VdÜ-Studie zu Literaturübersetzern: Ökonomisch unattraktiver Beruf mit garantierter Altersarmut

VdÜ-Umfrage, Arbeitssprachen
Die häufigsten Arbeitssprachen von Literaturübersetzern. – Bild: VdÜ

Der Verband deutschsprachiger Literaturübersetzer (VdÜ) hat nach Erhebungen im Jahr 2011 eine umfangreiche Studie zur Einkommenssituation der Literaturübersetzer erstellt, die jetzt veröffentlicht wurde. Der Verband hat 1.200 Mitglieder. Unter dem Titel “Literaturübersetzende in Deutschland: ein Lagebericht” finden sich detaillierte und fundierte Informationen zur Einkommenssituation des Berufsstands. Darüber hinaus bietet die Studie Einsichten in die Altersstruktur der Zunft, die häufigsten Arbeitssprachen, die durchschnittliche Jahresleistung und vieles mehr.

Klar wird, dass das Literaturübersetzen auf dem deutschsprachigen Markt ökonomisch ein unattraktiver, um nicht zu sagen ruinöser Beruf bleibt, dem naheliegenderweise der Nachwuchs auszugehen droht. Darüber hinaus besteht Anlass zur Sorge, ob das hohe Maß an Professionalität und die daraus resultierende Qualität unserer Übersetzungskultur unter diesen Bedingungen erhalten bleiben können.

Zentrale Ergebnisse der Umfrage, an der 227 Übersetzer teilgenommen haben:

  • Geschlechterverteilung: 74 % der Literaturübersetzer sind weiblich, 26 % männlich.
  • Seitenhonorare: Das niedrigste Seitenhonorar liegt im Durchschnitt bei 15,30 Euro, das höchste Honorar bei durchschnittlich 19,75 Euro.
  • Einkommen: Das durchschnitte Übersetzereinkommen liegt unter dem Einkommen aller bei der Künstlersozialkasse versicherten freien Autoren (im Jahr 2010: 16 983 Euro, Quelle: Internetseite KSK).
  • Altersversorgung: Die durchschnittlichen Rentenansprüche der Literaturübersetzer liegen um die 500 Euro pro Monat. Damit liegen sie mehr als 200 Euro unter dem Satz, der 2007 nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums durchschnittlich als Grundsicherung gezahlt wurde (710 Euro monatlich). Die meisten Übersetzer werden nach Eintritt ins Rentenalter, sollten sie nicht weiter arbeiten (können), zum Sozialfall: Selbst wenn sie jahrzehntelang Vollzeit gearbeitet haben, fallen sie in die Grundsicherung.
  • Nachwuchsproblem: 67 % der Übersetzer, die an der Umfrage teilgenommen haben, sind älter als 45, 28 % sind älter als 56. Nur 9 % sind zwischen 25 und 35 Jahre alt.
Hinrich Schmidt-Henkel
Hinrich Schmidt-Henkel – Bild: VdÜ

Der 1. Vorsitzende des VdÜ, Hinrich Schmidt-Henkel (Bild), sagt dazu: “Vor zehn Jahren trat eine Novelle des Urheberrechts in Kraft, die ausdrücklich die Kreativen stärken sollte. Seither sind Übersetzungen für die Verlage immer billiger geworden, da leichte nominelle Erhöhungen der Seitenhonorare bei weitem nicht Schritt halten mit dem Kaufkraftverlust. Immer noch praktiziert die Mehrheit der Verlage bei der Vertragsgestaltung das Recht des Stärkeren. Es bleibt unsere Aufgabe als Berufsverband, auf Gemeinsame Vergütungsregeln mit den Verlagen hinzuarbeiten, die diese Misere zugunsten angemessener Honorare beenden.”

Schmidt-Henkel weiter: “Unsere Studie belegt, wie nötig dies wäre. Es gibt das Gesetz, es gibt höchstrichterliche Urteile, die aber von der großen Mehrheit der Verlage unterlaufen werden. Unterstützt vom mächtigen Börsenverein des deutschen Buchhandels, sucht ein Verlag sogar beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Hilfe bei dem Versuch, die gesetzliche Verpflichtung zu angemessener Vergütung abzuschaffen. Auch das zeigt: Solange es keine Gemeinsame Vergütungsregeln gibt, hat die Branche keinen Frieden, und die Literaturübersetzer, von denen die Verlage gleichwohl absolute Professionalität erwarten, werden weiter vergütet wie Freizeitübersetzer.“

Die 63-seitige Studie mit zahlreichen Grafiken kann auf der Website des VdÜ heruntergeladen werden:

[Text: VdÜ, ergänzt von Richard Schneider. Quelle: Pressemitteilung und Studie VdÜ, 2012-11-28.]