Konferenzdolmetschen im Jahr 1927: „Ein Nebenberuf von Weltbedeutung“

Deutsche Länder 1925
Die Länder des Deutschen Reiches und ihre Hauptstädte im Gebietsstand von 1925 ohne kleinere Exklaven. Das Saargebiet und die Freie Stadt Danzig sind ebenfalls dargestellt. - Bild: Korny78 (CC BY-SA 4.0)

Einen interessanten Artikel aus dem Jahr 1927, der Anfangszeit des Konferenzdolmetschens nach dem Ersten Weltkrieg, haben wir in der Badischen Presse entdeckt, dem „Generalanzeiger der Residenz Karlsruhe und des Großherzogtums Baden“.

Ein Dr. Paul Bloch, offenbar ein intimer Kenner der Szene, nimmt die Pläne, in Berlin eine „Reichsdolmetscher-Zentrale“ aufzubauen, zum Anlass, die Unterschiede zwischen dem Übersetzen und Dolmetschen zu skizzieren sowie insbesondere die Tätigkeit der Konferenzdolmetscher zu beschreiben, die damals noch konsekutiv gearbeitet haben.

Er beklagt das Fehlen einer entsprechenden Ausbildung und eines Berufsbildes: „Wir kennen in Deutschland […] keinen Dolmetscherberuf. Es gibt keine regelrechte fachliche Ausbildung und keine Examina.“

Bloch lobt die Leistung der Konferenzdolmetscher als „phänomenal“ und „große Kunst“ und meint: „Man hat diese Begabung oder man hat sie nicht.“ Neben den sprachlichen seien aber auch fachliche Kenntnisse von Belang, vor allem juristische und ökonomische.

„Frauen scheinen nicht in demselben Maße sich zu Konferenzdolmetschern zu eignen. Es fehlt ihnen zumeist die fachliche Voraussetzung und das politische Fingerspitzengefühl, auch die – Ruhe“, meint Bloch, lobt aber anschließend eine ihm bekannte Konferenzdolmetscherin in den höchsten Tönen.

Dass der Artikel aus einer anderen Zeitepoche stammt, erkennt man auch daran, dass Französisch als mit Abstand wichtigste Fremdsprache genannt wird. In 90 Prozent der Fälle sei Französisch „die Sprache der Verhandlung“.

Über den Autor haben wir nichts Näheres in Erfahrung bringen können. Es könnte sein, dass er im Auswärtigen Amt mit Sprachmittlern zu tun hat. Darauf deutet diese Formulierung hin: „Wir haben einen Dolmetscher, der …“

Nachfolgend der Artikel im Wortlaut. Zur besseren Online-Lesbarkeit wurde der Text lediglich in zusätzliche Absätze unterteilt.

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Hier werden Dolmetscher ausgeliehen!

Ein Nebenberuf von Weltbedeutung.

Von Dr. Paul Bloch.

Zur Hebung des Fremdenverkehrs und der Wirtschaftslage, zur Ueberbrückung der nationalen Gegensätze und zur Annäherung der Staaten soll in Berlin eine Reichsdolmetscher-Zentrale gegründet werden. Der Organisator dieses Unternehmens will in besonderen Räumen Dolmetscher für alle Sprachen bereit halten, die jederzeit für Auskünfte, Uebersetzungen, Vermittlungen zur Verfügung stehen. In allen größeren Städten des Reiches sind ähnliche Zentralen mit einer überall gleichlautenden Telephonstichnummer beabsichtigt.

Den ausländischen Staaten soll diese Einrichtung und die Telefonnummer bekanntgegeben werden, damit Ausländer bei Reisen in Deutschland leichter die Dolmetscherzentrale in den einzelnen Städten erreichen.

Auf diese Weise hofft man in vielen Fällen, in denen die Verhandlungspartner sich sprachlich nicht verständigen können, einen leichteren geschäftlichen Verkehr zu erzielen und irrtümliche, auf Sprachunkenntnis beruhende Geschäfte und Verluste zu vermeiden. Andererseits soll so den Ausländern, die, der deutschen Sprache nicht mächtig, hierher kommen, die Möglichkeit gegeben werden, durch einen telephonischen Anruf sich zu orientieren, Auskünfte einzuholen und bei Verständigungsschwierigkeiten Hilfe zu erhalten.

Der Gedanke an sich ist sicher gut. Das Gelingen des Planes wird aber davon abhängen, ob wirklich eine Zentrale derart sprachkundiger Uebersetzer geschaffen werden kann, die den unzweifelhaft verhandenen Uebelständen abhelfen können. Das Bedürfnis hierfür ist vorhanden.

