Zwischen Verständigung und Verrat: Malinche, Dolmetscherin und Geliebte von Hernán Cortés

Cortés, Malinche und Moctezuma
Cortés, Malinche und Moctezuma auf einer modernen bildlichen Darstellung.

Malinche, auch bekannt als Doña Marina, war in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts die bekannteste und bedeutendste Dolmetscherin des spanischen Eroberers Hernán Cortés (1485 – 1547), als dieser auf dem heutigen Staatsgebiet Mexikos agierte.

Als landeskundige, einheimische Sprachmittlerin half sie den Spaniern, mit den Volksstämmen Mittelamerikas zu kommunizieren und Allianzen gegen das mächtige Aztekenreich zu schmieden. Ihr kommt eine entscheidende Rolle beim Siegeszug der Spanier zu.

Malinche gilt als erste mittelamerikanische Frau, die die spanische Sprache beherrschte. An ihr und ihrer Funktion als Mittlerin zwischen den Sprachen und Kulturen lässt sich beispielhaft die zwiespältige Wahrnehmung der Rolle von Dolmetschern und Übersetzern verdeutlichen. Probleme, mit denen die Berufsgruppe auch heute noch zu kämpfen hat.

Von eigener Familie als Sklavin verkauft und für tot erklärt

Bilderhandschrift mit Malinche
Malinche als Dolmetscherin des Eroberers in einer bildlichen Darstellung der Tlaxcalteken aus dem 16. Jahrhundert.

Malinche war die Tochter eines Häuptlings aus dem kleinen aztekischen Dorf Painala, das in der Gegend der heutigen Stadt Coatzacoalcos am südlichsten Punkt des Golfs von Mexiko liegt. Sie kam vermutlich zwischen 1501 und 1503 auf die Welt und trug ursprünglich den Namen Malinali. Weil sie einer Adelsfamilie entstammt, nannte man sie Malintzin.

Ihr Vater starb, als sie noch ein Kind war. Ihre Mutter heiratete erneut und gebar einen Sohn. Damit dieser als einziger Erbe gelten konnte, wurde Malinche von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater an Sklavenhändler des Dorfes Xicalango verkauft. Im eigenen Dorf wurde sie für tot erklärt.

Muttersprache Nahuatl – In Gefangenschaft Maya erlernt

Die Sklavenhändler verkauften sie in der Region Tabasco weiter. Ihre Gefangenschaft verbrachte sie in der Region Yucatán und erlernte die dort vorherrschende Sprache Maya – zusätzlich zu ihrer Muttersprache Nahuatl.

Als Geschenk dem spanischen Eroberer übergeben

Zu dieser Zeit legte Cortés an der Küste Tabascos an, begleitet von seinem Dolmetscher Gerónimo de Aguilar. Dieser war nach einem Schiffbruch von Mayas auf deren Territorium gefangengenommen worden. Dort erlernte er ihre Sprache, bis er später von den Spaniern befreit wurde.

Cortés errang am 12. März 1519 einen bedeutenden Sieg. Einen Tag später wurden ihm von den Eingeborenen als Friedens- und Willkommensgeschenk zwanzig Sklaven übergeben, darunter auch Malinche.

Die weiblichen Gefangenen wurden von einem spanischen Pater umgetauft, damit die Spanier nicht Gefahr liefen, exkommuniziert zu werden, wenn sie mit einer Heidin ein Bett teilten. Auf diese Weise erhielt Malintzin ihren spanischen Namen Doña Marina.

Cortés verschenkt sie an einen Hauptmann

Cortés sah zu diesem Zeitpunkt in ihr noch keinen Wert und „verschenkte“ sie an einen seiner Hauptmänner, Alonso Hernández Portocarrero.

Hernández Portocarrero wurde kurze Zeit später von Cortés nach Spanien entsandt, um dem König Bericht zu erstatten. Dort starb er überraschend. Da Malinche ihn nicht nach Spanien begleiten konnte, wurde sie zuvor an Cortés „zurückgegeben“.

Zeichnung Malinche als Dolmetscherin
Chuchotage für den spanischen Eroberer: Doña Marina hinter Hernán Cortés beim Empfang einer Delegation, die Gastgeschenke überbringt (altmexikanische Bilderhandschrift der Tlaxcalteken aus dem 16. Jahrhundert).

Sprachbegabte Sklavin entdeckt das Dolmetschen als Berufung

Einigen Soldaten fiel auf, dass Malinche die Sprache Nahuatl als Muttersprache beherrschte. Nahuatl fungierte in Zentralmexiko zu dieser Zeit als weit verbreitete Verkehrssprache (lingua franca). Als Cortés davon erfuhr, ließ er sie zu sich rufen und befand sie für fähig, als Dolmetscherin zu fungieren.

Malinche übersetzte fortan zunächst zwischen Nahuatl und Maya, der wichtigsten Sprache des Aztekenreichs unter Moctezuma II. Cortés‘ Dolmetscher Gerónimo de Aguilar übertrug Maya ins Spanische, sodass Maya für Übersetzungen aus Nahuatl ins Spanische vorübergehend als Relaissprache fungierte.

