„Zeitenwende“ ist Wort des Jahres 2022, „Krieg um Frieden“ und „Gaspreisbremse“ auf Platz 2 und 3

Zeitenwende
Bild: GfdS

Die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden hat heute die Wörter des Jahres 2022 bekannt gegeben. Sie lauten:

  1. Zeitenwende
  2. Krieg um Frieden
  3. Gaspreisbremse
  4. Inflationsschmerz
  5. Klimakleber
  6. Doppel-Wumms
  7. neue Normalität
  8. 9-Euro-Ticket
  9. Glühwein-WM
  10. Waschlappentipps

1. Zeitenwende

Das keineswegs neue Wort, das speziell für den Beginn der christlichen Zeitrechnung, in allgemeinerer Bedeutung auch für jeden beliebigen Übergang in eine neue Ära steht, wurde in diesem zweiten Sinne prominent von Bundeskanzler Scholz verwendet. Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 markiere eine „Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinentes“.

Bundespräsident Steinmeier sprach im gleichen Zusammenhang von einem „Epochenbruch“. Die deutsche Wirtschafts- und Energiepolitik musste sich völlig neu ausrichten. Verhältnisse zu anderen internationalen Partnern wie China wurden gleichfalls kritisch beleuchtet. Bei vielen Menschen fand auch eine emotionale Wende statt. Angst und Sorge vor einem Atomkrieg in Europa, gar vor einem dritten Weltkrieg waren vielfach zu spüren.

2. Krieg um Frieden

Ebenfalls auf den Russland-Ukraine-Krieg bezieht sich der widersinnig anmutende Ausdruck Krieg um Frieden. Für die Moskauer Propaganda handelt es sich um eine „militärische Spezialoperation“, für viele, insbesondere in der NATO, schlicht um einen Angriffskrieg. Auch in politischen Parteien mit pazifistischer Tradition verbreitete sich die Ansicht, dass die Ukraine mit Waffen unterstützt werden müsse, um ihre staatliche Integrität verteidigen und später einen dauerhaften Frieden in Osteuropa erreichen zu können.

3. Gaspreisbremse

Die Gaspreisbremse, auch Gaspreisdeckel genannt, ist nur eines der Instrumente, mit der die Bundesregierung auf die eklatanten Preissteigerungen in vielen Lebensbereichen zu reagieren versucht. Deutschland erlebt derzeit nach verbreiteter Auffassung die schwerste Krise seit 50 Jahren.

4. Inflationsschmerz

Die Teuerung trifft große Teile der Bevölkerung hart: Die Wortbildung Inflationsschmerz bringt dies anschaulich zum Ausdruck.

5. Klimakleber

Das Umweltbündnis „Letzte Generation“ machte 2022 immer wieder spektakulär auf den drohenden Klimawandel aufmerksam. Aktivisten klebten sich in Museen an Kunstwerken fest, auf Straßen, Autobahnen und sogar Flughafen-Rollfeldern, um diese zu blockieren und eine Räumung durch die Polizei zu erschweren. Die Protestaktionen der Klimakleber, die auch Rettungswege versperrten, wurden in der Öffentlichkeit kontrovers debattiert.

6. Doppel-Wumms

Schon 2021, noch als Bundesfinanzminister wollte Olaf Scholz die „Bazooka“ auspacken, um „mit Wumms aus der Corona-Krise zu kommen“. 2022 plante dann die Ampelkoalition neben der Gaspreisbremse auch noch eine Strompreisbremse. Das sei dann sogar ein Doppel-Wumms, so Scholz, mittlerweile als Bundeskanzler. Die kraftbetonte Bild- und Lautlichkeit, erkennbar dazu gedacht, möglichst große Bevölkerungskreise anzusprechen, empfanden manche eher als unangemessen flapsig.

7. neue Normalität

Die Covid-Pandemie ist keineswegs vorbei, aber in vielen Lebensbereichen hat eine neue Normalität Einzug gehalten, zu der nur noch teilweise Maskenpflicht, Abstandsregelungen und andere Corona-Maßnahmen gehören.

8. 9-Euro-Ticket

Mit dem 9-Euro-Ticket wurde im Sommer 2022 der Versuch unternommen, für möglichst viele Menschen den öffentlichen Personennahverkehr attraktiv zu machen. Die hoch subventionierte Monatskarte wurde von Juni bis August insgesamt etwa 52-Millionen-mal verkauft. Auch wenn das System erwartungsgemäß rasch an seine Grenzen kam und die Verkehrsmittel teilweise komplett überfüllt waren, galt die Maßnahme vielen als Erfolg; die Politik sah sich aufgefordert, über Folgemodelle, z. B. ein 49-Euro-Ticket, nachzudenken.

9. Glühwein-WM

Glühwein-WM oder auch Winter-WM steht für die Fußballweltmeisterschaft in Katar. Das arabische Emirat, dem vorgeworfen wurde, die Auslosung durch Bestechung für sich entschieden zu haben, erschien von Anfang an nicht als geeigneter Austragungsort. Nicht nur wurden Verletzungen von Menschenrechten in dem Land kritisiert, sondern auch die klimatischen Bedingungen. Zur Vermeidung der großen Sommerhitze beschloss man, das Turnier im November und Dezember stattfinden zu lassen. Doch aus Sicht vieler deutscher Fußballfans passen Public Viewing und Weihnachtsmarkt nicht zusammen.

