Urkundenfälschung bei Sprachzertifikaten: Razzia in Nordrhein-Westfalen, Bayern und Österreich

Polizei Nordrhein-Westfalen NRW Polizeistern
Polizeistern auf der hinteren Tür eines Einsatzfahrzeugs der Polizei Nordrhein-Westfalen. - Bild: Richard Schneider / UEPO.de

Im Zusammenhang mit der illegalen Beschaffung von Zertifikaten zum Nachweis von Deutschkenntnissen ermitteln die Polizei Aschaffenburg und die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg bereits seit 2025 bundesweit und in Österreich gegen eine größere Gruppierung. Für diesen Zweck wurde eigens die Ermittlungskommission (EKO) „Kiosk“ gegründet.

Am 21. Oktober 2026 wurden in diesem Zusammenhang mehr als 30 Objekte durchsucht – überwiegend im Raum Nordrhein-Westfalen und München. In der Folge wurden sieben Tatverdächtige festgenommen und Ermittlungsrichtern in Aschaffenburg sowie in Nordrhein-Westfalen vorgeführt.

Urkundenfälscher und Schleuser im Zentrum der Ermittlungen

Die Aschaffenburger Polizei und die Staatsanwaltschaft Aschaffenburg ermitteln seit 2025 gegen mehrere Personen wegen des Tatverdachts der banden- und gewerbsmäßigen Einschleusung von Ausländern, banden- und gewerbsmäßiger Urkundenfälschung sowie weiterer Delikte.

Die Ermittlungen im Zusammenhang mit der illegalen Erlangung von Zertifikaten über bestandene Sprachprüfungen erstrecken sich auf Fälle im gesamten Bundesgebiet und auch in Österreich.

Für die Erlangung eines Aufenthaltstitels oder im Rahmen eines Antrags auf Einbürgerung müssen zugewanderte Ausländer nachweisen, dass sie über Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen.

Organisierte Kriminalität

Die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen die Auftraggeber und Nutzer der gefälschten Sprachzertifikate. In der Folge ergaben sich allmählich Hinweise auf die Hersteller und Vertreiber der Dokumente sowie die Rollenverteilung innerhalb der Tätergruppierung.

In engem Austausch mit zahlreichen beteiligten Behörden im Bundesgebiet und in Österreich konnte im Zuge der intensiven Ermittlungen das strukturierte und arbeitsteilige Vorgehen der Gruppe offengelegt werden.

Mittlere zweistellige Zahl von Tatverdächtigen

Die akribisch durchgeführten Ermittlungen der EKO „Kiosk“ ergaben Hinweise auf eine mittlere zweistellige Anzahl tatverdächtiger Personen, die in den verschiedensten Funktionen tätig sind. Die Tatverdächtigen verschafften mehreren Hundert Ausländern illegal Sprachzertifikate und bereicherten sich dadurch.

Zudem ließen sich Zusammenhänge zu weiteren Ermittlungsverfahren in ganz Deutschland und ins europäische Ausland herstellen. Die Polizeiinspektion Aschaffenburg steht insbesondere mit den Dienststellen aus Nordrhein-Westfalen, in deren Zuständigkeitsbereich ein Großteil der Ermittlungsstränge zusammenläuft, und in Österreich im regelmäßigen Austausch.

Strategiewechsel: Erst Fälschung von Sprachzertifikaten …

Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen wurden bei Anträgen auf Einbürgerung oder Erteilung eines Aufenthaltstitels (zum Beispiel einer Niederlassungserlaubnis) bei den Ausländerbehörden zunächst meist vollständig gefälschte Sprachzertifikate vorgelegt.

… dann Betrug durch Stellvertreter bei Sprachprüfungen

Wegen der erhöhten Sensibilisierung der Ausländerbehörden, die meist in der Lage sind, Fälschungen zu erkennen, erfolgte im Lauf der Jahre ein Strategiewechsel. Inzwischen wird vermehrt beobachtet, dass Stellvertreter in die Prüfungen geschickt werden. Dies geschieht meist unter Vorlage eines gefälschten Ausweises.

Das erlangte Sprachzertifikat ist dann echt, aber es wurde durch Betrug erworben.

Juli-Razzia mit Schwerpunkt im Raum Köln – 11 Objekte durchsucht

Bereits am 2. Juli 2026 kam es in Nordrhein-Westfalen zu ersten Durchsuchungen und auch entsprechenden Festnahmen.