Wir kennen in Deutschland nämlich keinen Dolmetscherberuf. Es gibt keine regelrechte fachliche Ausbildung und keine Examina. Es gibt in ganz Deutschland überhaupt kaum ein halbes Dutzend wirklicher Dolmetscher. Denn eine Unterscheidung muß notwendig gemacht werden, die zwischen dem Uebersetzer aus fremden Sprachen, dem Vermittler bei Verhandlungen und dem ausgesprochenen Konferenz-Dolmetscher.

Solche Konferenzdolmetscher benötigt vor allen Dingen der Staat, das Auswärtige Amt bei den zahlreichen internationalen Konferenzen, Besprechungen und Zusammenkünften, die im Verlauf der Friedensverhandlungen sich eingebürgert haben, und jetzt eine ständige Einrichtung geworden sind.

Aber obwohl so Dolmetscher dauernd von amtlicher Seite benötigt werden, so gibt es doch bis jetzt keinen einzigen im Hauptberuf. Die betreffenden Damen und Herren sind entweder anderweitig im Staatsdienst beschäftigt, werden kraft ihrer hervorragenden Eignung jeweils nebendienstlich mit der Aufgabe des Dolmetschen bei einer Konferenz betraut oder aber sie sind Privatpersonen und erhalten nebenberuflich den Auftrag, als amtliche Vertreter und Dolmetscher und im Interesse des Staates tätig zu sein.

Dieser Auftrag geht nur an eine beschränkte Zahl von Personen; denn so ungeheuer groß die Zahl derer ist, die glauben, eine Fremdsprache zu meistern oder sie wirklich in Rede und Schrift beherrschen, so wenige gibt es doch, die den Anforderungen des Dolmetschens bei einer Konferenz gewachsen sind.

Ihre Aufgabe ist mannigfaltig. Sie müssen – das ist von größter Bedeutung – unbedingt diskret und vertrauenswürdig sein, da sie ja oft Zeugen geheimster Verhandlungen, ja der Besprechungen unter „vier Augen“ sind. Sie müssen weiter ein hervorragendes Taktgefühl besitzen, politischen Spürsinn und Fingerspitzengefühl und vor allem auch fachliche Kenntnisse. Denn ihre Aufgabe besteht ja nicht im ruhigen Uebersetzen Wort für Wort bzw. Satz für Satz.

Das ist der grundlegende Unterschied zwischen dem Uebersetzer und dem Dolmetscher. Dieser kann auf Grund eines optischen Eindrucks des Textes eventuell mit Hilfe von Wörterbüchern und Nachschlagewerken das fremdsprachliche Schriftstück sinngemäß übertragen. Es werden an ihn außer der genauen Sprachkenntnis keine außergewöhnlichen Anforderungen gestellt.

Die Tätigkeit des Dolmetschers ist völlig anders geartet. Er wohnt den Konferenzen bei. Er hört die Reden der Delegierten und Diplomaten mit an, nimmt sie in sich auf, ihren Wortlaut, ihren Stil, ihren Tenor und ihren Inhalt; er muß sie wiedergeben in anderer Sprache, muß den psychologischen Eindruck festhalten und vermitteln und oft nach einer halben Stunde erst die Rede rekonstruieren. In fremder Sprache sie von neuem halten. Ihr logischer Gehalt, ihr Sinn, ihre Redewendungen und Wortspiele und nicht selten auch das, was nicht deutlich ausgesprochen wird, aber leise im Unterton der Rede mitschwingt, muß er auszudrücken in der Lage sein.

Es gehört zu solcher Leistung eine hervorragende schnelle Auffassungsgabe und vor allem auch unerhörtes Gedächtnis, die genaue Kenntnis der Materie und ihrer besonderen Formeln vorausgesetzt. Aufzeichnungen können eine Stütze bilden. Kurze stenographische Notizen über besondere Wendungen [können] eine Hilfe sein und eine optische Gliederung der Aufzeichnungen, gewissermaßen ein Satzspiegel (einrücken, ausrücken, Summastriche, Verbindungszeichen usw.), das Skelett der Rede darbieten und so die nachherigen Wiedergabe erleichtern.

