Literatur-Nobelpreis für Anne Carson: Übersetzerin Marie Luise Knott jetzt gefragte Expertin

Anne Carson, Zeichnung
Anne Carson - Bild: Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach

Der Nobelpreis für Literatur geht 2026 an die kanadische Lyrikerin Anne Carson (76). Und wie immer in solchen Fällen werden die Übersetzer zu gefragten Experten für die Medien. Denn niemand studiert die Texte der Preisträger so intensiv.

In diesem Jahr kam dadurch Marie Luise Knott (73) an ein und demselben Tag in gleich vier bedeutenden Feuilletons ausführlich zu Wort. Die Autorin, Journalistin und Übersetzerin hat Anne Carsons Anthropologie des Wassers, Irdischer Durst, Norma Jeane Baker von Troja und Albertine – 59 Liebesübungen ins Deutsche übertragen.

In ihren Ausführungen erweist sich Knott als ausgesprochenes Fangirl der kanadischen Lyrikerin.

Im Spiegel-Interview mit ihr lesen wir:

Ich bin ein absoluter Fan von ihr, seit ich Anthropologie des Wassers gelesen habe […].

Ich besorgte mir alles, was es von ihr gab, und kaufe seither alles, was von ihr erscheint. Und ich bin noch immer fasziniert, wie viele Formen sie benutzt, um ihr poetisches und politisches Anliegen in die Sprachtat umzusetzen. Damals wollte ich wissen, wie sich das im Deutschen anfühlen würde. So begann ich zu übersetzen.

In der Neuen Zürcher Zeitung:

[…] deswegen bin ich so glücklich, dass das Nobelkomitee in Schweden sie ausgezeichnet hat: Denn ihre Essays und Gedichte verwandeln Antworten in Fragen und lehren uns eine Sprache, die ganz aus sich heraus denkt und spricht. Mit unendlicher Zartheit betastet sie die Wirklichkeit und unser aller Ratlosigkeiten.

So lassen mich ihre Texte verändert zurück. Und so sind sie seit vielen Jahren Inspirationsquellen für Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Und das weltweit. Was für ein Glück, dass es sie gibt und dass ich sie übersetzen durfte und darf.

Die tageszeitung schreibt:

Knott schwärmt von den Forschungen, die Carson über die griechische Dichterin Sappho unternommen hat. Denn Carson hat Sappho auch aus dem Griechischen übersetzt. „Das ist in einer Fundierung der Sprache gelandet und einfach toll. Ich finde das so verdient, weil ein Nobelpreis so sein soll, dass er wirklich Ausstrahlungen in die Welt hat“, sagt Knott.

Die Süddeutsche Zeitung fragt Knott, ob sie geahnt habe, dass dieses Jahr Carson den Nobelpreis erhält. Knott antwortet:

Nein. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Wir warten ja seit Jahren. Dabei finde ich, dass ihre Arbeit so wichtig ist. Der Nobelpreis ist ja eigentlich dafür zuständig, eine Stimme auszuzeichnen, die wirklich etwas ganz Neues, Literarisches schafft. Und das hat Anne Carson aus meiner Sicht geleistet. […]

Lyrik ist eine Skulptur. Ich trete ihr entgegen und muss die Skulptur nachbauen. Das heißt, ich muss wiederum ein Gedicht schreiben.

Die Beiträge in voller Länge:

Anne Carson, Wasser, Rot

Carsons Werk auf fünf Verlage und acht Übersetzer verteilt

Die Veröffentlichungen von Anne Carson werden im deutschsprachigen Raum nicht von einem einzelnen, sondern aufgeteilt auf mehrere Verlage verlegt:

  • Matthes & Seitz betreut den größten Teil ihrer neueren und aktuellen Schriften (wie Anthropologie des Wassers, Irdischer Durst oder Norma Jeane Baker von Troja).
  • S. Fischer verlegt zwei bedeutende Hauptwerke, die von Dr. Anja Utler übersetzt wurden (Rot – zwei Romane in Versen sowie Decreation – Gedichte, Oper, Essays).
  • Wallstein hat Carsons Berliner Rede zur Poesie (Dreizehn Blickwinkel auf Einige Worte) publiziert, übersetzt von Dr. Anja Utler.
  • Turia + Kant verlegt philosophisch-essayistische Titel wie Der bittersüße Eros (übersetzt von Christina Drangowski) und An Antigone (übersetzt von Marcus Coelen).
  • Piper verlegte um die Jahrtausendwende frühe Werke von Carson, deren Ausgaben mittlerweile vergriffen sind.

Weitere Carson-Übersetzer sind nach Angaben des Literaturübersetzer-Verbands VdÜ Gerhard Falkner, Karen Lauer, Christian Steinbacher und Alissa Walser.

Richard Schneider