Proust-Übersetzerin in Öl: Hans Bayens porträtiert Thérèse Cornips

Hans Bayens: Porträt der Literaturübersetzerin Thérèse Cornips
Hans Bayens: Porträt der Literaturübersetzerin Thérèse Cornips. - Bild: Frans-Hals-Museum

Im Werk des niederländischen Bildhauers und Malers Hans Bayens (1924 – 2003) haben wir eine gelungene bildliche Darstellung einer Übersetzerin des ausgehenden 20. Jahrhunderts entdeckt.

Das Gemälde

Das Porträt zeigt die Literaturübersetzerin Thérèse Cornips (1926 – 2016) an ihrem Schreibtisch bei der Arbeit. Das Gemälde entstand 1987, sodass vor ihr kein Computer, sondern eine Schreibmaschine zu sehen ist. Inmitten des kreativen Chaos auf der großen Tischplatte fällt diese aber nicht weiter auf. Würde man sie durch einen Laptop ersetzen, hätten wir ein typisches Mitglied des Literaturübersetzerverbandes VdÜ vor uns.

Dass hier eine Übersetzerin und keine Schriftstellerin dargestellt wird, erkennt man an dem ausgangssprachlichen Werk, das als Übersetzungsvorlage auf einem Leseständer aufgeschlagen vor ihr steht.

Die Übersetzerin

Thérèse Cornips
Thérèse Cornips mit ihren Proust-Übersetzungen, ca. 2001. – Bild: Michiel Hendryckx, CC BY-SA 4.0

Cornips übertrug aus dem Deutschen, Englischen und Französischen Klassiker wie Goethe, Hesse, Capote, Dickinson und Duras in ihre Muttersprache Niederländisch.

Bekannt wurde sie mit der vollständigen Übersetzung von Marcel Prousts siebenteiligem Romanzyklus À la recherche du temps perdu.

Die Arbeitsbibliothek, die sie für ihre jahrzehntelange Beschäftigung mit Proust aufgebaut hatte, wurde nach ihrem Ableben dem Europäischen Übersetzer Kollegium (EÜK) in Straelen gestiftet.

Der Maler

Hans Bayens studierte an der Nationalen Hochschule für Schöne Künste in Antwerpen, arbeitete einige Zeit in Paris und ließ sich 1952 in Amsterdam nieder.

Er arbeitete als Maler in einem impressionistischen Stil und wird der Bewegung des „unabhängigen Realismus“ zugerechnet.

Das Original des oben abgebildeten Gemäldes wird im städtischen Frans-Hals-Museum im niederländischen Haarlem verwahrt.

Bayens hat von Cornips auch eine Zeichnung mit Pastellkreide angefertigt, deren Jahreszahl sich nicht entziffern lässt:

Hans Bayens: Proust-Übersetzerin Thérèse Cornips, Pastell
Hans Bayens: Proust-Übersetzerin Thérèse Cornips, 30 x 40 cm, Pastell

Die Kunst hat Übersetzer noch nicht als Sujet entdeckt

Künstlerische Darstellungen von Übersetzern in ihrem Arbeitsumfeld sind kein Sujet der Malerei und dementsprechend selten.

Eine Ausnahme stellen Sophronius Eusebius Hieronymus und Martin Luther dar, die über die Jahrhunderte dutzendfach in Holz geschnitzt, in Kupfer gestochen oder in Öl auf Leinwand gebannt wurden. Entsprechende Abbildungen zeigen den Kirchenvater und den Reformator oft ausdrücklich beim Übersetzen.

Hieronymus, Caravaggio
Der asketisch lebende, greise Hieronymus beim Übersetzen der Bibel aus dem Hebräischen und Griechischen ins Lateinische. Die daraus hervorgegangene „Vulgata“ war die bedeutendste Bibelübersetzung des Mittelalters. – Bild: Michelangelo Caravaggio (1606), gemeinfrei

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Richard Schneider

Babbel