Damals wurden elf Objekte mit Schwerpunkt im Raum Köln durchsucht und umfangreiches Beweismaterial sichergestellt. Hierbei handelte es sich neben Datenträgern insbesondere auch um gefälschte Ausweise, gefälschte Sprachzertifikate sowie gefälschte Einbürgerungsurkunden.

Afghanin und Iraker vorläufig festgenommen

Zwei Tatverdächtige, eine 24-jährige Afghanin und ein 35-jähriger Iraker, wurden vorläufig festgenommen. Nach Abschluss der polizeilichen Maßnahmen wurden diese auf Antrag der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg am Folgetag am Amtsgericht vorgeführt.

Eine Ermittlungsrichterin ordnete wegen des dringenden Tatverdachts der bandenmäßigen und gewerbsmäßigen Urkundenfälschung sowie weiterer Delikte die Untersuchungshaft an. Die Haftbefehle wurden gegen strenge Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Oktober-Razzia mit mehr als 350 Beamten – 30 Objekte durchsucht

Am 21. Oktober 2026 kam es zu einer großangelegten und gemeinsamen Durchsuchungs- und Festnahmeaktion in Nordrhein-Westfalen und Bayern. Hierbei wurden in über 30 Objekten entsprechende Durchsuchungsbeschlüsse vollzogen und sieben bestehende Haftbefehle vollstreckt.

Insgesamt waren an dem Einsatz über 350 Polizeibeamte aus Unterfranken, Mittelfranken, München, Nordrhein-Westfalen sowie Kräfte der Bundespolizei und des BKA Österreich beteiligt. Zudem nahmen zwei Staatsanwälte der Staatsanwaltschaft Aschaffenburg an dem Einsatz teil.

Professionelle Fälscherwerkstatt ausgehoben

Auch im Zuge dieses Einsatzes wurden umfangreiche Beweismittel sichergestellt, welche nun im Rahmen der weiteren Ermittlungen überprüft und ausgewertet werden müssen.

Besonders erwähnenswert ist nach Angaben der Polizei das Aufdecken einer professionellen Fälscherwerkstatt mit mehreren hochwertigen Druckern zur Herstellung falscher Dokumente und Ausweise.

Schusswaffe, Bargeld und Drogen beschlagnahmt

Zudem wurde bei einem Tatverdächtigen eine scharfe Schusswaffe gefunden. Insgesamt konnte eine mittlere fünfstellige Bargeldsumme beschlagnahmt werden. Hinzu kommen Kleinmengen abgepackter Drogen, die mutmaßlich zum Verkauf vorgesehen waren.

Polizeikelle
Polizeikelle in einem Einsatzfahrzeug. – Bild: Richard Schneider / UEPO.de

Unterstützung durch Europol

Die operativen Maßnahmen fanden auch in enger Absprache und Unterstützung mit Europol sowie der dortigen Koordinierungsstelle zur Bekämpfung schwerer und internationaler organisierter Kriminalität statt.

Deutsche, Syrer, Iraker, Jordanier und Rumänen unter Tatverdächtigen

Im Zuge des Oktober-Einsatzes wurden insgesamt sieben Tatverdächtige im Alter von 26 bis 46 Jahren festgenommen. Nach Abschluss der Maßnahmen vor Ort wurden diese teilweise nach Aschaffenburg verlegt und am selben Tag einer Ermittlungsrichterin vorgeführt.

Die übrigen Tatverdächtigen wurden in Nordrein-Westfalen einer Ermittlungsrichterin vorgeführt. Diese eröffnete die bereits bestehenden Haftbefehle wegen des dringenden Tatverdachts der banden- und gewerbsmäßigen Urkundenfälschung sowie weiterer Delikte.

Die Tatverdächtigen mit deutschen, syrischen, irakischen, jordanischen und rumänischen Staatsangehörigkeiten befinden sich derzeit in Haft. In einem Fall wurde der Haftbefehl unter strengen Auflagen außer Vollzug gesetzt.

Ermittlungen dauern an

Nach dem Großeinsatz werden die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft intensiv fortgeführt.

Weitere Betrugsmasche: Prüfungsfragen kaufen

Über eine weitere Methode, das Erlernen der deutschen Sprache zu umgehen, wird in dem folgenden Video berichtet.

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PM Polizei Aschaffenburg, Richard Schneider