Malinches Arbeitssprachen: Nahuatl, Maya und Spanisch

In relativ kurzer Zeit erlernte Malinche zusätzlich genügend Spanisch, um Nahuatl auch ohne die Hilfe Aguilars direkt ins Spanische übersetzen zu können. In einem zeitgenössischen Schriftstück steht zu lesen:

El indio informa, Marina traduce, Cortés dicta y el escribiente escribe.
(Der Indio teilt mit, Marina übersetzt, Cortés diktiert und der Schreiber schreibt nieder.)

Malinche avancierte auf diese Weise von einer versklavten Gespielin der Spanier zu einer Sprachdienstleisterin auf höchster diplomatischer Ebene. Sie wurde für Cortéz bei seinen Bemühungen, „Neuspanien“ der kastilischen Krone zu unterwerfen, zu einer unverzichtbaren Partnerin, die er einmal als mi lengua (meine Zunge) bezeichnete.

Cortéz, Malinche, Indios
Eine weitere historische Bilderhandschrift , die die Verhandlungsdolmetscherin in Aktion zeigt (Ausschnitt).

Dolmetscherin gilt Einheimischen als Verräterin

Während des Eroberungskrieges wurde Malinche aufgrund ihrer Nähe zu Cortés und wegen ihrer herausragenden Funktion von den Spaniern mit höchstem Respekt behandelt und bewundert.

La pareja formó un dueto que combinaba a menudo la elocuencia y la sutileza, la piedad y la amenaza, el refinamiento y la brutalidad.
(Das Paar bildete ein Duett, das oft Eloquenz und Subtilität, Erbarmen und Bedrohung, Raffinesse und Brutalität [geschickt] zu kombinieren wusste.)

Im Gegensatz dazu schlugen ihr von Seiten der Einheimischen Misstrauen, Abneigung und Hass entgegen. Wegen ihres vertrauten Umgangs mit den Unterdrückern und ihrer Zugehörigkeit zur Führungsclique der Spanier wurde sie als Verräterin an ihrem eigenen Volk betrachtet.

„Después de Dios, le debemos la conquista de la Nueva España a Doña Marina“

Die Fähigkeit Malinches, Cortés bei der Verständigung mit der autochthonen Bevölkerung zu helfen, war von entscheidender Bedeutung bei der Eroberung Mittelamerikas. Nur so war es den Spaniern möglich, zunächst freundschaftliche Beziehungen zu den Repräsentanten von Moctezuma II. aufzubauen, Geschäftsverhandlungen zu führen, Gegner bei Bedarf einzuschüchtern und Allianzen mit Häuptlingen im aztekischen Herrschaftsbereich zu schmieden, die ebenfalls Moctezuma bekämpfen wollten. (Moctezuma bedeutet auf Nahuatl „er schaut finster drein wie ein Fürst“.)

Malinche überzeugte ihre Landsleute davon, Bündnisse mit den Spaniern einzugehen und sich zum Katholizismus bekehren zu lassen. Es sind schwärmerische Aussagen von ihr überliefert, nach denen sie froh war, der heidnisch-primitiven Kultur ihrer Vorfahren entronnen zu sein und sich der spanisch-europäischen Kultur zugewandt zu haben.

Von ihrem diplomatischen Geschick heißt es, sie ziehe Verhandlungen dem Blutvergießen vor. Ohne sie als begabte Dolmetscherin wäre die Eroberung des Aztekenreichs entweder gar nicht oder nur sehr viel mühsamer, blutiger, zerstörerischer und vor allem langwieriger geworden.

Cortés wusste Malinches Rolle als Vermittlerin durchaus zu schätzen, vermied es aber, sie in persönlichen Briefen zu erwähnen – vermutlich, um seine eigenen Verdienste größer erscheinen zu lassen. Es existiert allerdings ein Schreiben, in welchem er ihre Relevanz vorbehaltlos anerkennt:

Después de Dios, le debemos la conquista de la Nueva España a Doña Marina.
(Nach Gott verdanken wir die Eroberung des Neuen Spaniens der Doña Marina.)

Einflussreiche Beraterin auf höchster diplomatischer Ebene

Cortés und Malinche
Cortés und Malinche: mehr als nur eine geschäftliche Beziehung. – Bild: „La lengua de Cortés – La Malinche“, Gemälde aus dem 16. Jahrhundert.

Malinche war mehr als eine Dolmetscherin. Sie fungierte als Sachverständige, erläuterte den Spaniern die Mentalität und Religion sowie die sozialen und kriegerischen Sitten ihrer Landsleute. Sie war Sekretärin, Nachrichtenübermittlerin und Beraterin auf diplomatischem Parkett.

So riet sie dazu, Spionen der Eingeborenen die Hände abzuhacken, um gegenüber den Dorfgemeinschaften Mittelamerikas eine abschreckende Wirkung zu erzielen.

