„Ich seh dir in die Augen, Kleines!“ – Ist das falsch, schief oder genial übersetzt?

Humphrey Bogart
Humphrey Bogart - Bildbearbeitung: UEPO.de

„Der legendäre Satz aus dem Film Casablanca ist eine Fehlübersetzung.“ – Darauf weist zu Silvester und aus Anlass der zum Jahreswechsel üblichen Trinksprüche der österreichische Autor Robert Sedlaczek in einem Beitrag für die Wiener Zeitung hin.

„In den englischsprachigen Ländern verwendet man als Trinkspruch ‚cheers‘, ‚here’’s to you‘ oder ‚your health'“, führt Sedlaczek aus. Und weiter:

Der berühmteste Trinkspruch aus der Filmwelt lautet: „Ich schau dir in die Augen, Kleines!“ Das sagt in Casablanca Rick (Humphrey Bogart) zu Ilsa (Ingrid Bergman).

Kleine Korrektur: Er sagt nicht süddeutsch „ich schau“, sondern norddeutsch „ich seh“. Im Original lautet der Satz: „Here’’s looking at you, kid!“

Sedlaczek weiter:

Bogart spricht den Satz mit sonorer, lispelnder Stimme, fast knurrend. […] Der Satz stand nicht im Drehbuch. Bogart hat ihn während der Dreharbeiten am 3. Juli 1942 im Burbank Studio der Warner Brothers spontan verwendet.

Eigentlich handelt es sich um einen alten Trinkspruch: Zwei Menschen prosten sich zu und schauen sich durchs Glas in die Augen. Bogart verwendet ihn als unterkühlte Offenbarung seiner Gefühle.

Wenn die Übersetzer ihr Handwerk verstanden hätten, würde Bogart in der deutschen Synchronisation in etwa so klingen: „Ich trinke auf dein Wohl, Kleines!“ Zur allgemeinen Überraschung heißt es aber: „Ich schau dir in die Augen, Kleines!“

Das ist so, wie wenn man „how do you do“ nicht mit „wie geht es Ihnen“, sondern mit „wie tun Sie sich denn so“ übersetzen würde.

Komplexes Übersetzungsproblem

Auf den ersten Blick hat Sedlaczek recht. Aber: Bogart spricht in der Rolle des Rick seine Geliebte Ilsa (Ingrid Bergmann) nicht nur einmal, sondern vier Mal auf diese Weise an – in völlig unterschiedlichen Situationen:

  • Die ersten beiden Male beim Zuprosten in „Rick’s Café Americain“ mit einem Glas Champagner in der Hand. In diesen Fällen hätte „Ich trinke auf dein Wohl, Kleines!“ tatsächlich besser gepasst.
  • Beim dritten Mal sagt er es in der Rückblende, in der die glückliche Zeit in Paris geschildert wird, während er Ilsa in den Armen hält. Ohne Glas, ohne Schampus und ohne Prösterchen.
  • Das vierte, letzte und auffälligste Mal bringt er den Spruch in der Schlussszene am Flughafen. Rick berührt Ilsa zärtlich am Kinn und spricht zum Abschied erneut: „Here’’s looking at you, kid!“

Die beiden letzten Male kann man die Wendung auf keinen Fall als Trinkspruch interpretieren und übersetzen. Was der Protagonist in Paris damit ausdrücken wollte, bleibt rätselhaft. In der Abschiedsszene am Flughafen Casablanca hätte man den Spruch sinngemäß und treffend mit „Alles Gute, Kleines!“ übersetzen können.

Nach den gängigen Regeln der Übersetzungskunst wären für die drei unterschiedlichen Situationen (Zuprosten, Liebesgeflüster, Abschied) ohne Weiteres drei verschiedene Übersetzungen möglich gewesen.

Damit hätte man aber den Spruch an sich zerstört, der mit dem Anhängsel „kid“ auch im englischen Sprachraum fest mit Bogart verbunden wird. Und Bogey selbst wird sich auch irgend etwas dabei gedacht haben, dass er dieselbe Wendung viermal vorträgt.

Wahrscheinlich hat der Übersetzer der Synchronfassung von 1975 gründlicher nachgedacht als Sedlaczek und erkannt, dass es wichtig ist, den Satz einheitlich zu übersetzen. Nur weil das englische „Here’’s looking at you, kid!“ im Deutschen einheitlich schief, aber für alle Situationen halbwegs passend mit „Ich seh dir in die Augen, Kleines!“ eingedeutscht wurde, konnte es sich zu einem geflügelten Wort und typischen Bogart-Zitat entwickeln, das noch heute jeder kennt.

So gesehen erscheint die vermeintliche Fehlübersetzung doch nicht so falsch und abwegig, sondern geradezu genial zu sein.

Richard Schneider