Porno oder Liebesmärchen? Interview mit Shades-of-Grey-Übersetzerin Andrea Brandl

Shades of Grey„Buchsensation“, „Weltbestseller“, „meistverkauftes Taschenbuch des Jahres in Deutschland“ – der Goldmann-Verlag ist begeistert. Mehr als 1,2 Millionen Exemplare wurden allein vom ersten Band der Erotik-Trilogie „50 Shades of Grey“ im deutschen Sprachraum verkauft – fast ausschließlich an Frauen. Der zweite Teil ist vor zwei Wochen erschienen und der dritte Teil kommt erst noch. Autorin ist die britische Autorin Erika Leonard (49), die unter dem Pseudonym E. L. James schreibt.

Die deutschen Bände tragen die verheißungsvollen Untertitel Geheimes Verlangen, Gefährliche Liebe und Befreite Lust. Um Schweinkram soll es sich dabei aber nicht handeln, obwohl die Beschreibung von Sado-Maso-Praktiken einen breiten Raum einnimmt.

Dass der Roman auch von politisch korrekt denkenden, emanzipierten Gutmenschinnen ohne Gewissensbisse konsumiert werden darf, hat Alice Schwarzer, die Päpstin der Frauenbewegung, klargestellt. Die Romane seien nicht pornografisch und kein Rückschlag für die Emanzipation. Es handle sich vielmehr um „Liebesmärchen nach vertrautem Muster“, erklärt sie in der Frankfurter Rundschau:

Dieser Unterhaltungsroman ist das Gegenteil von Pornografie, in der der Sex entpersonalisiert ist. Es geht darin um eine Frau und einen Mann, ihre Geschichte, ihre Gefühle, um Liebe. Die Frau wird nie zum passiven Objekt degradiert, sondern bleibt denkendes und handelndes Subjekt.

Also brauchen sich auch die beiden Übersetzerinnen Andrea Brandl und Sonja Hauser nicht zu genieren, die mit der Übertragung ins Deutsche beauftragt wurden. Wie bei geplanten Bestsellern zunehmend üblich, wurde die Übersetzung auf mehrere Übersetzer aufgeteilt und unter einem enormen Zeitdruck produziert. Brandl und Hauser haben die insgesamt 1.700 Seiten der drei Bände ohne Pause innerhalb von fünf Monaten übersetzt. Das ergibt einen Schnitt von zusammen 17 Seiten pro Arbeitstag, also 8 bis 9 Seiten pro Übersetzerin, wenn man 20 Arbeitstage pro Monat zugrundelegt.

Der buchreport, das Fachmagazin der deutschsprachigen Buchbranche (Handel, Verlage und Dienstleister), hat mit Andrea Brandl über ihre Arbeit als Übersetzerin gesprochen. Brandl erklärt, dass sie vom Ausmaß des Erfolgs und der Medienresonanz auf dem deutschen Markt überrascht worden sei. Obwohl sich das Buch in Großbritannien und den USA zuvor bereits sehr gut verkauft habe, sei keineswegs sicher gewesen, dass die deutschen Leser ähnlich reagierten.

Beide Übersetzerinnen hätten sich erst bei diesem Übersetzungsprojekt kennengelernt. „So etwas funktioniert nur gut, wenn man in der Lage ist, sich detailliert abzustimmen. Wir haben mehrfach in der Woche telefoniert: Wer spricht wie? Wer verwendet welche Begriffe? Wir haben die Übersetzung des anderen am Ende nochmal gegengelesen, bevor das Buch ins Lektorat ging“, so Brandl.

Der buchreport hat auch die Fragen gestellt, die alle anderen Übersetzerkollegen interessieren:

War das Ihr lukrativster Auftrag?
Sicher.
Sind Sie jetzt reich?
Nein, das wäre eine illusorische Vorstellung. Man darf nicht vergessen, dass von den Tantiemen im nächsten Jahr viel ans Finanzamt fließen wird. Kein Übersetzer kann selbst nach solch einem Job die Füße ein paar Monate in der Karibik hochlegen. Der Idealismus ist in unserer Branche sehr stark ausgeprägt.

Das vollständige Interview finden Sie auf der Website des buchreports. Der Verlag stellt die ersten 40 Seiten von Band 1 im Internet als Leseprobe zur Verfügung.

[Text: Richard Schneider. Quelle: buchreport, 2012-09-07; Frankfurter Rundschau, 2012-07-13. Bild: Goldmann.]