Neu an der FU Berlin: Bachelor-Studiengang „Chinesische Sprache und Gesellschaft“

Andreas Guder
Andreas Guder, Professor für die Didaktik des Chinesischen sowie Sprache und Literatur Chinas. Der neue Berliner Kombi-Bachelor beinhaltet grundlegende Module zur chinesischen Sprache, Geschichte und Kultur. - Bild: privat

An der Freien Universität Berlin läuft im Wintersemester 2021/2022 am Institut für Chinastudien der neue Studiengang „Chinesische Sprache und Gesellschaft“ an. Bewerbungen sind bis zum 31. Juli 2021 möglich. Zum Inhalt der Studien heißt es auf der Website:

Gegenstand des Kombi-Bachelor „Chinesische Sprache und Gesellschaft“ ist zum einen eine umfassende Sprachausbildung in mündlichem und schriftlichen modernem Hochchinesisch, die dazu befähigt, mit originalsprachlichen Texten zu arbeiten und die Sprache selbst zu unterrichten. Zum anderen sind grundlegende Module in Geschichte, Kultur, Politik und Gesellschaft Chinas sowie Sprachwissenschaft obligatorische Bestandteile des Studiums.

„Chinesische Sprache und Gesellschaft“ lässt sich mit zahlreichen weiteren Studienfächern an der FU Berlin kombinieren, wodurch ein interdisziplinäres Fachstudium mit China-Orientierung ermöglicht wird.

Der Studiengang ist auch als Lehramtsstudiengang studierbar.

Zu den beruflichen Perspektiven heißt es:

Absolventen erwerben in Abhängigkeit von ihrem zweiten Fach Grundlagen für Tätigkeiten in universitären und außeruniversitären Einrichtungen (Forschung, Lehre), in Museen und Bildungseinrichtungen, Tätigkeiten in Wirtschaft und Handel (Schnittstelle Deutschland/Europa-China), journalistische Tätigkeiten, Tätigkeiten in Politik (Auswärtiges Amt, politische Stiftungen, Politikberatung etc.) sowie in anderen nationalen und internationalen Organisationen, in der Sprachmittlung (Übersetzen, Dolmetschen) sowie im traditionellen wie digitalen Verlagswesen.

An das Studium lassen sich im Allgemeinen aufgrund der selbst gewählten Interdisziplinarität ein Masterstudium sowohl im chinawissenschaftlichen Bereich als auch im gewählten Zweitfach anschließen.

„Die Welt aus einer anderen Sicht“ – Gespräch mit Professor Andreas Guder

Andreas Guder ist Professor für die Didaktik des Chinesischen sowie Sprache und Literatur Chinas. Jonas Huggins hat für die Pressestelle der FU Berlin mit ihm über den neuen Studiengang sowie China und das Chinesische im Allgemeinen gesprochen:

Herr Professor Guder, warum lohnt es sich, Chinesisch zu lernen?

Chinesisch ist nach wie vor die meistgesprochene Muttersprache der Welt. Inzwischen ist fast jede Wirtschaftsbranche in Europa mit China vernetzt, fast jede wissenschaftliche Disziplin mit China konfrontiert. Uns fehlen aber noch die Fähigkeiten, mit dem Land umzugehen, wie wir das innerhalb der westlichen Welt tun.

Der neue Studiengang wird es jungen Menschen ermöglichen, Chinesisch und China-Kenntnisse mit einem anderen Studienfach zu kombinieren. Außerdem werden wir Lehrerinnen und Lehrer für das Schulfach Chinesisch ausbilden. Die Sprache wird bundesweit an immerhin schon 100 Schulen unterrichtet. Die Lehrkräfteausbildung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen, denn die Einführung von Chinesisch als Schulfremdsprache ging nicht von den Universitäten aus, sondern von den Schulen. Die wiederum reagieren auf die Bedürfnisse der Elternschaft.

Reicht es nicht, sich auf Englisch zu verständigen?

Englisch ist die weltweit erste Kommunikationssprache, klar. Die englische Sprache bedeutet für Sprecherinnen und Sprecher nichteuropäischer Muttersprachen aber einen enormen Lernaufwand. Während Englisch für uns eine vergleichsweise einfache Sprache ist, ist es für Muttersprachler des Chinesischen ähnlich herausfordernd wie das Chinesische für uns.

Die Englischkenntnisse sind in China nicht so groß, wie wir oft annehmen. Englisch wird zwar an fast allen Schulen unterrichtet, der Fokus liegt dabei aber vor allem auf der Lesekompetenz. Viele Teile der Welt, etwa Indien und ein Großteil Afrikas, sind durch Kolonialisierung von der englischen Sprache geprägt worden. Das war in China nicht der Fall.

Dass ein großer Teil der in China lebenden und arbeitenden Europäer und Amerikaner kaum Chinesisch lernt, ist erschreckend und verhindert naturgemäß ein tieferes Verständnis der dortigen gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten.

Die vielen Schriftzeichen schrecken viele davon ab, Chinesisch zu lernen. Ist die Sprache so schwierig wie ihr Ruf?

Chinesisch zu lernen, ist für uns ohne Zweifel schwieriger als eine europäische Sprache. Das hat zu einem großen Teil mit den Schriftzeichen zu tun, aber nicht nur: Wir müssen auch mit chinesischer Geschichte, mit den vielfältigen kulturellen und gesellschaftlichen Strukturen des Landes vertraut werden.

Das macht das Fach besonders: Es erfordert einen Perspektivwechsel, man nimmt die Welt aus einer anderen Sicht wahr. Das Studium des Chinesischen eignet sich so auch zu einer Reflexion der eigenen Identität.

Was genau lernen Studierende im neuen Studiengang?

Genau wie der Mono-Bachelorstudiengang Chinawissenschaften beinhaltet der neue Kombi-Bachelor eine vollumfängliche Sprachausbildung sowie grundlegende Module zur chinesischen Geschichts-, Kultur- und Sozialwissenschaft. Es ist ein Sinologiestudium „light“, das im Gegenzug Platz für ein zweites Fach lässt. Darin liegt ein besonderer Reiz: sowohl zu China zu arbeiten als auch ein Methodenfach aus den Geistes-, Sozial- oder Wirtschaftswissenschaften zu studieren, kann sich produktiv ergänzen.

Was fasziniert Sie am Chinesischen?

Bei mir war es das Schriftzeichensystem. Es ist das einzige genuin andere Schriftsystem auf der Welt, das in einer komplexen Gesellschaft funktioniert. In dieser Hinsicht, aber auch in vielen anderen Aspekten unserer Lebenswelt, ist das Chinesische das ganz andere, in dessen Spiegel wir auch viel über uns selbst und unser Verhältnis zu Sprache und Schrift erfahren können.

Das war mein Zugang. Andere finden ihren Zugang zu China über ostasiatische Kampfsportarten, über chinesisches Essen oder darüber, dass sie ihren Onkel besuchen, der in China für ein Joint Venture arbeitet. Zugänge gibt es eine ganze Menge, denn alles, womit wir uns beschäftigen, gibt es natürlich auch in China – und das macht China zu einem so faszinierenden Studiengebiet.

FU Berlin, rs

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