Verschwundene Wörter – 181 kuriose Wörter von damals und ihre Geschichten

Matthias Heine: Verschwundene Wörter
Bild: Duden

Im Duden-Verlag ist 2025 der von Matthias Heine zusammengestellte Band Verschwundene Wörter – 181 kuriose Wörter von damals und ihre Geschichten erschienen (280 Seiten, 22,00 Euro).

Hierzu gehören Ausdrücke wie Aar, Backfisch, dero, Engelmacherin, Fidibus, Gemächt, Hagestolz, Heiermann, Kaltmamsell, Kokotte, Leu, Muhme, Pomadenhengst, Quacksalber, Sittenstrolch und Tippelbruder.

In der Einleitung heißt es:

Jedes alte Wörterbuch ist ein Zwischenreich, in dem unter lauter bis heute lebenden die Geister verlorener Wörter umherspuken. Etwa die Hälfte der Lemmata zu Beginn der Buchstabenstrecke A im »Grammatisch-kritischen Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart«, das Johann Christoph Adelung zwischen 1774/93 und 1801 veröffentlichte, ist heute in keinem neueren großen Wörterbuch der Gegenwart mehr zu finden […]. Die reichhaltige Strecke von Fachbegriffen rund um den Aalfang, die Adelung verzeichnet, gibt einen guten Hinweis auf einen der Gründe für den Verlust von Wörtern: Die damit bezeichneten Phänomene und Tätigkeiten existieren nicht mehr oder sind zumindest aus dem Alltag der meisten Deutschsprecher verschwunden. […]

Ein ganzes Lexikon füllen Berufsbezeichnungen, die heute nur noch als Familiennamen weiterexistieren. Ein Russe war ein Flickschuster (nach Reuß ›Lederflicken, Schuhflicken‹). Der Nachtkönig leerte nachts die Latrinen. Ein Zeidler war ein Waldimker. Ein Ameisler sammelte Puppen der Insekten, um sie zu verkaufen. In jüngerer Zeit brachten Veränderungen der Berufswelt Wörter wie Kommis, Tankwart, Posamentierer oder Fahrstuhlführer zum Aussterben. […]

Doch der Wörterverlust kann noch viele andere Ursachen haben. Soziale und politische Veränderungen führten dazu, dass Titel und Bezeichnungen unverständlich wurden – den Rentmeister kennt man heute noch am ehesten, weil eine Figur in Fontanes Roman »Der Stechlin« Rentmeister Fix heißt. Auf den Pedell, einen Universitätsdiener, der Studenten in den Karzer, die Arrestzelle der Uni, schleppen konnte, stößt man nur noch in der Prosa Heinrich Heines und anderen Texten über das akademische Leben im 18. und 19. Jahrhundert. […]

Dass Wörter verloren gehen, ist nicht so neu, wie es Sprachpessimisten vielleicht glauben. Die ausgestorbenen Berufsbezeichnungen, die der Linguist Jakob Ebner 2015 in einem Lexikon sammelte, sind nicht erst unter dem planierenden Einfluss des großen Gleichmachers ›Moderne‹ verschwunden, sondern viel früher. Schon im 19. Jahrhundert wussten Menschen nicht mehr, was Luther meinte, wenn er in seiner Bibelübersetzung von einer Schnur (›Schwiegertochter‹) oder einer Pfebe (›Kürbis‹) sprach. Daher füllte ein Theologe 1844 ein bereits 20-seitiges Büchlein mit der »Erklärung der hauptsächlichsten veralteten deutschen Wörter in Dr. Luthers Bibelübersetzung«. […]

Kein Indiz für eine Sprachverarmung – Neologismen überwiegen Schwund

Man mag das Zurückgehen des schönen alten dichterischen und gehobenen Wortschatzes bedauern. Es ist aber kein Indiz für eine Sprachverarmung des Deutschen. Den verschwindenden Phänomenen, für die keine Bezeichnungen mehr notwendig sind, steht eine viel größere Gruppe von neuen gegenüber, für die auch neue Wörter geprägt werden.

Deshalb verzeichnen alle großen digitalen Textarchive seit 1900 millionenfache Zuwächse im Wortbestand des Deutschen. Dem stehen nur 2300 Wörter gegenüber, die in den verschiedenen Duden-Wörterbüchern als ›veraltend‹ angezeigt sind; hinzu kommen 5600 als ›veraltet‹ markierte Lemmata sowie eine nicht viel größere Zahl von Vokabeln, die zumindest aus dem Rechtschreibduden mit seinem beschränkten Platz gestrichen wurden.

Selbst wenn sich unter den Neuprägungen der vergangenen 125 Jahre viele Eintagsfliegen finden oder es sich um politischen, wissenschaftlichen und verwaltungstechnischen Expertenwortschatz handelt – die Neologismen überwiegen den Schwund.

Dennoch faszinieren verlorene Wörter. Oft löst die Begegnung mit ihnen sogar einen leichten Phantomschmerz aus. Nicht alle sind ›versunkene Wortschätze‹, aber sie alle sind Zeugnisse von Veränderungen und von Geschichtlichkeit. Und sie sind eine Verbindung mit Vergangenheit – mit Bedürfnissen, Lebenswelten, Träumen und Gefühlen von Menschen, die vor uns gelebt haben. […]

Bibliografische Angaben

  • Matthias Heine: Verschwundene Wörter – 181 kuriose Wörter von damals und ihre Geschichten. Berlin: Duden. 280 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3411740000.

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