„Bili“ – ein Erfolgsmodell? Erfahrungen mit dem bilingualen Unterricht an einer Kölner Realschule

Schulklasse„Good Morning Mr. Schaefer.“ Mit diesen Worten begrüßen die Schüler der 8b der Eichendorff-Realschule in Köln-Neuehrenfeld an diesem Morgen nicht etwa ihren Englischlehrer, sondern ihren Geographielehrer. Und das ist ganz normal. Schließlich besuchen sie den bilingualen Zweig ihrer Schule und lernen unterdessen nicht nur im Sprachunterricht Englisch, sondern auch im Geographie- und Geschichtsunterricht. Denn in beiden Fächern ist Englisch Unterrichtssprache.

Roman Schaefer, seit zehn Jahren Lehrer an dieser Kölner Realschule, teilt Arbeitsblätter aus. „I would like to ask you, to find some ideas together with your partner. What do you think of, when you think of California?“ Zeit ihn zu fragen, ob es denn nicht wesentlich aufwendiger ist, Geographie in englischer Sprache zu unterrichten als auf Deutsch. Er überlegt nicht eine Sekunde: „Aufwendiger schon – aber auch viel interessanter.“

Vor gut 20 Jahren hat der Rektor der Eichendorff-Realschule, Wolfgang Biederstädt – selbst Englischlehrer und unterdessen auch Schulbuchautor und Lehrbeauftragter an der Uni Köln – den bilingualen Unterricht an seiner Schule eingeführt.

Seine Motivation? „Wir wollten den Schülern die besonders sprachbegabt sind, Möglichkeiten eröffnen, sich besser für ihren Beruf zu profilieren. Gerade in Köln gibt es eine ganze Menge an interessanten Arbeitsmöglichkeiten, für die man nicht zwangsläufig Abitur und Studium braucht. Beispielsweise  in der Verwaltung einer amerikanischen Firma, die hier ansässig ist oder aber  – ein etwas ausgefallenes Beispiel – in einer Zweiradwerkstatt, die ausschließlich amerikanische Motorräder repariert und alle Bedienungs- und Reparaturanleitungen nur auf Englisch bekommt. Und auch im Informatikbereich gibt es etliche Berufe für Realschüler, bei denen ihnen dann ihre Englischkenntnisse zugutekommen.“

Zugute kommt den Schülern der bilinguale Unterricht auf jeden Fall, das zeigte schon die Sonderauswertung zur DESI-Studie (Deutsch Englisch Schülerleistungen International) im Jahr 2006: „Schüler in bilingualen Klassen haben einen sehr deutlichen Kompetenzvorsprung in allen Bereichen. Insbesondere kommen sie im Hörverständnis fast doppelt so schnell voran, wie andere Klassen.“

Schüler müssen die fachspezifischen Begrifflichkeiten in beiden Sprachen kennen

Doch aller Anfang ist schwer – das Sprichwort stimmt nur allzu oft: Für den bilingualen Unterricht gab es anfangs weder speziell ausgebildeten Lehrer noch die passenden Materialen. Studiengänge, Schulbücher und Arbeitsmaterialien wurden erst im Laufe der Zeit entwickelt. „Mittlerweile gibt es Lehrwerke für jedes Sachfach, das bilingual unterrichtet wird. Sie orientieren sich am Curriculum des jeweiligen Fachs und stellen außerdem sicher, dass die Schüler die fachspezifischen Begrifflichkeiten  in beiden Sprachen kennen.“

In der 7b hat Christina Sommer die Tafel mit verschiedenen Symbolen bestückt: Smileys wie das @-Zeichen, ein Friedenssymbol, das Symbol einer großen Fastfood Kette oder für den Notausgang. Ohne Scheu vor möglichen fehlenden Vokabeln oder sprachlichen Schnitzern melden sich die Schüler und versuchen, die verschiedenen Symbole zu erklären. Das Ziel von Christina Sommer in dieser bilingualen Geschichtsstunde:  sich  Ludwig dem XIV. zu nähern – und zwar über das Sonnensymbol.

Die Englisch- und Geschichtslehrerin hat nach ihrem Lehramtsstudium noch ein Masterstudium für bilinguales Unterrichten absolviert und in der Eichendorff-Realschule den idealen Arbeitsplatz gefunden. Eine spannende Herausforderung und eine, die Spaß macht, so die junge Lehrerin. Am Ende  dieser Unterrichtsstunde, die so harmlos mit bekannten Symbolen und ihren Beschreibungen begann, beschreiben die Siebtklässler in nahezu perfektem Englisch, warum Louis der XIV.  die Sonne für sich als Emblem gewählt hat.

Die Sprachsensibilität aller Schüler fördern

SchulklasseNicht eine der Schülerinnen oder einer der Schüler wirken in dieser Stunde gelangweilt oder überfordert. Alle arbeiten konzentriert mit. Während sie ihre Arbeitsblätter ausfüllen, geht Christina Sommer von Tisch zu Tisch, beantwortet zusätzliche Fragen und ermuntert ihre Schüler, das, was sie ausdrücken wollen, zu beschreiben, auch wenn sie die passende Vokabel nicht kennen. Klar wäre es einfach, auf die Frage „Was heißt einzigartig?“ mit der passenden Vokabel zu antworten, aber das macht Christina Sommer nicht: „If you don’t know the word, you just try to describe it.“

