“Bundestag bemängelt schlechte Qualität der EU-Übersetzungen” – Wie die Journaille eine Falschmeldung erfindet und verbreitet

Gunther Krichbaum
Gunther Krichbaum (rechts) ist im Deutschen Bundestag Vorsitzender des Ausschusses für Angelegenheiten der Europäischen Union. Hier leitet er im Januar 2012 eine gemeinsame Sitzung mit Vertretern der Europaausschüsse des französischen und des polnischen Parlaments. - Bild: Bilderdienst Deutscher Bundestag / Lichtblick - Achim Melde.

Die Fraktionen von CDU/CSU und FDP im Deutschen Bundestag wünschen sich, dass die EU-Übersetzungsdienste künftig mehr Dokumente ins Deutsche übersetzen. In der laufenden Legislaturperiode sei es bereits mehr als 50 Mal vorgekommen, dass sich die Ausschüsse des Parlaments wegen einer fehlenden oder unvollständigen Übersetzung nicht mit einer Sache hätten befassen können.

In einem Entschließungsantrag wird die Bundesregierung deshalb aufgefordert, darauf hinzuwirken, dass die EU ihrer Übersetzungspflicht nachkommt und dass für Übersetzungen künftig mehr Geld bereitgestellt wird.

Dieser Antrag wurde am 13.06.2012 vom Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union (Europaausschuss) diskutiert und mit den Stimmen der Regierungskoalition bei Enthaltung der Opposition angenommen (siehe Pressemitteilung des Bundestags weiter unten). Am 14.06.2012 soll nach halbstündiger Debatte auch im Bundestag darüber abgestimmt werden.

Verzerrte Darstellung in den Medien – aus fehlenden werden schlechte Übersetzungen

Dieser an sich simple Vorgang wurde im Vorfeld der Abstimmungen völlig verzerrt in den Medien wiedergegeben. Es wurde der Eindruck erweckt, der Bundestag beschwere sich bei der EU über schlampig angefertigte, unverständliche und damit unbrauchbare Übersetzungen. Dieser Aspekt wird von den Abgeordneten aber mit keiner Silbe erwähnt und kann aus dem Antragstext nicht einmal zwischen den Zeilen herausgelesen werden. Darüber hinaus wurden in der Presse die Zahlen aufgebauscht. Aus “mehr als 50” fehlenden Übersetzungen, von denen die Parlamentarier sprechen, wurden “über 100 Dokumente”, die “retour” geschickt worden seien.

Urheber ist die Saarbrücker Zeitung, die am 12.06.2012 morgens um 5:00 Uhr folgende Pressemitteilung verbreitete:

Saarbrücker Zeitung: Bundestag schickt wegen schlechter Übersetzungen immer öfter EU-Vorlagen retour

Der Deutsche Bundestag schickt immer häufiger wichtige EU-Vorlagen wegen schlechter oder fehlender Übersetzungen ins Deutsche zurück nach Brüssel. Wie die Saarbrücker Zeitung berichtet, gingen in dieser Legislaturperiode bereits über 100 Dokumente retour, weil die zuständigen Ausschüsse sie nicht beraten konnten.

Besonders betroffen vom Übersetzungsproblem sind demnach der Innen-, der Finanz-, der Haushalts-, der Wirtschafts- und der Verteidigungsausschuss des Bundestages. Laut Zeitung fehlen zunehmend auch deutsche Fassungen von Dokumenten, die bedeutend sind für die Krisenbewältigung in der Eurozone. EU-Vorlagen würden inzwischen sogar als “Beratungshindernis” angesehen.

Der Vorsitzende des Europaausschusses, Gunther Krichbaum, sagte der Zeitung, die EU-Kommission habe schon vor Jahren eine neue Übersetzungsstrategie versprochen. “Doch passiert ist bis heute leider gar nichts.” FDP-Experte Stefan Ruppert beklagte überdies: “Es werden immer mehr.” Auf Antrag der Koalitionsfraktionen wird sich nun der Bundestag an diesem Donnerstag mit dem Problem beschäftigen. Nach dem Willen von Union und FDP soll die Bundesregierung auf bessere Übersetzungen pochen und dafür sorgen, dass genügend Mittel im EU-Haushalt bereitgestellt werden.

