen

Die Gehörlose Julia Probst (31), die im September für die Piraten in den Bundestag einziehen will, fühlt sich „überfahren“ von der Senderentscheidung. In einer Pressemitteilung ihrer Partei erklärt sie als unmittelbar Betroffene:

Mit dieser Entscheidung gibt Phoenix ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal im deutschen Fernsehen auf. Denn bisher war Phoenix der einzige Fernsehsender, der für gehörlose Menschen Informationen zum alltäglichen Geschehen in ihrer Muttersprache – der Gebärdensprache – angeboten hat. Mit der Streichung der Gebärdensprachdolmetscher stiehlt sich der Sender aus seiner Verantwortung […].

Für mich bleibt es unverständlich, warum Phoenix nicht einfach beides anbietet: Untertitel und Gebärdensprache. Und das insbesondere vor dem Hintergrund, dass Gehörlose, Schwerhörige und Blinde seit dem 1. Januar 2013 einen verpflichtenden Rundfunkbeitrag von 6 Euro monatlich zahlen und damit auch ein Anrecht auf ein auf sie zugeschnittenes Programm haben. So können Gehörlose mit der Muttersprache Gebärdensprache und Schwerhörige, die auf Untertitel angewiesen sind, zusammen die Nachrichten anschauen.

Hubert Hüppe

Hubert Hüppe ist Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen

Ins gleiche Horn stößt Hubert Hüppe (CDU), Mitglied des Bundestages und „Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen“, gegenüber der Süddeutschen Zeitung:

„Ich finde es gut, wenn mehr Programme untertitelt werden, aber es ist absolut untragbar und nicht erforderlich, dass dafür die Gebärdensprache aus den Sendungen genommen wird.“

Untertitel seien kein Ersatz für Gebärdensprachdolmetscher, denn: „Die Gebärdensprache steht für eine eigene Kultur, um die die gehörlosen Menschen auch sonst stets kämpfen müssen. Ausgerechnet Nachrichtensendungen ohne Gebärdensprache zu zeigen, ist da ein fatales Signal. Zum anderen geht es um das praktische Verständnis; viele gehörlose Menschen haben mit der Schriftsprache Probleme.“

Auch für Maria Michalk, Beauftragte für Menschen mit Behinderungen der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, ist die Senderentscheidung nicht nachvollziehbar:

Maria Michalk

Maria Michalk, Beauftragte für Menschen mit Behinderungen der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag

Rund 80.000 gehörlose und hörgeschädigte Menschen in Deutschland können künftig nicht mehr die Tagesschau oder das heute journal in ihrer Sprache verfolgen. Seit 2002 ist die Gebärdensprache als eigenständige Sprache auch in Deutschland anerkannt. Für diese Bürgerinnen und Bürger ist diese Entscheidung ein Schlag ins Gesicht. Aus Sicht von CDU und CSU müssen diese bisher bestehenden Angebote in Gebärdensprache unbedingt erhalten bleiben. Die Intendanten von ARD und ZDF sollten besser darüber beraten, welche zusätzlichen Sendungen von Gebärdensprachdolmetschern begleitet werden können.

phoenix rudert (vorerst) zurück

Nach der heftigen Kritik der in öffentlich-rechtlichen Sendern einflussreichen politischen Parteien nahm phoenix die geplanten Änderungen kurzerhand wieder zurück. Gudrun Hindersin, Leiterin phoenix-Kommunikation, schrieb kurz und knapp auf der Website des Dokumentationskanals:

Zu der geplanten Umstellung und dem Ausbau von barrierefreien Angeboten hat phoenix in den vergangenen Tagen Zustimmung, aber auch Kritik von Verbänden und Interessensvertretungen erhalten. Der Sender nimmt diese Kritik ernst und wird deshalb das Gespräch mit den Verbänden suchen. In der Zwischenzeit wird phoenix die Gebärdensprach-Dolmetschung zunächst fortführen.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilungen phoenix, 2013-06-28, 2013-07-03. Süddeutsche Zeitung, 2013-07-03. Pressemitteilung CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Juli 2013. Pressemitteilung Piratenpartei, 2013-07-03. Bild: phoenix, Paul Blau / Piratenpartei, Pressebild Hüppe, Pressebild Michalk.]

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