„Viel erstrebt und umstritten“ – Der Dolmetscherberuf im Jahr 1926

Der Dolmetscherberuf
Der fachkundige Artikel über das Berufsbild des Dolmetschers erschien in der konservativen Deutschen Allgemeinen Zeitung in Berlin. - Bild: Deutsche Digitale Bibliothek, Deutsches Zeitungsportal

In einem Beitrag zur Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 3. Dezember 1926 beschreibt Helmuth Johanni die berufliche Lage der Dolmetscher in der Weimarer Republik.

Der fachkundige Autor war, wie einzelne Internet-Fundstellen vermuten lassen, als Diplomat, literarischer Übersetzer, Dolmetscher und Kulturvermittler vor allem des Spanischen tätig. Demnach war er zeitweise Generalsekretär der Berliner Vereinigung Centro Hispania und nach dem Zweiten Weltkrieg Kulturattaché der bundesdeutschen Botschaft in Havanna.

Nachfolgend der Artikel im Wortlaut. Wir haben lediglich zusätzliche Absatzeinteilungen vorgenommen.

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Der Dolmetscherberuf

Von

Helmuth Johanni

Der Dolmetscherberuf gehört gegenwärtig zu den viel erstrebten und umstrittenen. Die Gründe dafür sind mannigfacher Art, doch lassen sie sich im wesentlichen auf die Begleit- und Folgeerscheinungen des Krieges zurückführen.

Zunächst hat der Krieg den Dolmetscher als sprachkundigen Vermittler der Völkerverständigung erst recht eigentlich auf den Plan gerufen. An den Fronten, in den Gefangenenlagern und im fremden Quartier wurde er bereits mit der ersten Kampfhandlung zur unbedingten Notwendigkeit derart, daß man sich damals beispielsweise in Deutschland veranlaßt sah, regelrechte Dolmetscherschulen für den Heeresbedarf ins Leben zu rufen. Diese Dolmetscherschulen sind allerdings nach Erfüllung ihres Sonderzweckes mit Kriegsende wieder aufgelöst worden.

Andererseits hat eben dieser Krieg, der den Bedarf an Dolmetschern in der ersten Zeit recht fühlbar hervortreten ließ, späterhin ein Ueberangebot von Dolmetschern gezeitigt. Es waren das in erster Linie die vielen vertriebenen, um Hab und Gut gebrachten Auslandsdeutschen, die mangels anderer Erwerbsmöglichkeiten auf die seinerzeit draußen erworbenen Sprachkenntnisse zurückgriffen und sich notgedrungen in irgendeiner Form der Dolmetschertätigkeit zuwandten.

Dieses Ueberangebot an Dolmetschern besteht auch heute noch, und es kann leider nur in sehr geringem Maße durch den erneuten Dolmetscherbedarf absorbiert werden, der im Hinblick auf die großen internationalen Konferenzen der Nachkriegszeit zu verzeichnen ist.

Denn wiewohl der jetzige Bedarf an Konferenzdolmetschern an sich nicht gering ist und mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund fraglos auch noch stärker werden dürfte, so ergibt sich gleichviel aus den an einen Konferenzdolmetscher zu stellenden besonderen Anforderungen, daß nur eine geringe Anzahl für diesen Beruf in Betracht kommt.

Bei den großen Redeschlachten der Diplomaten vor dem Forum der Weltkonferenzen muß nämlich ein Dolmetscher, abgesehen von außergewöhnlichen sprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, einen weiten Horizont, eine blitzschnelle Auffassungsgabe, eine besondere geistige Spannkraft und ein überaus gutes Gedächtnis aufweisen.

Im Gegensatz zu früher, wo der „Dolmetsch“ bezw. „Dragoman“ gewöhnlich die verhältnismäßig bequeme Aufgabe hatte, Unterhaltung satz- oder absatzweise zu übertragen, muß der moderne Konferenzdolmetscher ganze Reden – die nicht selten über eine halbe Stunde dauern – in sich audnehmen und in einem Zuge wiedergeben, wobei es inhaltlich auf alle Einzelheiten und formal auf den vom Redner beabsichtigten rhetorischen Effekt ankommt.

Es liegt auf der Hand, daß zu dieser neuen Art des Dolmetscherberufes ein Berufensein im wahrsten Sinne des Wortes und eine außerordentlich intensive und systematische Ausbildung gehört, denn die erwähnten Fähigkeiten sind – daran ist kein Zweifel – nie von vornherein im erforderlichen Maße vorhanden.