Sie wirkte selbst als Spionin und berichtete Cortés von einem Komplott, das die Chloluteken schmiedeten. Aus diesem Grund gilt sie als Anstifterin zum Massaker von Cholulas, bei dem Tausende von Einheimischen auf hinterhältige Weise abgeschlachtet wurden.

Vor allem nach diesem Gemetzel entstand die Legende von Malinche als Verräterin der mittelamerikanischen Volksstämme.

Malinche wird darüber hinaus mit dem Mord an Häuptling Cuauhtémoc in Verbindung gebracht. Es heißt, sie habe Cortés darüber informiert, dass dieser sich mit anderen Stammesoberhäuptern verbündet habe, um einen Aufstand anzuzetteln.

Geliebte des Eroberers

Schon bald entwickelte sich aus der engen beruflichen Zusammenarbeit eine Liaison zwischen dem Eroberer und seiner Sprachmittlerin. Nach dem Fall von Tenochtitlan gebar Malinche einen Sohn, der nach Cortés‘ Vater auf den Namen Martín getauft wurde. Sie war zu diesem Zeitpunkt gerade 20 Jahre alt.

Annähernd zeitgleich traf Cortés‘ spanische Ehefrau Catalina Xuárez Marcayda in „Neuspanien“ ein. Einen Monat später starb sie auf mysteriöse Weise. Historiker gehen davon aus, dass sie auf Anregung von Cortés ermordet wurde.

Malinche gehörte als offenbar attraktive junge Frau viele Jahre zum engsten Umfeld von Hernán Cortés und begleitet ihn auf Expeditionen. Später wurde er ihrer jedoch überdrüssig. Er gab sie zur Heirat mit einem seiner militärischen Führer, Leutnant Juan Jaramillo, frei. Das Paar bekam eine Tochter, die den Namen María Jaramillo trug.

Weiteres Schicksal nach Trennung von Cortés ungewiss

Nach ihrer Trennung von Cortés war Malinche für die Chronisten nicht mehr relevant und verschwand aus der Geschichtsschreibung. Die Zeit an der Seite von Cortés reichte aber aus, um sie zur Legende werden zu lassen.

Datum und Ort ihres Todes sind nicht bekannt. Vermutet wird, dass sie zwischen 1526 und 1529 starb. Sie wurde nicht einmal 30 Jahre alt.

Von der historischen Figur zur Legende – „Malinche“ in Mexiko Synonym für „Verräter“

Malinche-Gemälde
„Malinche“ – das Gemälde von Rosario Marquardt aus dem Jahr 1992 verdeutlicht den zwiespältigen Charakter ihrer historischen Rolle.

Für viele Mexikaner ist der Eigenname Malinche ein Synonym für Verräter, weil sie den Spaniern half, ihr eigenes Volk zu unterwerfen.

Andererseits war sie zuvor von ihren Landsleuten verraten, verstoßen und als Sklavin verkauft worden. Vermutlich besaß sie deshalb kaum Loyalitätsgefühle gegenüber den mittelamerikanischen Ethnien, die sich ohnehin fortwährend gegenseitig bekämpften.

Das Adjektiv malinchista charakterisiert im heutigen mexikanischen Sprachgebrauch Personen, die alles Ausländische bevorzugen und die Kultur ihres eigenen Landes geringschätzen. Mit dem Substantiv malinchista bezeichnet man abwertend jemanden als „Ausländerfreund(in)“.

In einem populärwissenschaftlichen Zeitschriftenartikel (in P.M. History) über den Untergang des Aztekenreichs heißt es mit Blick auf die heutige Zeit: „Nie, nie, nie würde eine mexikanische Mutter ihrer Tochter den Namen Malinche geben.“

Der mexikanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Octavio Paz (1914-1998) sieht in Malinche aber auch ein Opfer der Umstände, ein Sinnbild der indigenen Stämme, die von den Spaniern zunächst fasziniert waren und dann verführt und nicht nur im übertragenen Sinn vergewaltigt wurden:

El símbolo de la entrega es doña Malinche, la amante de Cortés. Es verdad que ella se da voluntariamente al Conquistador, pero éste, apenas deja de serle útil, la olvida. Doña Marina se ha convertido en una figura que representa a las indias, fascinadas, violadas o seducidas por los españoles.

Malinche-Verfilmungen
Die dramatische Geschichte wurde mehrfach verfilmt und literarisch verarbeitet – auch als Comic.
Malinche-Kitsch
Die amouröse Komponente führte zu zahlreichen verkitschten Darstellungen der Zweierbeziehung.

Beatriz Amaya Gallardo Pérez
Die Autorin wurde in Santiago de Chile geboren und verbrachte dort ihre Kindheit. Diesen Beitrag schrieb sie als Praktikantin im Übersetzungsbüro des UEPO-Herausgebers. Zurzeit studiert sie Neuere Fremdsprachen und Fremdsprachendidaktik an der Justus-Liebig-Universität in Gießen.