Zeitungen schreiben voneinander ab und verdrehen den Sachverhalt noch weiter

Die Pressemitteilung der Saarbrücker Zeitung wurde noch am selben Tag von zahlreichen weiteren Blättern ungeprüft aufgegriffen, umformuliert und teils in ergänzter, teils in verkürzter Form weiter verdreht. Die vom Bundestag mit keinem Wort erwähnte angeblich mangelhafte Qualität der EU-Übersetzungen rückt dabei in den Mittelpunkt. Die Schlagzeilen lauten:

  • Welt Online: “Schlechte Übersetzung – Unverständliche EU-Papiere belasten Bundestag”
  • Nordsee-Zeitung: “Der Bundestag versteht die EU nicht mehr”
  • Hamburger Abendblatt: “Keiner versteht Europa. Bundestag schickt mehr als 100 EU-Dokumente zurück – wegen schlampiger Übersetzung”
    Immerhin versucht das Hamburger Abendblatt, Verständnis für “die eurokratische Übersetzergilde” aufzubringen. Diese müsse “stets wachsende Papierberge kreuz und quer in 23 Amtssprachen übersetzen”. Die EU-Übersetzungsdienste seien “zwar hoch qualifiziert, aber chronisch unterbesetzt”.
  • Zeit online: “Union und FDP verlangen bessere Übersetzungen von Brüssel”

Bundestag spricht lediglich von “fehlenden” Übersetzungen

Die Wahrheit: Nicht einmal andeutungsweise behaupten die Bundestagsabgeordneten, dass von der EU gelieferte Dokumente schlecht übersetzt seien. Sie bemängeln lediglich, dass Übersetzungen von EU-Dokumenten, über die beraten und abgestimmt werden soll, häufig “fehlen” oder in “nicht vollständiger deutscher Sprachfassung” (also nur auf Englisch) vorliegen. Dies zeigt ein Vergleich der Pressemeldungen mit dem Originaltext des im Bundestag eingebrachten Antrags.

In dem Antrag (Drucksache 17/9736), der von den Abgeordneten Volker Kauder (CDU), Gerda Hasselfeldt (CSU) und Rainer Brüderle (FDP) im Namen ihrer Fraktionen unterzeichnet wurde, heißt es:

Übersetzungserfordernisse der nationalen Parlamente in der mehrjährigen EU-Finanzplanung 2014–2020 berücksichtigen – Übersetzung auch im intergouvernementalen Rahmen sicherstellen

In der 17. Wahlperiode sind bereits über 50 EU-Vorlagen wegen fehlender bzw. nicht vollständiger deutscher Sprachfassung von den Ausschüssen des Deutschen Bundestages zurückgewiesen bzw. nicht abschließend beraten worden. […]

[Vertragliche und gesetzliche Vorgaben] ziehen einen erhöhten Beratungsbedarf und einen Mehrbedarf an Übersetzungen von EU-Vorlagen nach sich. […]

Dokumente […], die großenteils lediglich in englischer Sprache vorliegen.

Die Europäische Kommission verweist […] auf das Fehlen ausreichender finanzieller Ressourcen für eine Ausweitung ihrer Übersetzungskapazitäten […].

Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung daher auf, […] das Thema der Übersetzung von EU-Dokumenten zum Gegenstand der Verhandlungen über den nächsten mehrjährigen Finanzrahmen 2014–2020 zu machen und dabei die deutlich gestiegenen Übersetzungserfordernisse der nationalen Parlamente in gebührender Weise zu berücksichtigen […]

[Gefordert wird,] dass die EU-Organe, insbesondere die Kommission und der Rat, die von ihnen erbrachten Übersetzungsleistungen in dem für die Mitwirkung der nationalen Parlamente erforderlichen Maße steigern.