Diese gewaltige Steigerung der Anforderungen, den veränderten Verhältnissen entsprechend, war auch wohl der Grund, weshalb die Dolmetscherschulen der Kriegszeit in ihrer besonderen Art nicht weitergeführt worden sind und auch die Dolmetscherexamen im allgemeinen abgeschafft wurden.

Die einzige gegenwärtig vorhandene Einrichtung zur Dolmetscher-Ausbildung sind die vom Auswärtigen Amte vermittelten unverbindlichen Dolmetscherkurse in der französischen und englischen Sprache, deren Zweck darin besteht, bestgeeignete Kräfte für den Bedarfsfall bei Konferenzen heranzubilden.

Es versteht sich ganz von selbst, daß zu der psychologischen und sprachlichen Ausbildung des Dolmetschers eine eingehende Unterweisung im politischen, juristischen und heutzutage ganz besonders vor allem im volkswirtschaftlichen Fachwissen hinzutreten muß. Ein solches Fachwissen ist aber seiner ganzen Natur nach kaum mit dem rein sprachtechnischen Lehrplan öffentlicher Dolmetscherschulen vereinbar, so daß wohl auch solche Zweckmäßigkeitsgründe es haben geraten erscheinen lassen, von Dolmetscherschulen im früheren Sinne Abstand zu nehmen und besondere Dolmetscherkurse mit neuen Zielen einzurichten.

Abgesehen von dieser im Auswärtigen Amt gebotenen Möglichkeit und den am Orientalischen Seminar in Berlin zu erwerbenden reinsprachlichen Diplomen für Spanisch und Russisch – das im Reichswehrministerium zu erwerbende Dolmetscherdiplom ist den aktiven Angehörigen der Reichswehr vorbehalten -, besteht im wesentlichen nur die Eintragung als vereidigter Dolmetscher bei den Gerichten, die je nach Bedarf und Eignung vom Preußischen Kammergericht veranlaßt werden kann.

Es liegt jedoch dort schon ein gewisses Ueberangebot an sprachkundigen Auslandsdeutschen vor, das dem zum Beruf eines vereidigten Dolmetschers Entschlossenen für absehbare Zeit keine übermäßig großen Aussichten eröffnen dürfte, es sei denn, daß es sich um selten vertretene, demnach aber auch seltener beanspruchte Fremdsprachen handelt.

Fassen wir also kurz die Berufsaussichten des Dolmetschers zusammen, so läßt sich feststellen, daß diese Aussichten dem Berufe eines Politikers, Künstlers und Journalisten nicht unähnlich sind; es sollte diesen wie jenen Beruf letzten Endes nur derjenige ergreifen, der sich dazu auch wirklich innerlich berufen fühlt und die spezifischen Fähigkeiten in ausreichendem Maße besitzt. Solcher Berufenen aber kann es naturgemäß kaum übermäßig viele geben.

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Der Dolmetscherberuf
Bild: Deutsche Digitale Bibliothek, Deutsches Zeitungsportal

Zeitgeschichtliches Umfeld

Im Jahr, in dem der obige Artikel erschien, wurde Deutschland in den Völkerbund aufgenommen. Außenminister Gustav Stresemann erhielt zusammen mit seinem französischen Amtskollegen Aristide Briand den Friedensnobelpreis. Reichspräsident war Paul von Hindenburg, Reichskanzler Hans Luther. Im selben Jahr wurde die Lufthansa gegründet.

Geboren wurden 1926 unter anderem Hans-Jochen Vogel, Erhard Eppler, Valéry Giscard d’Estaing, Fidel Castro, Marylin Monroe, Hugh Hefner, Jerry Lewis, Klaus Kinski, Siegfried Lenz, René Goscinny sowie die spätere Königin Elisabeth II., die noch heute regiert.

Die regierungstreue, konservative Deutsche Allgemeine Zeitung (DAZ) wurde von 1861 bis 1945 in Berlin herausgegeben, bis Ende 1918 unter dem Namen Norddeutsche Allgemeine Zeitung.

Richard Schneider

Quelle: Eigene Recherchen in der Deutschen Digitalen Bibliothek, Deutsches Zeitungsportal. Digitalisierung korrigiert von UEPO.de.

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