Ägrisch, Bokkie, Tüpflischeisser? Variantenwörterbuch des Deutschen jetzt auch mit Mennoniten- und Namibierdeutsch

Variantenwörterbuch des Deutschen
Bild: de Gruyter Mouton

„Ägrisch“ sagen die Rumäniendeutschen zur Stachelbeere. Für Mennoniten ist die Autobahn ein „Hochweg“. Namibier bezeichnen mitunter eine Ziege als „Bokkie“ – all dies und noch viel mehr steht im Variantenwörterbuch des Deutschen, das nun in zweiter, völlig neu bearbeiteter Auflage erscheint.

Linguistikprofessor Ulrich Ammon von der Universität Duisburg-Essen (UDE) hat das erstmals Ende 2004 erschienene, einmalige und mitunter amüsante Nachschlagewerk zusammen mit Forscherteams aus Basel und Innsbruck erarbeitet und jetzt nochmals erweitert.

Insgesamt 40 Wissenschaftler waren an der Neuauflage beteiligt, die rund 12.000 national wie regional geprägte Wörter und Wendungen des „richtigen Hochdeutschs“ umfasst. Neu sind die Einträge der deutschen Sprachgebiete in Rumänien, Namibia und den Mennonitensiedlungen in Mexiko.

Herausgeber Professor Ammon: „Dies zeigt doch, wie international die deutsche Sprache ist. Das wird heute leider oft vergessen.“ Außen vor blieben die Fach- und Verwaltungssprache, Dialekte, Veraltetes, selten Verwendetes und Umgangssprachliches.

Ulrich Ammon
Ulrich Ammon in seinem Arbeitszimmer an der Universität Duisburg-Essen. Das Bild stammt vermutlich aus dem Jahr 2005. – Bild: Universität Duisburg-Essen

Die vor zwölf Jahren erschienene erste Auflage des 900-Seiten-Werks erwies sich als Publikumsrenner, so Ammon. Er ist einer der renommiertesten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Soziolinguistik und neueren Geschichte der deutschen Sprache. Das Gemeinschaftsprojekt Variantenwörterbuch geht auf seine Initiative zurück.

Die drei Forschergruppen durchforsteten dafür Zeitungen, Zeitschriften, Magazine, populärwissenschaftliche Sachbücher, gehobene und Trivialromane, Krimis, Kinder- und Jugendbücher, Prosatexte, Broschüren, Werbematerialen, Formulare, Gesetzestexte, mündliche Quellen und natürlich das Internet. Die Einträge sind systematisch aufbereitet und dargestellt. Geographische Verbreitung, Gebrauch, Herkunft, Grammatik und Orthografie sind dokumentiert.

„Für über 90 Prozent der aufgenommenen Wörter und Wendungen gibt es eine oder mehrere Varianten gleicher Bedeutung in den anderen Nationen oder Regionen des deutschen Sprachgebiets“, sagt Ammon. Für manche gibt es dagegen keine Entsprechung, nur eine gemeindeutsche Übersetzung, etwa für die in der Schweiz gängige Wendung „abgesägten Hosen dastehen“ (bloßgestellt sein).

Gedacht ist das Variantenwörterbuch für Germanisten, Deutschlerner und -lehrer, für Medien- oder Tourismusfachleute oder als Nachschlagewerk für Leser deutschsprachiger Literatur. Manchen mag es auch zur Verständigung im Alltag dienen. Auch Nutzer mit rein „folkloristischem Interesse“ schließt Ammon nicht aus. Denn auch sie kommen auf ihre Kosten. Ein Eintrag unter „K“: Der bundesdeutsche „Korinthenkacker“ ist bei den österreichischen Nachbarn ein „Tüpferlreiter“ und in der Schweiz ein „Tüpflischeisser“.

Bibliografische Angaben

  • Ulrich Ammon, Hans Bickel, Alexandra N. Lenz (Hg., 2018): Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Berlin: de Gruyter Mouton. Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage. 994 Seiten, gebunden 102,95 Euro, als Taschenbuch 41,95 Euro, ISBN 978-3110340921. Auf Amazon ansehen/bestellen.

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