„Die Sprache Europas ist die Übersetzung“ – Europa-Tag der Übersetzer in Bad Oeynhausen

Kurpark Bad Oeynhausen
Das zweitägige Europa-Fest der Literaturübersetzer findet in der entspannenden Atmosphäre des Kurparks Bad Oeynhausen statt. - Bild: Andreas Kaklewski / Pixabay

Unter dem Titel „Die Sprache Europas ist die Übersetzung – Ein Europa-Tag der Übersetzerinnen und Übersetzer mit Lesefest zum Auftakt“ kann am 6. und 7. Mai 2022 in Bad Oeynhausen nun endlich eine der Hauptveranstaltungen des Literaturfestivals „europa:westfalen“ stattfinden, die bereits im vergangenen Jahr von der Netzwerkinitiative literaturland westfalen an verschiedenen Orten in Westfalen ausgerichtet wurde.

Das Datum der Veranstaltung ist bewusst ausgesucht worden, denn es liegt genau zwischen den beiden offiziellen Europatagen der Europäischen Union (5. Mai 1949: Gründung des Europarates / 9. Mai 1950: Tag der sog. „Schumann-Erklärung“).

Das Publikum kann sich auf einen Reigen verschiedener Veranstaltungen freuen, in deren Mittelpunkt die literarische Übersetzung aus unterschiedlichsten Perspektiven der Öffentlichkeit vorgestellt wird und damit eine Brücke zu denjenigen Akteuren schlägt, ohne die es in der Literatur keine Internationalität geben würde: zu den Übersetzern.

Zum titelgebenden Motto des Europa-Tages wurde ein Satz des italienischen Semiotikers und Schriftstellers Umberto Eco, der in einem Vortrag bereits 1993 die Meinung vertrat, dass „die Sprache Europas […] die Übersetzung“ sei („La lingua dell’Europa è la traduzione“). Er wusste, dass es die vollkommene, einheitliche Sprache für alle Kulturen nie geben würde.

Genau dies ist auch der Ansatz der Veranstaltung in Bad Oeynhausen, die dem Publikum in ihrem vielfältigen Programm wertvolle Einblicke in das Labor des literarischen Übersetzens im Spannungsfeld der verschiedenen Sprachen und Kulturen bieten. Dabei wird die Literaturübersetzung nicht nur als eigenständige Form der künstlerischen Produktion gefeiert, sondern eben auch als kulturvermittelnde und friedensstiftende Praxis wertgeschätzt, die unsere gegenseitige, in sprachlichen und literarischen Formen eingeschlossene Wahrnehmung schärft und sensibilisiert.

Um diesem Tag der Übersetzung einen festlichen Auftakt zu verleihen, findet bereits am Vorabend, dem 6. Mai, ein Lesefest statt. Passend zum Veranstaltungsort, dem Kurbad Bad Oeynhausen, wird unter dem Motto „Kur in der Literatur“ die große Vielfalt übersetzter Stimmen in klassischen und zeitgenössischen Texten erklingen, sowohl auf Deutsch als auch mit einem kurzen Passus in der Originalsprache.

