Entscheidend für die Terminologiearbeit: Den Begriff “Begriff” begreifen

Das Wort “Begriff” ist allen geläufig. In der Dokumentationsbranche und insbesondere bei Terminologen hat es eine besondere Bedeutung (vgl. DIN 2330).

Nach dem heutigen Stand der Technik werden Firmenterminologien “begriffsorientiert” angelegt. Dies hat den Vorteil, dass unter einem einzigen Begriff (z. B. Begriff mit ID 1234) Informationen wie Bilder und Definitionen sowie alternative Benennungen (Synonyme, Abkürzungen) erfasst und nach Bedarf mit Verwendungsinformationen wie “erlaubt” oder “verboten” ergänzt werden. So weit so gut.

Wer glaubt, dass damit der Fall erledigt sei, täuscht sich, denn viele der Alltagsprobleme bei der Verwendung von Terminologie haben mit dieser unscharfen Definition von “Begriff” etwas zu tun. Es wird allgemein angenommen, dass alles, was unter einem Begriff erfasst ist, inhaltlich gleichwertig ist.

In Wirklichkeit ist die inhaltliche Gleichstellung von Synonymen in derselben Sprache oder zwischen Sprachen nicht selten eingeschränkt. Beim Modell “Schraubenzieher” = “Schraubendreher” = “Schrauben-Dreher” sind die Synonyme inhaltlich gleichwertig. Aber es ist nicht das einzige Modell.

Inhaltliche Unterschiede in Begriffen kann man innerhalb einer Sprache finden: “Abstandring” und “Abstandscheibe” lassen sich unter einem gemeinsamen Begriff als Synonyme erfassen, ohne streng genommen exakt die gleiche Bedeutung zu haben.

BegriffeNoch öfter hat man diesen Fall zwischen Sprachen. Das macht die Herausforderung des Übersetzens deutlich. Die inhaltliche Realität und die Beziehung zwischen Synonymen sind in jeder Sprache unterschiedlich. Das gilt durchaus auch für viele Fachgebiete von der Technik bis hin zur Medizin oder zur Rechtssprache. Das liegt u. a. daran, dass die Ausbildung der Fachleute und die Rahmenbedingungen für den Einsatz der Termini in jedem Land unterschiedlich sind.

Wie erkennt und definiert man diese Unterschiede? Schließlich ist es zuerst einmal wichtig, genau zu beschreiben, was Benennungen wie “Leuchttaster” und “Leuchttaste” in Deutsch und auch vom Englischen “luminous key” oder “illuminated push-button” voneinander unterscheidet.

Dazu stellt die sogenannte “semantische Komponentenanalyse” ein nützliches Hilfsmittel. Damit erstellt man ein Raster von relevanten Merkmalen, die den Begriff beschreiben. Merkmale können Eigenschaften, aber auch Beziehungen (“Steuerung gehört zur Hardware”) oder Handlungen (“Steuerung durch eine Person”) sein. Beim Vergleich der Synonyme prüft man, welche Merkmale auf die Benennung zutreffen und stellt dadurch fest, ob eine hundertprozentige Übereinstimmung besteht.

Die fehlenden oder zusätzlichen Merkmale kann man im Terminologieverwaltungssystem festhalten, um sie bei der Übersetzung zu berücksichtigen.

Schwierig zu beantworten ist die Frage, ab wann die Unterschiede zwischen Synonymen so groß sind, dass man daraus einen neuen Begriff bilden muss. Man kann schließlich nicht für jede geringe inhaltliche Abweichung einen neuen Begriff erstellen. Man hätte sonst Begriffe, die nicht in allen Sprachen vorkommen.

Bei begriffsbasierten Terminologien muss man grundsätzlich eine Art “FuzzyÄquivalenz” zwischen den Benennungen akzeptieren. Wie weit man gehen möchte, hängt im Grunde vom erwarteten Umfang der Terminologie und von der akzeptablen “Kleinmaschigkeit” der Begriffe ab.

Ein typisches Beispiel macht dies anschaulich. Ein Unternehmen verwendet im Deutschen das Wort “Abluftsystem” und übersetzt es durch “ventilation system” oder “exhaust air system”, je nachdem, ob verbrauchte Luft oder Abgase abgezogen werden sollen.

Hier könnte man entweder festlegen, dass es sich um einen einzigen Begriff handelt, der sich im Englischen je nach Verfahren anders benennt oder man könnte entscheiden, ob die Verfahrensunterschiede so bedeutend sind, dass wir hier zwei Begriffe haben, die im Deutschen die gleiche Bezeichnung erhalten.

Diese Entscheidung ist im Übersetzungsbereich für Situationen wichtig, die zwar nicht massenhaft vorkommen, aber in der Regel bei vielen Firmen in kleinerem Ausmaß regelmäßig auftreten und zu Fehlern bei Übersetzungen oder beim Einsatz vorhandener Übersetzungen aus dem Translation Memory führen können.

Hier gilt es, Mechanismen zu finden, die entweder den Lektor bei der manuellen Prüfung veranlassen, die entsprechende Benennung genauer zu prüfen oder beim Einsatz computergestützter Terminologiekontrollen (eingebaute Funktionen in Translation Memory Systemen oder externe Applikationen wie ErrorSpy) diese dazu zwingen, eine Warnung oder eine Fehlermeldung herauszugeben.

Es ist also nicht alles gleich, was gleich scheint und umgekehrt. Hauptsache, der Begriff ist begriffen.

[Text: D.O.G. GmbH. Quelle: D.O.G. news 4/2013, Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Dr. François Massion. Bild: D.O.G. GmbH.]