Gestik, Mimik, Lautmalerei? Kulturübergreifende Studie zum Ursprung der Sprache

Experiment
Mit diesem Versuchsaufbau wurde ermittelt, ob die Teilnehmer der Studie die intendierte Bedeutung der lautmalerisch dargestellten Begriffe erkennen konnten. - Bild: ZAS

Lautmalereien könnten die entscheidende Rolle bei der Entstehung der menschlichen Sprache gespielt haben. Darauf deuten die Ergebnisse einer weltweit durchgeführten Studie eines internationalen Forscherteams unter der Leitung von Experten des Berliner Leibniz-Zentrums Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) und der University of Birmingham hin. Mehr als zwei Dutzend Universitäten auf der ganzen Welt waren daran beteiligt.

Die Ergebnisse der Studie mit knapp 1.000 Teilnehmern aus 28 Sprachen zeigen, dass nicht nur Gesten, sondern auch Lautmalereien ein wesentlicher Baustein für die Entstehung der menschlichen Sprache gewesen sein könnten.

Gestik Grundlage der Sprache?

In der gegenwärtigen Forschung zur Evolution der Sprache wird allgemein angenommen, dass unsere Vorfahren sich vor allem mit Hilfe von typischen Gesten verständigten, indem sie zum Beispiel mit den Armen wie mit Flügeln schlugen, um den Begriff Vogel darzustellen. Später sollen sich daraus die ersten menschlichen Sprachen entwickelt haben.  Der Übergang von einer Verständigung mit Gesten zu einer Verständigung durch Laute ist in diesem Prozess jedoch unklar.

Das internationale Forscherteam hat nun herausgefunden, dass Vokalisierungen, also Lautmalereien, die bestimmte Lebewesen, Gegenstände, Handlungen oder Eigenschaften beschreiben, eine viel größere Bandbreite an Bedeutungen haben und diese viel akkurater vermitteln können als bisher angenommen wurde.

Dreißig Bedeutungen lautmalerisch dargestellt

Untersucht wurde, ob Sprecher ganz unterschiedlicher Sprachen überall auf der Welt 30 verschiedene Bedeutungsinhalte anhand von Lautmalereien verstehen können. Dafür wurden Begriffe gewählt, die in allen Kulturen vorkommen und die in der frühen Evolution der Sprache relevant gewesen sein könnten.

Die Bedeutungen umfassten:

  • Lebewesen, insbesondere Menschen und Tiere (Kind, Mann, Frau, Tiger, Schlange, Hirsch)
  • unbelebte Gegenstände und Zustände (Messer, Feuer, Stein, Wasser, Fleisch, Frucht)
  • Handlungen (sammeln, kochen, verstecken, schneiden, jagen, essen, schlafen)
  • Eigenschaften (stumpf, scharf, groß, klein, gut, schlecht)
  • Quantifizierer (eins, viele)
  • Demonstrativpronomen (dies, das)

Von Japan bis an den Amazonas: Verständigung besser als erwartet

Die Ergebnisse der Studie sind im Mai 2021 in Scientific Reports veröffentlicht worden. Es hat sich gezeigt, dass die von englischen Sprechern produzierten Laute von Studienteilnehmern mit ganz unterschiedlichem kulturellen und sprachlichen Hintergrund verstanden werden konnten.

An der Studie haben Sprecher von 28 Sprachen aus 12 Sprachfamilien teilgenommen, darunter auch Gruppen aus Kulturen ohne Schriftsprache wie Palikúr, die im tropischen Regenwald des Amazonas leben, und Daakie-Sprecher auf der Insel Ambrym im südpazifischen Vanuatu.

Unabhängig vom Sprachhintergrund haben die Studienteilnehmer die beabsichtigten Bedeutungen der Lautmalereien mit einer Treffsicherheit erkannt, die weit über dem reinen Zufall liegt.

„Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken“

Dr. Susanne Fuchs, Gruppenleiterin der Laborphonologie am ZAS, die gemeinsam mit der Doktorandin Aleksandra Ćwiek und zwei Kollegen aus Birmingham die Studie leitete, ist verblüfft:

Bisher nahm man an, dass sichtbare Gesten die wesentlichen Bausteine für die Entstehung menschlicher Sprache lieferten. Unsere Studie beweist, dass Sprache auch aus Lautmalereien entstanden sein kann. Die relativ eindeutigen Ergebnisse waren für mich verblüffend.

Aleksandra Ćwiek, Doktorandin am ZAS und der HU, kommentiert:

Unsere Ergebnisse zeigen, dass die akustische Domäne ein großes ikonisches Potential hat, das uns Menschen eine Verständigung ohne Sprache ermöglicht. Das ist etwas, was uns verbindet – von Japan bis an den Amazonas. Wir haben viel mehr gemeinsam als wir denken.

Studie wurde sowohl online als auch in Ländern vor Ort durchgeführt

Die Studie wurde einerseits als Online-Experiment durchgeführt, wodurch es möglich war, eine große Anzahl unterschiedlicher Teilnehmer auf der ganzen Welt zu testen.

Andererseits konnten in einem Feldforschungsexperiment Sprecher teilnehmen, die in überwiegend mündlich geprägten Gesellschaften in entlegenen Regionen leben, wie zum Beispiel auf der Insel Ambrym im südpazifischen Vanuatu.

Lautmalerische Darstellung des Schlafens zu 98 % korrekt erkannt

Heraus kam, dass einige Bedeutungen durchgehend besser verstanden wurden als andere. Im Online-Experiment reichte die Genauigkeit von 98 % für das Verb schlafen bis zu 35 % für das Demonstrativpronomen das. Am besten wurden die Bedeutungen schlafen, essen, Kind, Tiger und Wasser erkannt, am schlechtesten die Bedeutungen das, sammeln, stumpf, scharf und Messer.

Sprache aus Gestik, Mimik und Lautmalerei entstanden?

Die Ergebnisse der Studie liefern klare Hinweise dafür, dass Vokalisierungen zur Herausbildung von Wörtern geführt haben könnten.

Die Forscher gehen aber weiterhin davon aus, dass auch Gesten eine entscheidende Rolle in der Evolution der menschlichen Kommunikation gespielt haben, wie es auch bei der modernen Entstehung von Gebärdensprachen der Fall ist.

Am wahrscheinlichsten ist, dass Sprache sich so entwickelt hat wie der Spracherwerb bei Kleinkindern: aus einem Zusammenspiel von Gestik, Mimik und Stimme. Wobei das zunächst geringe Vokabular an Ausdrucksweisen fortlaufend erweitert wird.

Die zwischenmenschliche Kommunikation erfolgt im Idealfall durch das Zusammenspiel aller verfügbaren Kanäle. Da diese redundant ausgelegt sind, ist eine Verständigung aber selbst dann möglich, wenn einer oder mehrere dieser Kanäle nicht zur Verfügung stehen, wie etwa bei Blinden oder Taubstummen.

Über das Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) in Berlin

Das ZAS ist ein außeruniversitäres Forschungsinstitut des Landes Berlin. Aufgabe des Zentrums ist die Erforschung der menschlichen Sprachfähigkeit im Allgemeinen und deren Ausprägung in Einzelsprachen. Ziel ist es, diese zentrale Fähigkeit des Menschen und ihre biologischen, kognitiven und sozialen Faktoren besser zu verstehen.

Weiterführender Link

  • Originalpublikation: “Novel Vocalizations are Understood across Cultures” in Scientific Reports. By Aleksandra Ćwiek, Susanne Fuchs, Christoph Draxler, Eva Liina Asu, Dan Dediu, Katri Hiovain, Shigeto Kawahara, Sofia Koutalidis, Manfred Krifka, Pärtel Lippus, Gary Lupyan, Grace E. Oh, Jing Paul, Caterina Petrone, Rachid Ridouane, Sabine Reiter, Nathalie Schümchen, Ádám Szalontai, Özlem Ünal-Logacev, Jochen Zeller, Bodo Winter, and Marcus Perlman.

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