Sprache ist einem steten, wenn auch kaum merklichen Wandel unterworfen.
Im Fall der romanischen Sprachen sind wir in der glücklichen Lage, ihren Ursprung, das Lateinische, bestens zu kennen. Der Sprachwandel lässt sich also seit über 2000 Jahren „am lebenden Objekt“ beobachten, und wir können herausfinden, welche Mechanismen dabei am Werk sind.
Dadurch hat die Erforschung der romanischen Sprachgeschichte Modellcharakter für die Art und Weise, wie Sprache sich verändert. Denn solche Mechanismen gestalten nicht nur das Lateinische zu romanischen Sprachen um, sondern sie entfalten ihre Wirkung auch woanders, nicht zuletzt im Deutschen.
Prof. Dr. Rainer Schlösser hat 2023 an der Volkshochschule (VHS) Esslingen einen Vortrag zum Thema „Vom Lateinischen zu den romanischen Sprachen“ gehalten. In seiner Einleitung führt er aus:
Wir können zugespitzt sagen: Die heutigen romanischen Sprachen sind die Form, die das gesprochene Lateinische im 21. Jahrhundert hat. Das erstaunt vielleicht beim ersten Hören. […]
Aber stellen Sie sich Folgendes vor: Ein Elternpaar, das im Jahr 20 n. Chr. in Paris gelebt hat, das also im damaligen Gallien Lateinisch gesprochen hat, hat die eigene Sprache an seine Kinder weitergegeben. Und so weiter und so fort von Generation zu Generation – bis ins Jahr 2023.
Kein einziges Elternpaar ist im Lauf dieser langen Zeit der Meinung gewesen, dem jeweiligen Kind eine andere als die eigene Sprache weitergegeben zu haben.
Und trotzdem nennen wir das, was im Jahr 20 in Paris gesprochen wurde Lateinisch, und das, was im Jahr 2023 in Paris gesprochen wird Französisch.
Aber es hat keinen Bruch gegeben. Es gab keinen Stichtag, an dem man gesagt hat: „Jetzt sprechen wir nur heute noch Lateinisch und ab morgen Französisch.“ Sondern der Übergang ist für die Sprecher der jeweiligen Zeit unmerklich verlaufen.

Das Gendern ist kein Sprachwandel
Zum Stichwort „Sprachwandel“ kann sich Schlösser einen Seitenhieb auf das Gendern nicht verkneifen:
Merkmal des Sprachwandels ist, – außer, dass er sich über lange Perioden vollstreckt – dass er für den Sprecher der jeweiligen Zeit unmerklich ist. Der bemerkt das nicht.
Wenn in der heutigen Genderdiskussion das Argument des Sprachwandels missbraucht wird, dann ist das ein Missbrauch, weil das nicht das ist, was man unter Sprachwandel versteht. Sondern Sprachwandel ist der unbewusste Sprachwandel über lange Zeiten, aber nicht der vorgeschriebene Sprachwandel von heute auf morgen.
Gliederung des Vortrags
- Die romanischen Sprachen
- Das Imperium Romanum und seine Sprache(n)
- Faktoren der Diversifizierung
- Parallelen in der Entwicklung romanischer und germanischer Sprachen
- Lateinisch vs. Romanisch: typologische Unterschiede
Professor für Romanische Sprachwissenschaft an Universität Jena
Rainer Schlösser war Professor für Romanische Sprachwissenschaft an der Universität Jena. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Sprachgeschichte, Etymologie und Wortgeschichte, Dialektologie und Sprachkontakt.
Weiterführender Link
- Aufzeichnung des Vortrags „Vom Lateinischen zu den romanischen Sprachen“ (1:05 Std.) im Portal „VHS Wissen live“.
VHS Esslingen, Richard Schneider