Europatag Übersetzer Bad Oeynhausen

Programmpunkte

  • Begrüßung durch die Kuratoren der Veranstaltung: Die Übersetzerinnen Annette Kopetzki und Dorota Stroińska von der Weltlesebühne e.V. und Michael Scholz, Künstlerischer Leiter des Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“ und Vorsitzender des Vereins AGORA – Gesellschaft für Literatur, Kunst und Kultur e.V. begrüßen das Publikum und führen in das bunte Programm des Tages ein.
  • Der gläserne Übersetzer: Übersetzen zum Zuschauen! Der Hamburger Literaturübersetzer Ingo Herzke arbeitet live vor dem Publikum an seiner aktuellen Übersetzung von Joshua Cohens Roman The Netanyahus, der im Schöffling Verlag erscheinen wird. Original und Übersetzung werden auf eine Leinwand gebeamt, das Publikum kann Wort für Wort den Übersetzungsprozess verfolgen, alle Fragen stellen, die ihm einfallen, und eigene Übersetzungsvorschläge machen. Hier zeigt sich, dass Übersetzen immer bedeutet, Entscheidungen zu treffen und wie individuell diese ausfallen können.
  • Quasi dasselbe mit anderen Worten: Die Übersetzerinnen Karen Nölle und Annette Kopetzki sprechen über grundlegende Aspekte der Übersetzung und des Übersetzens: Was ist eigentlich eine Übersetzung? Ihre Definitionen reichen von der „unendlichen Aufgabe“ über das „Paradox“ und den „Verrat“ bis zum „Weiterleben“ und der „Bereicherung“ des Originals.
    Wie sieht die Übersetzungsarbeit aus, welches sind ihre künstlerischen, welches ihre handwerklichen Aspekte? Kann man Übersetzen lernen? Was brauchen Übersetzer für ihre Arbeit? Wie sieht der Weg einer Übersetzung von einer Kultur in eine andere aus? Geht bei der Übersetzung etwas verloren, wird etwas gewonnen? Welche Rolle spielen Übersetzungen im Dialog der Kulturen? Ein einführendes Gespräch über die Schwierigkeiten der Verständigung und des Verstehens zwischen unterschiedlichen Sprachen sowie über die außerordentliche Bedeutung der Sprache beim Austausch zwischen den Kulturen.
  • Übersetzen mit Akzent: Es ist ein Phänomen der Migrationsgesellschaft: María Cecilia Barbetta, Abbas Khider, Nino Haratischwili, Autoren also mit spanischer, arabischer oder georgischer Muttersprache, schreiben erfolgreich Romane auf Deutsch und gehören längst zum Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Bei Literaturübersetzern gilt solch ein Sprachwechsel – das Übersetzen in eine Sprache, die nicht die Muttersprache ist – immer noch als Tabubruch.
    Alida Bremer und Eva Profousová können ein Lied davon singen, sie mussten sich ihre Daseinsberechtigung als deutsche Übersetzerinnen kroatischer bzw. tschechischer Literaturen erst erkämpfen. Ihre Arbeit zeigt eindrucksvoll, wie produktiv die bewegten Sprachbiografien und das „Übersetzen mit Akzent“ sein kann, welches Potenzial und welche Vielfalt die deutsche Sprache als Material bereithält. Moderation: Dorota Stroińska.
  • Translation-Slam: Wer den Poetry-Slam kennt, wird ganz bestimmt auch den „Translation-Slam“, also den Übersetzungs-Slam, mögen. Einfallsreichtum, Improvisationstalent und die Beherrschung unterschiedlicher Register des Deutschen sind der Motor des Übersetzens. Schauen Sie der Literaturübersetzerin Karin Betz und den Literaturübersetzern Andreas Jandl und Peter Torberg zu, die spontan Übersetzungsaufgaben lösen.
    Markante Sätze aus der Literatur, Liedzeilen, Filmtitel und Sprichwörter erscheinen auf der Leinwand und sollen nicht nur ins Deutsche übertragen werden – manchmal auch in andere Stilebenen! Wie klingt ein Satz aus dem 18. Jahrhundert im Jugend-Slang von heute? Wie, wenn er in einem Genre-Roman (Horror, Science-Fiction, Frauenliteratur) steht? Es gibt keine richtigen Lösungen, nur Entscheidungen – machen Sie mit! Moderation: Annette Kopetzki.
  • Sprengstoff Sprache und Literatur – Zum Übersetzen in vermintem Gelände: Literarische Übersetzer gelten gemeinhin als Boten des Dialogs zwischen Sprachen und Kulturen, sie verstehen ihre Arbeit als Form der Vermittlung, ja, auch der Gastfreundlichkeit, sie sind Anwälte ihrer Autoren. Wie viel Politik und Konfliktstoff, wie viel persönliche Haltung kommt dabei ins Spiel, wenn man es mit literarischen Zeugnissen aus der dunklen Welt der Kriege, der Gewalt, der Propaganda und der „alternativen Fakten“ zu tun hat? Dorota Stroińska spricht mit Larissa Bender, Olga Radetzkaja und Michael Kegler über den Umgang mit diktatorischen Regimen, ideologisierter Kulturpolitik, enthumanisierter Sprache, politischem Druck und dem eigenen Berufsethos.
  • Abschlussveranstaltung „IM STEINbruch der Übersetzung“: Die Autorin und Rundfunkjournalistin Marion Brasch, Schwester von Thomas und Peter Brasch, im Gespräch mit den Übersetzerinnen Roberta Gado (Italienisch) und Katy Derbyshire (Englisch). Im Mittelpunkt steht der Roman „Im Stein“ des Schriftstellers Clemens Meyer (S. Fischer Verlag, 2013). Die englische Fassung mit dem Titel „Bricks and Mortar“ (Fitzcarraldo Editions, 2016) erhielt einen PEN-Award und stand 2017 auf der Longlist des Man Booker International Prize. Die italienische Übersetzung von Roberta Gado und Riccardo Cravero mit dem Titel „Caverne“ ist im Herbst 2021 erschienen. Davor hatten beide Übersetzerinnen bereits Meyers Roman „Als wir träumten“ („Eravamo dei grandissimi“, Keller, 2016) und seinen Erzählband „Die stillen Trabanten“ („Il silenzio dei satelliti“, Keller, 2019) ins Italienische übersetzt.
    Roberta Gado und Katy Derbyshire werden sich über ihre Übersetzungsstrategien austauschen und das Publikum kann sich davon selbst ein Bild machen, denn Marion Brasch, Roberta Gado und Katy Derbyshire lesen auch je eine Passage aus dem Roman „Im Stein“ auf Deutsch, Italienisch und Englisch.