10. Waschlappentipps

Die Waschlappentipps beziehen sich auf die durchaus ernst gemeinten, aber überwiegend ironisch aufgenommenen Empfehlungen des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann zum Energiesparen. Unter anderem ließ er wissen, man müsse nicht dauernd duschen: „Auch der Waschlappen ist eine brauchbare Erfindung.“ Was die sprachinteressierte Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang lernen konnte: Die Textilindustrie nennt den guten alten Waschlappen bevorzugt Seiftuch.

Wörter des Jahres zum 46. Mal von GfdS verliehen

Die Wörter des Jahres der Gesellschaft für deutsche Sprache werden 2022 zum 46. Mal in Folge bekannt gegeben. Die Aktion, die mittlerweile weltweit Nachahmung findet, ist die älteste ihrer Art. Traditionell suchen die Mitglieder des Hauptvorstandes und die wissenschaftlichen Mitarbeiter der GfdS nicht nach den am häufigsten verwendeten Ausdrücken, son­dern wählen solche, die das zu Ende gehende Jahr in besonderer Weise charakterisieren.

Anmerkungen zur „Zeitenwende“ von Jochen A. Bär

Das keineswegs neue, vielmehr spätestens seit den 1920er Jahren belegte Wort, das speziell für den Beginn der christlichen Zeitrechnung, in allgemeinerer Bedeutung auch für jeden beliebigen Übergang in eine neue Ära steht, wurde in diesem letzteren Sinne im Jahr 2022 prominent von Olaf Scholz verwendet. Der russische Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 markiere eine „Zeitenwende in der Geschichte unseres Kontinentes“, so der Bundeskanzler in einer Rede am 27. Februar.

Bundespräsident Steinmeier sprach im gleichen Zusammenhang am 28. Oktober von einem „Epochenbruch“. Die deutsche Wirtschafts- und Energiepolitik musste sich völlig neu ausrichten. Verhältnisse zu anderen internationalen Partnern wie China wurden gleichfalls kritisch beleuchtet. Bei vielen Menschen fand auch eine emotionale Wende statt: Angst und Sorge vor einem Atomkrieg in Europa, gar vor einem dritten Weltkrieg waren vielfach zu spüren.

Auch aus anderen Gründen wurde das Jahr häufiger als Wendepunkt empfunden. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) organisierte von April bis Juni eine Diskussionsreihe mit dem Titel „(Un)sicherheit in der Zeitenwende“ und erläuterte: „Mit dem Krieg in der Ukraine, der Pandemie, dem Klimawandel erleben wir die Gleichzeitigkeit dreier transformativer Krisen.“

Zudem ließen die finanziellen Belastungen, die bei einer Inflation von 10 Prozent einer großen Mehrheit der Bevölkerung zu schaffen machten, eine Zeitenwende empfinden. Vor allem die Energiepreise wurden durch das Embargo gegen russisches Gas und Öl nach oben getrieben: Sie stiegen um fast 50 Prozent. Zur Bekämpfung der Teuerung hob die Europäische Zentralbank den Leitzins an und änderte dadurch ihre langjährige Geldpolitik, die das Sparen, eine ehemals deutsche Tugend, unrentabel gemacht hatte.

Einen mentalen Wandel verspürten offenbar vor allem ältere Menschen auch angesichts immer mehr um sich greifender Veränderungen im Sprachgebrauch. Eine minimale Sprechpause zwischen Wortstamm und femininer Endung, die bislang als lautliche Entsprechung des sogenannten Gender-Sternchens galt (Politiker*innen, Lehrer*innen, usw.), fiel immer häufiger dem Sprechtempo zum Opfer oder wurde sogar absichtlich weggelassen – wodurch das generische Maskulinum (die männliche Form steht für alle Geschlechter) faktisch durch ein generisches Femininum abgelöst würde. Ob sich diese „Sprachwende“ mit der Zeit auch allgemein durchsetzen wird, bleibt allerdings abzuwarten.

Das Mittelglied -en- zwischen den beiden Substantiven Zeit und Wende wird in der Grammatik oft als Fugenelement oder Fugenzeichen bezeichnet. Andere Erscheinungsformen sind beispielsweise das -n- in Sonnenschein, das -es- in Tageslicht oder das -s- in Zeitungslektüre. Es ist oft entstanden aus einer alten Genitiv-Endung oder auch, wie im Fall von Zeitenwende, aus einer alten Plural-Endung.

Zeit hat mehr als eine Bedeutung: unter anderem ‚Abfolge von Augenblicken‘ und ‚Periode, Ära‘. In der letzteren Verwendungsweise kann das Wort auch einen Plural bilden, und eine Zeitenwende ist dann eine Wende (ein mit einer Ab- oder Umkehr verbundener Übergang) zwischen zwei Epochen.

Interessant ist, dass eine Zeit in diesem Sinne als mehr oder weniger geradliniger Ablauf gedacht wird (denn sonst wäre ja kein Richtungswechsel möglich): ein durchaus optimistischer Denkansatz in einer Welt, in der Orientierungen weithin verloren gegangen zu sein scheinen.

PM GfdS

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