Darmblutung durch sprachliches Missverständnis: Deutsch-Russe schluckt Tablette samt Blisterverpackung

In dieser Form wurde dem Patienten das Medikament übergeben – mit der Anweisung, die Tablette “so, wie sie ist” zu nehmen. Gemeint war, dass diese nicht gelutscht, zerkaut oder in Wasser aufgelöst, sondern als Ganzes heruntergeschluckt werden sollte. Das tat der Mann dann mitsamt der Verpackung. – Bild: UEPO.de

Die Kommunikation von Ärzten und Krankenhauspersonal mit nicht oder nur unzureichend Deutsch sprechenden Patienten ist schwierig und kann zu lebensgefährlichen Missverständnissen führen.

In Hamburg wurde ein 76-jähriger Patient deutsch-russischer Herkunft zu einem Notfall, weil er eine Anweisung zur Medikamenteneinnahme falsch verstanden hatte. Die aktuelle Ausgabe des Hamburger Ärzteblatts berichtet:

Die […] Anamnese [Ermittlung der Vorgeschichte der Krankheit] gestaltete sich aufgrund der geringen Deutschkenntnisse des Patienten deutlich erschwert. […] Im Herzzentrum der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf wurde die Indikation zur Schrittmacherversorgung gestellt. Die Ehefrau des Patienten sprach ausreichend deutsch, wodurch die weitere Kommunikation mit dem Patienten erleichtert wurde. Nach komplikationsloser Implantation eines [Herz-]Schrittmachers kam es am dritten postoperativen Tag zu einer frischen peranalen Blutung [blutiger Ausfluss aus dem Darm].

Die notfallmäßig durchgeführte Koloskopie [Darmspiegelung] zeigte mehrere Polypen […], die allerdings nicht für die Blutung verantwortlich gemacht werden konnten. Als Blutungsquelle konnte eine, sich noch in der Blisterverpackung befindliche Tablette […] ausgemacht werden. Diese war dem Patienten vom Pflegepersonal in dieser Form im Tagesdispenser bereitgestellt worden […].

Die Zeitschrift zeigt ein Foto der Einzeltablette, die aus der Sichtverpackung herausgeschnitten worden war. Deren scharfe Kanten und spitze Ecken hatten sich in der weichen Darmwand verkeilt.

Aber warum wurde dem Patienten die Tablette überhaupt in der Verpackung und nicht lose übergeben? Das Ärzteblatt erklärt:

Im Krankenhaus erhalten Patienten oftmals Medikamente, die anders aussehen als diejenigen, die sie ambulant bekommen. Um das […] Präparat für den Patienten zur Nüchterneinnahme kenntlich zu machen, bricht das Pflegepersonal das Medikament nicht aus dem Blister, dieser wird anteilsweise zerschnitten und den Patienten im Tagesdispenser bereitgestellt.

“Seine Ehefrau hatte ihm offenbar übersetzt, er solle die Medikation ,unverändert’ einnehmen, was der Patient bedingungslos tat […]”, schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel, das die Geschichte ebenfalls aufgreift.

Immerhin gestaltete sich die Entfernung der Tablettenverpackung laut Ärzteblatt problemlos:

Der scharfkantige Blister konnte komplikationslos geborgen werden, eine Blutstillung war nicht notwendig.

Der Patient hatte übrigens Glück im Unglück: Bei der Darmspiegelung wurde eine auffällige Geschwulst entdeckt – bösartiger Darmkrebs in einem sehr frühen Stadium. Da die Geschwulst erst begrenzt gewachsen war und noch nicht gestreut hatte, entschieden sich die Ärzte dafür, den befallenen Darmabschnitt zu entfernen. Der Patient sei dadurch heute tumorfrei, so der Spiegel.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Hamburger Ärzteblatt, Ausgabe 06/07 2012, Seite 28-29; Spiegel Online, 07.07.2012.]