Das ABC der Menschheit – Eine Weltgeschichte des Alphabets

Das ABC der Menschheit
Bild: Hoffmann und Campe

Eine kurze Geschichte der Buchstabenschriften hat Matthias Heine jetzt vorgelegt. Unterhaltsam und kenntnisreich zeichnet er den weltweiten Siegeszug dieser uralten, aber jung gebliebenen Erfindung nach.

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Schon gewusst? Das G ist der einzige Buchstabe, dessen Erfinder man kennt: Der römische Schreiblehrer Spurius C. Ruga fand das lateinische C, das sowohl als K als auch als G gelesen werden konnte, unpraktisch, fügte ihm kurzerhand einen Strich hinzu und schrieb damit Geschichte. Auch der Rest unseres Alphabets lässt sich historisch erstaunlich punktgenau auf einen Ursprung zurückführen:

Vor 4000 Jahren verkürzten Arbeiter auf dem Sinai die ägyptischen Hieroglyphen zu reinen Lautwerten, weil die für ihre alltäglichen Belange schlichtweg praktischer waren.

Aus der ägyptischen Hieroglyphe Beth für ‘Haus’ etwa wurde der Lautwert B. Diese bestechende Ökonomisierung der Schrift erwies sich als eine mustergültige und nachhaltig bestechende Erfindung.

Mit den Phöniziern reisten die Buchstaben in die Welt, prägten über das Griechische letztlich all unsere modernen europäischen Schriftsprachen. Und auch südostasiatische Schriften wie das Thailändische gehen auf jenes Ursprungsalphabet zurück.

Im letzten Absatz des Buches kommt Heine zu dem Schluss, dass sich im Lauf der Jahrtausende im Grunde wenig geändert hat:

Unsere Großbuchstaben sind immer noch die 2000 Jahre alten römischen Majuskeln, und unsere Kleinbuchstaben entsprechen immer noch weitgehend den Lettern der karolingischen Minuskel von vor 1200 Jahren. Und selbst in der Arial, dieser vermeintlich hypermodernsten aller Schriften, welche die Limitierungen des Papiers, des Schreibens mit der Hand und der Druckerpresse abgeschüttelt hat, erkennt man heute auch noch im A, wenn man es auf den Kopf stellt, unschwer die ägyptische Rinderkopf-Hieroglyphe, aus der sich vor 4000 Jahren der Vorgänger des Buchstabens entwickelt hat.

Von der Kritzelei auf Tonscherben bis zur Arial am Bildschirm

Das ABC der Menschheit
Bild: Hoffmann und Campe

Das Inhaltsverzeichnis spannt einen weiten Bogen:

  • Eine Scherbe in einem Grab
  • Eine Erfindung wie das Rad, das Schießpulver und der Buchdruck
  • Pidgin-Hieroglyphen für die Fremden
  • Graffiti in der Wüste
  • Die purpurroten Buchstaben
  • Der Sprung nach Griechenland
  • Denn sie entzhündeten das Licht am Schreibtisch
  • Die schreiben, die Römer
  • Die Sternstunde des Aramäischen
  • Als das Hebräische quadratisch wurde
  • Die Schrift des Islams
  • Von der Königin von Saba zum Ras Tafari
  • Wie das Alphabet über die Alpen kam
  • Die vielen schönen toten Töchter
  • Das armenische Alphabet
  • Das georgische Alphabet
  • Koptische und gotische Schrift
  • Von Persepolis zu Dschingis Khan
  • Der Tigersprung des Alphabets nach Indien
  • Same same but different
  • Warum die kyrillische Schrift wenig mit Kyrill und viel mit Peter dem Großen zu tun hat
  • Freaks und Außenseiter
  • Das imperialistische Latein
  • Ein Alphabet, viele Schriften
  • Als die deutsche Schrift plötzlich jüdisch wurde
  • Im Neuland der 10.000 Schriften

Das Buch enthält gut zwei Dutzend Abbildungen, ist in einem journalistischen Stil geschrieben und eine gute allgemeinverständliche Einführung in das Thema. Es eignet sich auch als Geschenkbuch.

Wer sich eingehender oder wissenschaftlich mit der Evolution der Schriften befassen möchte, findet in einem Anhang auf zweieinhalb Seiten eine Vielzahl von Hinweisen auf weiterführende Literatur.

Über den Autor

Matthias Heine, 1961 in Kassel geboren, hat in Braunschweig Germanistik und Geschichte studiert. Seit 1992 ist er Journalist in Berlin, hat u. a. für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, taz, BZ, den Cicero, Neon, und Theater heute geschrieben und Rundfunkbeiträge für deen NDR und SFB/RBB produziert. Seit 2010 ist er Kulturredakteur der Welt.

Zuletzt erschienen von ihm:

  • Mit Affenzahn über die Eselsbrücke – Die Tiere in unserer Sprache (2019)
  • Verbrannte Wörter: Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht (2019)
  • Letzter Schultag in Kaiser-Wilhelmsland – Wie der Erste Weltkrieg die deutsche Sprache für immer veränderte (2018)
  • Seit wann hat „geil“ nichts mehr mit Sex zu tun? 100 deutsche Wörter und ihre erstaunlichen Karrieren (2016)

Bibliografische Angaben

  • Matthias Heine (2020): Das ABC der Menschheit – Eine Weltgeschichte des Alphabets. Hamburg: Hoffmann und Campe. Mit zwei Dutzend Abbildungen und einem Verzeichnis weiterführender Literatur. 254 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-455-00852-4.

Weiterführender Link

red, Hoffmann und Campe