Befangen? Gerichtsdolmetscherin abgelöst, weil sie Mutter des Verteidigers ist

Justitia auf dem Frankfurter RömerbergDas Landgericht Darmstadt hat eine Dolmetscherin für Bulgarisch in einem laufenden Verfahren abgelöst, weil sie die Mutter eines der Verteidiger ist. Das Darmstädter Echo schreibt:

Auf der Kippe stand gestern Nachmittag der Prozess gegen zwei Bulgaren wegen Zuhälterei und Vergewaltigung am Landgericht Darmstadt. Grund waren verwandtschaftliche Beziehungen zwischen Prozessbeteiligten, die der Strafkammer eher zufällig auf Umwegen bekannt wurden. [……]

 

In der Mittagspause des gestrigen zweiten Verhandlungstags machte ein Prozessbeobachter der Polizei die Strafkammer unter Vorsitz von Richterin [……] darauf aufmerksam, dass die Bulgarisch-Dolmetscherin die Mutter des Rechtsanwalts [……] ist, der den dreißigjährigen Angeklagten verteidigt.

Das Verwandtschaftsverhältnis war für das Gericht nicht erkennbar, da Mutter und Sohn verschiedene Nachnamen tragen. Die Richterin gab ihrer Verärgerung darüber Ausdruck, dass sie von beiden nicht informiert worden war. Immerhin könne das Verfahren wegen möglicher Befangenheit der Dolmetscherin platzen.

Die Kammer zog sich zur Beratung zurück und teilte dann mit, dass es im bisherigen Prozessverlauf keine Anzeichen für eine fehlerhafte Verdolmetschung gegeben habe. Gleich mehrere Anwesende seien der bulgarischen Sprache mächtig.

Trotzdem wurde das Verfahren umgehend unterbrochen und eine Woche später mit einer anderen Dolmetscherin fortgesetzt, „um jeglichen Anschein von Befangenheit zu vermeiden“, wie die Richterin erklärte.

[Text: Richard Schneider. Quelle: Darmstädter Echo, 2012-11-27. Bild: Richard Schneider.]

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