Krankenhausdolmetschen: „Für die Dolmetscher ist es ein Schock, jemanden sterben zu sehen“

In der Süddeutschen Zeitung ist ein Artikel über den Krankenhaustourismus reicher Araber erschienen, der sich auch mit dem Thema Dolmetschen beschäftigt.

Zu Wort kommt unter anderem der Arabisch-Dolmetscher Hakim Rani Bayadsi, der ausgebildeter Zahntechniker ist und für den privaten Dienstleister „Europe Health“ arbeitet. Er verfüge über medizinische Fachkenntnisse, die vielen seiner Kollegen fehlten – insbesondere jenen, die das Konsulat der Vereinigten Arabischen Emirate bereitstelle, so eine Krankenschwester.

Der Umgang mit todkranken Auftraggebern ist für Bayadsi und seine Kollegen nicht selten eine seelische Belastung. „Für die Dolmetscher ist es ein Schock, jemanden sterben zu sehen“, sagt eine Krankenschwester. Ärzte und Krankenschwestern könnten hingegen damit umgehen. Die Süddeutsche schreibt:

„Araber haben ein ungeheures Vertrauen. Sie denken, sie kommen nach Deutschland und werden auf jeden Fall gesund“, erzählt Anne Ferch (Name geändert), Krankenschwester in der Krebsstation eines Münchner Krankenhauses. Die Realität sieht anders aus: Oft sei das Krankheitsbild des Patienten schon so weit fortgeschritten, dass kaum eine Chance auf Heilung bestehe. Doch Deutschland, in den arabischen Ländern als medizinisches Hightech-Zentrum vermarktet, erscheint vielen gerade dann als letzte Hoffnung. […]

Bayadsis Dienste werden von den Patienten gerne genutzt, da wenige Kliniken arabisch sprechendes Personal haben. Als ausgebildeter Zahntechniker kann er den medizinischen Kontext überdies verständlich vermitteln. Ferch berichtet, dass es vielen Dolmetschern genau an diesem Hintergrundwissen mangele. Insbesondere jenen, die das Konsulat der Vereinigten Arabischen Emirate bereitstelle. Hinzu komme, dass „die Übersetzer vom Konsulat nicht ständig im Krankenhaus anwesend sein können, sondern nur dann, wenn man sie ruft“, schildert die Krankenschwester die Situation. Gut ein Tag verstreiche, bis der Dolmetscher Zeit habe. Doch was tun, wenn der Patient akute Schmerzen hat?

„Dann zeigen wir unseren Patienten eine Liste mit arabischen Begriffen, für Übelkeit etwa oder Schmerz. Der Patient kann dann darauf deuten und anschließend zum Beispiel auf sein Knie“, erklärt Ferch. Dann wisse man aber natürlich noch nicht, wie schlimm der Schmerz sei. Die Kommunikationsmöglichkeiten seien in so einem Fall sehr eingeschränkt. […]

Hart treffe es auch die Dolmetscher, die hilflos seien, wenn ein Patient sterbe. „Die Ärzte und Krankenschwestern auf unserer Station können mit dem Tod umgehen. Für die Dolmetscher ist es ein Schock, jemanden sterben zu sehen“, sagt Ferch. Bayadsi weiß das. Vor wenigen Tagen starb eine junge Frau, die er wochenlang betreut hatte. Sie litt an fortgeschrittenem Brustkrebs. Als sie starb, erzählt Bayadsi, kümmerte sich eine Ärztin um ihn. Eine Stunde lang.

Richard Schneider

tekom-Frühjahrstagung Freiburg