Denn es geht nicht um reines Vokabelwissen, sondern um Sprachsensibilität – ein Begriff, den  Wolfgang Biederstädt gern nutzt. Was er damit meint, erklärt er an einem Beispiel. „Wenn ich als Lehrer das Thema Klimadiagramm  in meiner Klasse behandeln will, dann muss ich in einer bilingualen Klasse die notwendige Sprache liefern, also unter anderem „this is a climate graph about“  und „temperature is rising“. Ich muss mich also sehr genau mit Sprache und Umschreibungen befassen, muss sprachliche Hilfen geben. Und diese Methode übertrage ich dann auch auf den  deutschgeführten Geographieunterricht und fördere damit auch die Sprachsensibilität dieser Schüler.“

Zweiter Vorteil: Auch in den nicht-bilingualen Klassen wird immer mal wieder bilingual unterrichtet, berichtet Wolfgang Biederstädt. „Zum einen sind geographische oder historische Themen auch in die normalen Englischwerke eingeflossen, zum anderen  gibt es aber auch Modulhefte für den bilingualen Unterricht, etwa zum Thema amerikanische Revolution, die auch Lehrer in Regelklassen nutzen, um dann das Fach Geschichte für einen begrenzten Zeitraum auf Englisch zu unterrichten.“

„Der Unterricht ist einfach nicht so langweilig“

In den Klassen 5 und 6 zwei bis drei Stunden mehr Englischunterricht, ab Klasse 7 das Fach Geschichte in englischer Sprache, ab Klasse 8 auch Geographie und schließlich noch Politik. Schüler im bilingualen Zweig müssen also deutlich mehr leisten als ihre Mitschüler in den Parallelklassen. Warum entscheiden sie sich dennoch dafür?

„Ja, es ist mehr Arbeit“, gibt Sevcan unumwunden zu. „Aber wir verstehen alles und es macht mehr Spaß. Der Unterricht ist einfach nicht so langweilig.“ „Studieren wollen wir fast alle“, erzählt Aylin, „und manche von uns im Ausland. Also Amerika, das könnte ich mir gut vorstellen!“ Und Muhammed will Pilot werden. „Da muss man fit im Englischen sein“, erklärt er.

Für Aylin, Sevcan und Muhammed ist Englisch nicht die erste Fremdsprache. Die war nämlich Deutsch. Ihre Muttersprachen sind Türkisch, Russisch und Kurdisch. „Deutsch war sogar meine dritte Sprache“, berichtet Muhammed stolz. „Zu Hause habe ich kurdisch gelernt, von den Nachbarn Türkisch und dann Deutsch. Man muss einfach zuhören, dann lernt man auch die Sprache.“

Neben Englisch auch noch Französisch und Spanisch

„Menschen, die zweisprachig aufgewachsen sind, können schneller und besser eine neue  Sprache lernen, als solche, die mit nur einer  Sprache groß geworden sind. Klar, auch ich muss mich hinsetzen und lernen, aber es fällt mir leichter“, so die Erfahrung von Aylin.

Die kann auch Wolfgang Biederstädt bestätigen: „Wenn diese Kinder ihre Muttersprache gut beherrschen und Deutsch als Zweitsprache sprechen, dann hilft ihnen die Kenntnis der beiden Sprachen beim weiteren Sprachenlernen. Viele unserer Schüler wählen zusätzlich Französisch ab Klasse 6 und dann ab Klasse 9 noch Spanisch. Gut 20 Prozent unserer bilingualen Schülerinnen und Schüler tun das – und das kann ich nur bewundern!“

Was aber nicht heißt, dass alle Kinder in den bilingualen Klassen Überflieger sind. „Auch bilinguale Klassen sind heterogen und Lehrer müssen mit den Prinzipien der Differenzierung und mit kooperativen Lernformen arbeiten. Denn auch in einer bilingualen Klasse können die Schüler unterschiedlich gut mit Texten umgehen.“

Der immer mal wieder geäußerten Kritik, das Fachwissen im bilingualen Unterricht werde vernachlässigt, weil die Sprache zu viel Raum einnehme, tritt Wolfgang Biederstädt selbstbewusst entgegen. „Diese Kritik ist unbegründet. Es wird stärker auf das Verstehen geachtet, tatsächlich treten Grammatik und die sprachliche Korrektheit eher in den Hintergrund, weil im bilingualen Unterricht die Grundregel gilt „message before form“. Noch deutlicher formuliert es Aylin: „Wir lernen nicht nur genauso viel wie die Schüler in der Parallelklasse, wir lernen viel mehr, weil wir in einer anderen Sprache konkret auf die Inhalte eingehen müssen.“

Zum Autor dieses Artikels

Bilingual unterrichtenWolfgang Biederstädt ist Englischlehrer aus Leidenschaft. Als Schulleiter an der Eichendorff-Realschule in Köln erlebt er die aktuellen Herausforderungen hautnah. Seit 25 Jahren berät er den Cornelsen Verlag. Unter seiner Ägide entstanden sehr erfolgreiche Lehrwerkskonzeptionen für den Englischunterricht. Er ist einer der Herausgeber von English G Lighthouse und English G21. An der Universität zu Köln führt er Seminare zum bilingualen Unterricht durch. In der Reihe Scriptor Praxis ist sein Ratgeber „Bilingual unterrichten“ (ISBN 978-3-589-03914-2) erschienen. Blättern im Buch hier:

www.cornelsen.de/bgd/97/83/58/90/39/14/2/9783589039142_x1LIAB/index.html

Ausführliche Informationen zu den Cornelsen-Lehrmaterialien für den bilingualen Unterricht finden Sie unter:

www.cornelsen.de/bilingual

[Text: Wolfgang Biederstädt. Quelle: Pressemitteilung Cornelsen Schulverlage GmbH, 2013-07-03. Bild: Gennadiy Poznyakov / Fotolia.de, Pressmaster / Fotolia.de, Cornelsen.]

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