Die Trotzköpfchen geben auf: FAZ und Springer- Presse demnächst in aktueller Rechtschreibung

Wie von uns vor einer Woche bereits prognostiziert, nutzen die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Springer-Verlag den von den Kultusministern abgesegneten Kompromissvorschlag des Rats für deutsche Rechtschreibung, um ihre Trotzhaltung aufzugeben. Springer hat die Einführung einer „reformkonformen Rechtschreibung“ bis zum 1. August 2006 angekündigt.

Die FAZ ziert sich noch, signalisiert aber ebenfalls eine Kehrtwende: „Seitdem die Reform der Rechtschreibreform durch die Wiederzulassung zahlreicher Varianten die weitgehende Verwendung der bewährten Rechtschreibung möglich macht, ist die Frankfurter Allgemeine Zeitung grundsätzlich zu einem Kompromiß bereit. Zur Zeit werden die Details der Vorschläge des Rechtschreibrates geprüft. Die endgültige Entscheidung wird erst nach der Ministerpräsidentenkonferenz am 31. März gefällt werden.“

In einem Punkt irrt die FAZ freilich: Von einer „weitgehenden Verwendung“ der veralteten Schreibweisen kann auch nach den neuen Vorschlägen keine Rede sein. Hinzu kommt, dass viele der jetzt alternativ zugelassenen Varianten in der Praxis bereits ausgestorben sind. Ob ihre Reanimierung Erfolg haben wird, ist fraglich, denn die alten Journalisten scheiden aus dem Berufsleben aus, die jungen kennen nur die neuen Regeln.

Die Abtrünnigen geben jetzt vor, einen Sieg errungen zu haben, um unter Wahrung des Gesichts in die reformierte Rechtschreibgemeinschaft zurückkehren zu können. Dass dieses subjektive Erfolgsempfinden einer objektiven Überprüfung nicht standhält, weiß auch der wohl eifrigste Gegenreformer Theodor Ickler. Er hält die Kompromissvorschläge für Augenwischerei und verließ vor wenigen Tagen aus Protest den Rat für deutsche Rechtschreibung.

Die Vorschläge des Rats waren für die Konservativen der dringend benötigte und willkommene Anlass, aus der Schmollecke wieder heraustreten. Die veraltete Rechtschreibung behinderte zunehmend den Lesefluss, da der seit zehn Jahren an die reformierte Schreibweise gewöhnte Leser unwillkürlich bei jedem „daß“ bereits [da:s] las. Die von Agenturen und jungen festen und freien Mitarbeitern stets in neuer Rechtschreibung eingereichten Beiträge mussten bei FAZ und Springer im Korrektorat mühsam auf alt getrimmt werden – ein Aufwand, der sich intern immer schwieriger rechtfertigen ließ.

Die aufgeklärt-konservative FAZ, viele Zeitungen und Zeitschriften des konservativen Springer Verlags, darunter die einflussreiche Boulevardzeitung Bild, sowie diverse rechtsradikale Postillen wie die Deutsche Stimme der Nationaldemokraten (NPD) und die rechtsintellektuelle Junge Freiheit waren aus Protest gegen die Rechtschreibreform jahrelang weiter in traditioneller Orthografie erschienen. Die JF will auch künftig daran festhalten: „Ein selbstbewußtes Beharren auf Bewährtem ist keine Entscheidung gegen die Vernunft, sondern eine für Liberalität – und somit für die Stärkung des demokratischen Prinzips in einer freien Gesellschaft.“

Im Gegensatz zu anders lautenden Gerüchten und Falschmeldungen sind der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung, die sich politisch eher dem linken Spektrum zurechnen, nie zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt, obwohl dies zeitweise erwogen wurde. Dort müssen sich die Korrektoren jetzt also nicht erneut umstellen.

Richard Schneider

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