Die junge Weltlesebühne: Kinderprogramm

  • Ella und der falsche Zauberer (geeignet für Kinder aus den Klassen 2 bis 4)
    Die finnisch-deutsche Doppelstaatsbürgerin Elina Kritzokat dolmetscht seit ihrer Kindheit und übersetzt seit 20 Jahren aus dem Finnischen ins Deutsche. Wichtig sind ihr Frische, Lebendigkeit und der unverwechselbare Ton von Texten. Zu den von ihr übersetzten Kinder- und Jugendbuchautoren zählt auch Timo Parvela mit seiner „Ella“-Reihe.
    In seinem Kinderbuch „Ella und der falsche Zauberer“ machen sich Ella und ihre Freunde auf, um eine neue Schule zu suchen. Sie haben es mächtig satt, jeden August aufs Neue in die zweite Klasse zu kommen, und den Vorschlag des Direktors, nach diesen Sommerferien in die zweieinhalbte Klasse aufzusteigen, finden sie empörend. Also kehren sie den Erwachsenen und der Schule den Rücken und brechen auf in eine tollere Zukunft.
    Doch unterwegs geht da einiges schief und sie begegnen sogar einem Dieb, der sich als Zauberer ausgibt! In diesem 2018 im Münchner Carl Hanser Verlag erschienenen illustrierten Kinderbuch geht es um den Schulalltag, um Freundschaft und darum, wie man gewitzt Probleme lösen kann. Bei der Beschäftigung mit dem Buch bringt Elina Kritzokat die Kinder dazu, sich im Gespräch über die Verwendung von Sprache und dabei natürlich über das Übersetzen von einer Sprache in eine andere Gedanken zu machen. Dabei geht es um Namen, Redewendungen und Humor sowie über das Schreiben.
  • Ist das ein Passfoto? (geeignet für Kinder aus den Klassen 4 bis 6)
    In dem Buch „Ist das ein Passfoto“ der libanesischen Autorin Nadine Touma reihen sich tiefgründige Fragen, philosophische Reflexionen, laut ausgesprochene Gedanken aneinander. Sind Wolken die Ohren des Himmels? Sind Farben die Gefühle der Menschen? Gibt es auf jede Frage eine Antwort? Fragen, die weitere Fragen hervorlocken und zum Grübeln anregen.
    Antworten werden nicht gegeben, so dass die Kinder ihre eigenen Schlüsse ziehen. Zentraler Bestandteil des Buches sind die Illustrationen des libanesischen Künstlers Areej Mahmoud, die an die Wand projiziert werden. Bei der Vorstellung des Buches bezieht Leila Chammaa das junge Publikum aktiv in das Geschehen ein. Die Kinder sind angehalten, sich anhand der Bilder den Text zu erschließen, ihre Assoziationen zum Inhalt mitzuteilen und sich über eigene Erfahrungen mit anderen Sprachen und dem Übersetzen auszutauschen. Die Übersetzung des Buches entstand im Rahmen des Kinderprogramms des Internationalen Literaturfestivals Berlin 2009 und hat bisher noch keinen deutschen Verlag gefunden.

