Werner Eberlein gestorben – Chefdolmetscher von Ulbricht, deutsche Stimme von Chruschtschow

Werner Eberlein
Werner Eberlein - Bild: Lotti Ortner / Das Neue Berlin

Werner Eberlein ist am 11.10.2002 im Alter von 82 Jahren beim Rasenmähen an einem Herzinfarkt gestorben. Er war Chefdolmetscher Ulbrichts und „die deutsche Stimme“ von Chruschtschow. Als ZK- und von 1985 bis 1989 Politbüro-Mitglied gehörte er zu den Mächtigen in der DDR. Der Spiegel charakterisiert ihn in einem kurzen Nachruf als „beliebten, stets milde gestimmten Melancholiker“.

Die westdeutsche Illustrierte stern schrieb im Juli 1963 über die Dolmetschkunst Eberleins:

Chrustschow wird besser übersetzt als Kennedy. Einer durfte in Berlin Nikita Chrustschow ins Wort fallen, wann immer er wollte. Der Ostblock-Herrscher fügte sich lächelnd. Freilich liebt der rote Herr derartige Unterbrechungen nur durch seinen Übersetzer, den Zwei-Meter-Hünen Werner Eberlein. ,Chrustschows Schatten‘ ist stets die getreue deutsche Stimme seines Herren aus Moskau. Auf ihn kann sich der Sowjetmensch verlassen. Mit ihm erlebt er keine so misslichen Pannen, wie sie John F. Kennedy mit Dolmetscher Robert Lochner bei seinem Deutschland-Trip jüngst widerfuhren.

Chrustschow hat für seine Reden einen lautgerechten Lautsprecher. Wie er räuspert, wie er spuckt, hat Eberlein dem Kreml-Boss trefflich abgeguckt. Flüstert der Chef, säuselt der Übersetzer. Brüllt Nikita, tönt Eberlein simultan. Chrustschow kann gewiss sein, dass er sowohl im Wortlaut als auch im Tonfall unverändert auf die deutschen Zuhörer weitergereicht wird.

Nicht so erging es Kennedy. Was der Besucher aus dem Weißen Haus in wohlformulierten Worten ausdrückte, wurde vom Dolmetscher lieblos heruntergeleiert, er interpretierte den Präsidenten auch falsch. […] Solcherart Sorgen hat Chrustschows deutschsprachiger Sprüchemacher nicht. Der Kreml-Chef spricht langsam, benutzt schlichte Bilder und lässt sich in seinen Sätzen beliebig oft unterbrechen, so dass der Dolmetscher wie ein Simultan-Übersetzer wirkt. Durch dieses System der Gleichzeitigkeit von Rede und Übersetzung geht nichts vom ursprünglichen Schwung Chrustschows verloren. Der Zuhörer hat den Eindruck, er verstehe den Redner selbst.

Werner Eberlein
Werner Eberlein dolmetscht eine Fernsehdiskussion mit Kosmonauten.

Wie dolmetscht man die Frage „Na, Dickerchen, wer bist du denn?“

Wer 30 Jahre auf höchster Ebene im In- und Ausland dolmetscht, kann Anekdoten wie diese erzählen:

Als Mao Zedong 1957 auf der Weltkonferenz Friedrich Ebert [Oberbürgermeister von Ost-Berlin] ansprach: „Na, Dickerchen, wer bist du denn?“, geriet ich in arge Schwierigkeiten. War der chinesische Dolmetscher, der die Frage ins Russische übersetzte, etwas leichtfertig mit den Vokabeln umgegangen, oder war das der Umgangston des großen chinesischen Führers? Vorsichtshalber habe ich es jedenfalls freundlicher formuliert, schon um Ebert nicht zu schockieren.

Jener Dolmetscher Maos verschwand dann auch sehr plötzlich, weil er, wie man mir anvertraute, in einer Übersetzung ins Russische das Wort „Arsch“ gebraucht hatte und damit die sowjetischen Gesprächspartner derart düpierte, dass man um seine Ablösung bat.

Dolmetschkarriere endet mit Wahl ins ZK der SED

Eberlein schreibt:

Als Honecker seinen Antrittsbesuch bei Juri Andropow machte, fungierte ich das letzte Mal als Dolmetscher. Mit der Wahl ins ZK endete ein Abschnitt meines Lebens, der mich fast drei Jahrzehnte geprägt hatte.

Ich war mit vielen Persönlichkeiten der Weltpolitik zusammengetroffen, auch mit solchen, deren Bedeutung heute anders eingeschätzt wird. Ich hatte in vertraulichen Gesprächen erlebt, dass Politik selten so gemacht wurde, wie man es als Zeitungsleser glauben mochte. Und ich hatte diese Persönlichkeiten aus nächster Nähe kennen gelernt.

Werner Eberlein
Werner Eberlein im Gespräch mit Gerhard Schröder.

Eberleins Vater hatte mit Liebknecht und Luxemburg die KPD gegründet

Eberleins Vater hatte gemeinsam mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg die KPD gegründet und 1919 in Moskau die Kommunistische Internationale. Werner Eberlein kam im Alter von 14 Jahren in die Sowjetunion. Erst lebte er behütet in Moskau, war Gast im legendären Hotel „Lux“, dann wurde er nach Sibirien verbannt.

Wer mehr über den abenteuerlichen Lebenslauf Eberleins erfahren möchte, dem sei seine Autobiografie empfohlen. Die Arbeit als Sprachmittler kommt darin allerdings – wie bei so vielen Dolmetscherbiografien – nur am Rande zur Sprache.

Werner Eberlein
Die Erinnerungen von Werner Eberlein sind 2001 unter dem Titel „Geboren am 9. November“ erschienen. 2009 wurden sie noch einmal aufgelegt. – Bild: UEPO.de

Bibliografische Angaben

  • Werner Eberlein (2001): Geboren am 9. November. Erinnerungen. Berlin: Das Neue Berlin. 540 Seiten, mit Personenregister, 14,90 Euro, ISBN 3-360-00988-6.

Richard Schneider

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