Pressemitteilung Bundestag: “EU-Dokumente sollen auf Deutsch übersetzt werden”

Im Gegensatz zur verzerrten Darstellung in den Medien informierte der Deutsche Bundestag einen Tag nach der Besprechung im Europaausschuss die Öffentlichkeit nüchtern und sachlich in einer Pressemitteilung – wenn auch unter missverständlicher Verwendung des Wortes “mangelhaft”:

EU-Dokumente sollen auf Deutsch übersetzt werden

Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union – 13.06.2012

Berlin: (hib/KRU) Mit der mangelhaften Übersetzung von EU-Dokumenten in die nationalen Sprachen hat sich am Mittwoch der Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union befasst. Dabei wurde ein Antrag der Koalitionsfraktionen (17/9736) bei Enthaltung der Opposition angenommen, wonach die Bundesregierung das Thema zum Gegenstand der nächsten Finanzplanung 2014-2020 machen soll. EU-Kommission wie EU-Rat sollen die für Übersetzungen nötigen Mittel künftig gesondert aufweisen. Die EU-Organe werden aufgefordert, die „von ihnen erbrachten Übersetzungsleistungen in dem für die Mitwirkung der nationalen Parlamente erforderlichen Maße zu steigern“. Zudem soll sich die Regierung laut Antrag der Fraktionen von CDU/CSU und FDP in Brüssel dafür einsetzen, dass auch im intergouvernementalen Rahmen wie den Euro-Rettungsschirm-Mechanismen oder dem Fiskalpakt ein den EU-Organen vergleichbares Übersetzungsregime etabliert wird. Diese Papiere dürften den Parlamenten nicht länger nur auf Englisch vorgelegt werden. Koalitionsvertreter monierten, die Verhältnisse würden „immer schlimmer“. Dies sei nicht mehr zu tolerieren, vor allem, weil nun eine Vielzahl an wichtigen Papieren zur Euro-Rettung in Brüssel erstellt werde.

Ein Änderungsantrag der Linksfraktion wurde von den übrigen Fraktionen abgelehnt. In ihm wurde unter anderem gefordert, dem nächsten mittelfristigen EU-Finanzrahmen nur zuzustimmen, wenn die deutschen Übersetzungs-Forderungen von der EU berücksichtigt würden. Die Linksfraktion argumentierte, nur durch dieses Druckmittel könne überhaupt etwas positiv in Brüssel bewegt werden, denn bisher sei trotz aller Forderungen in dieser Richtung „nichts passiert“. Vertreter der Fraktionen von SPD und von Bündnis 90/Die Grünen kritisierten, dass die Frage der Kosten für die verlangten Übersetzungen in dem Koalitionsantrag nicht ausreichend thematisiert würden – dies, obwohl die Koalition das EU-Budget reduzieren wolle. Nach Ansicht der Opposition müssten die geforderten Übersetzungsausgaben für den intergouvernementalen Rahmen national und nicht aus EU-Mitteln bestritten werden.

Trotz aller Differenzen im Detail waren sich alle Fraktionen einig, dass die EU ihre eigenen Regeln einhalten müsse, wonach alle europäischen Dokumente von allgemeiner Geltung in die 23 Amtssprachen übersetzt werden müssten. Nur so könnten die nationalen Parlamente ihrem Kontroll- und Mitwirkungsauftrag in EU-Angelegenheiten nachkommen.

Falschmeldungen haben ein langes Leben

Erfahrungsgemäß lassen sich von den Medien verbreitete verzerrte Darstellungen und Fehlinterpretationen nur sehr schwer wieder aus der Welt schaffen. Man wird sicherlich auch in zehn Jahren noch Artikel lesen können, in denen fälschlich behauptet wird, der Deutsche Bundestag habe 2012 die schlechte Qualität der EU-Übersetzungen bemängelt.

Deshalb sollte man zumindest auf den Websites der Übersetzungsbranche darauf achten, den Sachverhalt korrekt darzustellen. So kann jeder, der künftig zu dem Thema recherchiert, auch die wahrheitsgemäße Darstellung finden.

[Text: Richard Schneider.]