Übersetzer-Lesefest „Kur in der Literatur“ am Vorabend

Zum Auftakt des „Europatages der Übersetzerinnen und Übersetzer“ findet am Vortag ein Lesefest der Übersetzerinnen und Übersetzer statt, dem entsprechend zum Veranstaltungsort, der Wandelhalle im Kurpark von Bad Oeynhausen, das Motto „Kur in der Literatur“ vorangestellt ist.

Der europäische Kurort ist in literarischer Hinsicht von doppelter Bedeutung: Als Ort und als Motiv. Viele Schriftsteller waren begeisterte Besucher von Kurorten, genossen hier die Anziehungskraft einer mondänen, oft internationalen Atmosphäre verbunden mit der Nutzung so spezifischer Einrichtungen wie dem Kurpark, der Wandelhalle, dem Kurtheater und -orchester und dem an vielen Kurorten vorhandenen Casino.

Die besondere Verbindung von Kultur und Gesundheit, von Geist und Körper ließ den Kurort und das Kurbad häufig als Metapher für das „Paradies auf Erden“ aufscheinen, der nicht zuletzt auch als literarische Inspirationsquelle diente. Thomas Manns „Der Zauberberg“, Dostojewskis „Der Spieler“, Anton Tschechows „Die Dame mit dem Hund“ oder Friedrich Dürrenmatts „Durcheinandertal“ sind nur einige Beispiele dafür.

Viele der teilnehmenden Übersetzer, die den „Europa-Tag der Übersetzerinnen und Übersetzer“ mitgestalten, stellen sich bei der Auftakt-Veranstaltung dem Publikum schon in einer öffentlichen Lesung und Übersetzung vor, um die Aktualität von der „Kur in der Literatur“ auch in zeitgenössischen Texten zu belegen. Es lesen: Karin Betz, Alida Bremer, Leila Chammaa, Ebba D. Drolshagen, Ingo Herzke, Andreas Jandl, Michael Kegler, Elina Kritzokat, Karen Nölle, Olga Radetzkaja und Dorota Stroińska.

Michael Scholz, Leiter des Internationalen Literaturfestes „Poetische Quellen“, führt in das Thema des Lesefestes ein.

Das Klaviertrio Bad Oeynhausen, bestehend aus der Violinistin und Leiterin des Staatsbad-Orchesters, Denise Gruber, dem Cellisten João Filipe Pereira Brito und der Pianistin Maya Ando, begleitet den Abend musikalisch.

Veranstalter und Geldgeber

Durchgeführt wird der Europa-Tag in enger Zusammenarbeit zwischen dem Verein AGORA – Gesellschaft für Literatur, Kunst und Kultur aus Bad Oeynhausen (der als Veranstalter fungiert), der Weltlesebühne (dem bundesweiten Zusammenschluss von literarischen Übersetzerinnen und Übersetzern), dem in den Nachbarstädten Bad Oeynhausen und Löhne beheimateten Internationalen Literaturfest „Poetische Quellen“ (welches in der Vergangenheit bereits eng mit Übersetzerinnen und Übersetzern der Weltlesebühne zusammengearbeitet hat) sowie der Netzwerkinitiative literaturland westfalen.

Ermöglicht wurde dieses vielfältige und umfangreiche Übersetzungsfest dank der Förderung durch die LWL-Kulturstiftung in Münster, dem Deutschen Übersetzerfonds mittels des Neustart-Kultur-Projektfonds der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der erwähnten Netzwerkinitiative „literaturland westfalen“ im Zusammenhang mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

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