Der Cent und die Aussprache: [sɛnt] oder [tsɛnt]?

1 Cent
Bild: EZB, gemeinfrei

„Es reicht, wenn wir die DM aufgeben. Dann sollen wenigstens die Namen der Münzen deutsch gesprochen werden“, hat Prof. Dr. Walter Krämer, der Vorsitzende des Vereins Deutsche Sprache (VDS), an Silvester gefordert.

Anlass für seinen Zwischenruf war eine Richtlinie des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF). Dieses hatte seine Sprecher angewiesen, den Cent stets englisch auszusprechen, also mit stimmlosem s. In den Ohren von Krämer kommt dies jedoch einer „würdelosen Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur“ gleich. Im Deutschen müsse es vielmehr [tsɛnt] heißen.

Tatsächlich gibt es in der deutschen Hochsprache das stimmlose s nur in der Wortmitte und am Wortende. Am Wortanfang kommt es lediglich in Fremdwörtern wie Sex, Single oder Center vor.

GfdS sieht es ähnlich wie VDS

Unterstützung bekommt Krämer diesmal auch von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS, 1947 gegründet, 2.500 Mitglieder). Die im Vergleich zum hemdsärmeligen VDS (1997 gegründet, 13.000 Mitglieder) recht distinguiert wirkende GfdS stand den öffentlichkeitswirksamen Aktionen des sprachpflegerischen Konkurrenzvereins bislang meist kritisch gegenüber. In diesem Fall erläutert jedoch Gerhard Müller von der GfdS:

Das [mit der Cent-Aussprache] sehen wir ähnlich, aber man soll ja keine Glaubensfrage draus machen. Die Eingliederung in den nationalen Wortschatz vereinfacht das Sprachleben. Wir sagen schon seit dem 15. Jahrhundert ,Zentner‘ (hundert Pfund), obwohl es vom lateinischen ,centum‘ (hundert) kommt.

ZDF-Zuschauer plädieren für [tsɛnt]

Das vom VDS gescholtene ZDF hat unterdessen eine telefonische Zuschauerbefragung durchgeführt, zu der heute-journal-Moderator Wolf von Lojewski aufgerufen hatte. Bis Freitagmittag hatten nach Angaben des Senders mehr als 15.000 Zuschauer ihr Votum abgegeben.

Das Zwischenergebnis der Umfrage, die noch bis Sonntagabend läuft, ist eindeutig:

  • 70,1 Prozent sind für die deutsche Aussprache [tsɛnt].
  • 29,9 Prozent haben sich für [sɛnt] entschieden.

Keine einheitliche Aussprache in Europa, [sɛnt] sogar in Minderheit

Ein ZDF-Sprecher hatte am Dienstag noch erklärt, die Anweisung an die Moderatoren sei im europäische Sinne getroffen worden, um eine einheitliche Aussprache im Euroraum zu gewährleisten. Ein Scheinargument, das von völliger Unkenntnis der sprachlichen Gegebenheiten in Europa zeugt.

Tatsächlich wird in weniger als der Hälfte der Staaten des Euroraums der Cent wie im Englischen ausgesprochen. Eine kurze Recherche ohne Anspruch auf Vollständigkeit und unter Ausschluss des Deutschen fördert folgende Aussprachevarianten zutage:

  • [s] 8 Mal, u. a. im Englischen, Dänischen, Niederländischen, Französischen
  • [ts] 9 Mal, u. a. im Kroatischen, Ungarischen, Lettischen, Polnischen, Slowakischen, Slowenischen
  • [tʃ] 3 Mal, im Italienischen, Rumänischen, Maltesischen
  • [Θ] 1 Mal, im Spanischen

Den Briten, denen das ZDF offenbar eine sprachliche Führungsrolle zuerkennt, kann es eigentlich egal sein, wie man auf dem Kontinent den Euro-Cent ausspricht. Sie stehen der neuen Währung nach wie vor ablehnend gegenüber und planen nicht, sie einzuführen.

Selbst wenn [sɛnt] sich durchsetzt, wird [tsɛnt] dadurch nicht falsch

Vermutlich wird sich durch den Einfluss der Medien langfristig die „englische“ Aussprache im Deutschen durchsetzen. Dadurch wird die etymologisch besser begründbare Aussprache [tsɛnt] aber nicht falsch.

Es gibt im deutschen Sprachraum eine ganze Reihe von Wörtern, für die verschiedene Aussprachevarianten nebeneinander existieren. Man denke nur etwa an China ([ˈçiːna], [ˈkiːna], [ˈʃiːna], [ˈxiːna]) oder Quarantäne ([karanˈtɛːnə], [kvaranˈtɛːnə]).

Verständnisprobleme ergeben sich dadurch nicht.

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Nachtrag 2002-01-08:

Cent-Aussprache: ZDF will erst einmal abwarten

Inzwischen liegt das Endergebnis der ZDF-Umfrage vor: 66,3 Prozent sind für die deutsche Aussprache [tsɛnt] , 33,7 Prozent für die englische Variante [sɛnt]. Insgesamt haben sich 22.000 Zuschauer beteiligt.

Doch ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender kümmert das wenig. Er lässt offen, wie die Nachrichtensprecher und Moderatoren die Euro-Münzen künftig aussprechen werden. „Wir werden gelassen abwarten“, erklärte er am Montag.

Die überraschend klare Zweidrittelmehrheit für eine deutsche Aussprache könnte auf die Alterstruktur der Zuschauer des oft als „Seniorensender“ verspotteten ZDF zurückzuführen sein.

Eine gleichzeitig von T-Online im Internet durchgeführte Umfrage erbrachte ein anderes Ergebnis. Von 26.000 Teilnehmern sprach sich eine knappe relative Mehrheit (48 Prozent) für die englische Aussprache aus. 45 Prozent bevorzugten die am Deutschen angelehnte Alternative.

Richard Schneider

Babbel