Verbundprojekt AVASAG: Sechs Partner entwickeln Avatar für Gebärdensprache

AVASAG-Avatar
Ein 3D-Gebärdensprach-Avatar übersetzt Text in Gebärdensprache. - Bild: Charamel

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert ein Verbundprojekt mit der Bezeichnung AVASAG (Avatar-basierter Sprachassistent zur automatisierten Gebärdenübersetzung). In den kommenden drei Jahren sollen sechs Partner aus Forschung und Entwicklung unter der Leitung der Charamel GmbH einen echtzeitgesteuerten 3D-Gebärdensprach-Avatar entwickeln.

Dabei geht es nicht um das Gebärdensprachdolmetschen zwischen Menschen, sondern um die Umwandlung von Text in Gebärdensprache, zum Beispiel beim Einsatz von Chat-Bots in der Kundenansprache auf Websites.

Alexander Stricker, Geschäftsführer von Charamel und Leiter des Projekts, erklärt: „Digitale Barrierefreiheit wird immer wichtiger, um Inhalte dynamisch und für alle Zielgruppen adäquat aufbereitet zu vermitteln. Automatisierte Instrumente helfen bei einer barrierefreien Kommunikation. Wir sind begeistert von der Idee, mithilfe unserer smarten, lernfähigen Avatare hierzu einen maßgeblichen Beitrag leisten zu dürfen.“

Besonders realistische Darstellung durch neue Verfahren

Im Projekt wird eine neuartige Gebärdenanimations-Methode für 3D-Avatare eingesetzt: Sie kombiniert solche des maschinellen Lernens mit regelbasierten Synthesemethoden, die Text in Gebärden abbilden. Zeitliche und räumliche Abhängigkeiten der komplexen Gebärdenelemente werden dabei sehr genau aufgelöst. Damit wird eine qualitativ hochwertige, realistische Darstellung des Avatars erreicht.

Die Ergebnisse des Projektes sollen gemeinsam mit Gehörlosen evaluiert und im Anwendungsfeld Reiseinformation und -service mit Partnerunternehmen erprobt werden.

Das Ziel ist eine umfassendere gesellschaftliche Teilhabe von gehörlosen und hörbehinderten Menschen und deren stärkere Integration in die digitale Gesellschaft.

Sechs Partner aus Forschung und Entwicklung sind beteiligt

Folgende deutsche Unternehmen und Forschungseinrichtungen arbeiten in den nächsten drei Jahren im Projekt AVASAG zusammen:

  • Charamel GmbH, Spezialist für interaktive Avatar-basierte Assistenzsysteme, Köln (Leitung)
  • yomma GmbH, Experten für Gebärdensprache, Hamburg
  • Ergosign GmbH, Pionier für User Experience Design, Saarbrücken
  • Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) GmbH, Forschungsbereiche „Kognitive Assistenzsysteme“ und „Sprachtechnologie und Multilingualität“ (mehrere Standorte)
  • Technische Hochschule Köln, Institut für Medien- und Phototechnik
  • Universität Augsburg, Human Centered Multimedia (HCM)

Das Projekt wird maßgeblich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Förderinitiative „KMU-innovativ“ im Schwerpunkt Mensch-Technik-Interaktion finanziert. Das Projektvolumen beträgt 1,98 Mio. Euro. Der Förderanteil durch das BMBF beläuft sich auf 74 Prozent.

Textsprache ist für viele Gehörlose eine Fremdsprache

Weltweit gibt es etwa 70 Millionen gehörlose Menschen. Für viele von ihnen ist Textsprache eine Fremdsprache; sie bedienen sich stattdessen der Gebärdensprache.

Der Gesetzgeber hat auf den spezifischen Informationsbedarf von Menschen mit Handicap reagiert und verpflichtet in Deutschland Behörden und öffentliche Stellen zu barrierefreier digitaler Kommunikation.

Die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft eröffnet in dieser Hinsicht neue Möglichkeiten. Eine barrierefreie digitale Kommunikation für Menschen mit Behinderung vereinfacht deren Alltag und gewährleistet ihre gesellschaftliche Teilhabe.

Gehörlosenverbände kritisieren Einsatz von Avataren

Dies ist nicht das erste Projekt, bei dem ein Avatar für Gebärdensprache entwickelt werden soll. Bei früheren Versuchen hagelte es auch Kritik – gerade von Gehörlosenverbänden, die den Sinn und Nutzen der animierten Kunstfiguren grundsätzlich bezweifeln.

So sprachen sich drei österreichische Verbände Mitte 2019 deutlich gegen Gebärdensprach-Avatare aus. Ihr Einsatz sei eher kontraproduktiv und hinsichtlich der Verdolmetschung von „eindeutig minderer Qualität“. Gerade für Kinder seien Avatare „völlig unzureichende sprachliche Vorbilder“.

Allenfalls für eine Vermittlung nebensächlicher Informationen wie etwa bei Wetterberichten sei so etwas vorstellbar. Bei Ansprachen und Pressekonferenzen, etwa im Katastrophenfall, könne nur ein menschlicher Dolmetscher angemessen die Kommunikation sicherstellen.

Nicht die Entwicklung von Avataren, sondern die Ausbildung von Gebärdensprach-Dolmetschern solle deshalb stärker gefördert werden. Man wünsche sich zwar auch die Verdolmetschung von mehr „audiovisuell-digitalen“ Inhalten, dies solle aber „vorrangig“ von „echten Menschen“ bewerkstelligt werden.

Ein Projekt für die Schublade?

Spitzenforschung zum Wohl benachteiligter Randgruppen. Wer sollte etwas dagegen haben? Aber machen wir uns nichts vor: Projekte dieser Art dienen in erster Linie dazu, Fördergelder für die Forschungstätigkeit der beteiligten Unternehmen einzusammeln. Nur selten resultieren daraus kommerziell erfolgreiche Praxisanwendungen.

Sobald die Zuschüsse aufgebraucht sind und ein Prototyp entwickelt ist, wird ein Abschlussbericht erstellt und das Projekt begraben.

Vorhaben mit einem sozialen Zweck (für Behinderte, für Frauen, fürs Klima) werden eher genehmigt und großzügiger finanziert. Den beteiligten Unternehmen geht es aber vorrangig um die Weiterentwicklung der zugrundeliegenden Technologie, die dann auf anderen Gebieten zu Geld gemacht werden kann.

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