Früher wurde Satz für Satz übertragen. Diese Zeit ist vorbei. Heute geht es darum, Rede für Rede zu übersetzen. Das ist die Schwierigkeit, das ist die große Kunst. Wir haben einen Dolmetscher, der eine Rede von einstündiger Dauer zu dolmetschen in der Lage ist, mit allen Feinheiten, mit allen Nuancen. Es ist das eine phänomenale Leistung. Um zu ihr zu gelangen, gehört eine Berufung. Man kann das nicht erlernen. Aller Unterricht ist fast umsonst. Alle Examina werden überflüssig. Man hat diese Begabung oder man hat sie nicht. Trotzdem muß eine gewisse Ausbildung, ein Training vor allem angewandt werden.

Eine kleine Zahl von Konferenzdolmetschern wurde so in Trainingskursen nach Kriegsschluß, als das Bedürfnis aufkam, herangebildet, die nunmehr in der Lage sind, auf Grund der besonderen Aufträge an den Verhandlungen teilzunehmen und die Programm- und Diskussionsreden zu dolmetschen unabhängig von ihrer Dauer.

Besonders geeignet erscheinen Juristen. Die Probleme, um die es sich zumeist dreht, sind ja gewöhnlich Rechtsfragen, die Formeln der Verträge zum mindesten sind juristische, sodaß eine fachliche Vorbildung beinahe unerläßlich ist. Daneben sind nationalökonomische und allgemeine Kenntnis von Bedeutung, Liebe und Interesse, Gefühl und Takt für politische Fragen selbstverständliche Voraussetzung.

Frauen scheinen nicht in demselben Maße sich zu Konferenzdolmetschern zu eignen. Es fehlt ihnen zumeist die fachliche Voraussetzung und das politische Fingerspitzengefühl, auch die – Ruhe. Immerhin gehört zu den wenigen ständigen Konferenzdolmetschern auch eine Dame. Die Gattin eines bekannten Berliner Universitätslehrers, eines Juristen. Als Engländerin von Geburt, beherrscht sie diese Sprache vollkommen, als Gattin eines Rechtswissenschaftlers hat sie das Interesse und das Wissen von den juristischen Dingen gewonnen, und so vermochte sie in ausgezeichneter Weise bereits mehrfach (so im Haag und bei den Handelsvertragsverhandlungen mit Japan) als Dolmetscher tätig zu sein.

Verlangt werden Dolmetscher zumeist für Französisch und Englisch. Das sind die Diplomatensprachen und in 90 v. H. wieder ist Französisch die Sprache der Verhandlung. In seltenen Fällen werden Dolmetscher auch für Spanisch und Italienisch verlangt; ganz selten auch (für Konferenzen im Osten) Russisch und orientalische Sprachen.

Am Orientalischen Seminar der Berliner Universität werden Kurse und Prüfungen abgehalten, auch ein Diplom erteilt, aber nur für Spanisch, Russisch und die Orientsprachen und eben nur als Vermittlungs-Dolmetscher. Konferenzdolmetscher gehen aus diesen Kursen nicht hervor.

Die an den Gerichten fungierenden sog. vereidigten Dolmetscher sind lediglich als Uebersetzer und Vermittler, hauptsächlich bei Zeugenaussagen in fremden Sprachen tätig. Aber auch sie sind keine Konferenzdolmetscher, wie sie der internationale politische Verkehr erfordert.

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Das Jahr 1927

Zur zeitgeschichtlichen Einordnung des Jahres 1927:

  • Reichskanzler ist Wilhelm Marx (Zentrum), als Reichspräsident wirkt der greise Paul von Hindenburg.
  • Im selben Jahr fliegt Charles Lindbergh nonstop von New York nach Paris.
  • Im Berliner Ufa-Palast am Zoo findet die Premiere von Fritz Langs dystopischem Science-Fiction-Film Metropolis statt.
  • Der Nürburgring wird mit einem Motorradrennen im Rahmen des ersten Eifelrennens eingeweiht.
  • Max Schmeling erringt in Dortmund den Europameistertitel im Boxen.
  • Geboren wurden 1927 unter anderem Hans-Dietrich Genscher, Günter Grass, Kurt Masur, Margot Honecker, der spätere Papst Joseph Ratzinger, Asterix-Zeichner Albert Uderzo, Kabarettist Dieter Hildebrandt sowie die – ebenso wie Papst Benedikt – heute noch lebende italienische Schauspielerin Gina Lollobrigida.
Konferenzdolmetschen 1927
Badische Presse, Generalanzeiger der Residenz Karlsruhe und des Großherzogtums Baden, Samstag, 4. Juni 1927, Abendausgabe, Seite 5. Quelle: Zeitungsportal der Deutschen Digitalen Bibliothek.

Richard Schneider

 

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