Von Aachen bis Zwickau: Neue Buchstabiertafel mit Städtenamen als DIN 5009 veröffentlicht

Neue Buchstabiertafel
Die neue Buchstabiertafel in der Endfassung, die am 13. Mai 2022 veröffentlicht wurde. - Bild: DIN

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) hat am 13. Mai 2022 die DIN 5009 „Ansagen und Diktieren von Texten und Schriftzeichen“ veröffentlicht. Mit der Norm wird auch die finale Version der neuen Buchstabiertafel mit Städtenamen vorgestellt.

Der zuständige DIN-Arbeitsausschuss aus Experten aus den Bereichen Wirtschaft, Bildung und öffentliche Hand hatte die aus der interessierten Öffentlichkeit eingegangenen Kommentare zum Norm-Entwurf sorgfältig geprüft und auf dieser Basis den im August 2021 vorgestellten ersten Entwurf überarbeitet.

Neun Städtenamen wurden ersetzt, entfallen sind zudem die Ansagewörter für die Laute „CH“ und „SCH“. Die Anwendung der Norm DIN 5009 und der Buchstabiertafel ist freiwillig. Die Buchstabiertafel richtet sich insbesondere an Nutzer in Wirtschaft und Verwaltung.

Reges öffentliches Interesse

Die DIN 5009 definiert Regeln für die gesprochene Ansage von danach zu schreibenden Texten. Dazu gehören beispielsweise das klassische Phonodiktat, aber auch speziell das Buchstabieren von Textteilen wie Eigennamen und Internetadressen im Telefongespräch.

Die neue Buchstabiertafel – als Teil der DIN 5009 – ersetzt Vornamen durch Städtenamen, die sich überwiegend an den bekannten deutschen Kraftfahrzeugkennzeichen orientieren. „Zum ersten Entwurf der Buchstabiertafel haben wir aus der Öffentlichkeit viele gut begründete Kommentare insbesondere zu den Ansagewörtern erhalten“, sagt Eberhard Rüssing, langjähriger Fachbereichsleiter für die Lernfelder „Kaufleute für Büromanagement“ am Oberstufenzentrum Bürowirtschaft und Verwaltung in Berlin und Obmann des zuständigen Arbeitsausschusses.

Aachen statt Augsburg

Auf Basis der Rückmeldungen wurde etwa aus „A wie Augsburg“ ein „A wie Aachen“, um am Wortanfang den Doppellaut „AU“ für „A“ zu vermeiden. Ähnlich beim Ortsnamen Stuttgart: Viele Kommentare bezogen sich auf die Aussprache „ST“ für „S“. Der zuständige DIN-Arbeitsausschusses gab schließlich „S wie Salzwedel“ den Vorrang, u. a. auch um vielen Kommentaren nach ausgewogenerer geografischer Verteilung zwischen den Bundesländern gerecht zu werden und somit alle Bundesländer – leider außer Bremen – in der neuen Buchstabiertafel berücksichtigen zu können.

Auch war eine flüssigere Aussprache häufig der Grund, teilweise abweichende Ortsnamen zu verwenden. Eine Herausforderung stellten zudem die Umlaute (Ä, Ö, Ü) dar: Mögliche Städte hierfür waren unter anderem zu unbekannt oder es gab sie nicht. Deshalb wird nun das Ansagewort des Grundbuchstabens für die Ansage der Umlaute verwendet – beispielsweise „Umlaut Unna“ für „Ü“.

Gute Erfahrungen mit Städtenamen

Ursprünglicher Anstoß für die Neugestaltung der Buchstabiertafel war ein Hinweis auf deren wechselhafte Geschichte von Dr. Michael Blume, Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg. In der Zeit des Nationalsozialismus wurden alle jüdischen Namen in der Tafel ersetzt.

Der DIN-Arbeitsausschuss entschied sich bei der Überarbeitung für eine Städtenamentafel. Damit haben auch andere europäische Länder gute Erfahrungen gemacht: Städtenamen sind sehr eingängig und, anders als Vornamen, nicht der Mode unterworfen.

Grundsätzlich können Anwender der Norm entscheiden, ob sie die neue empfohlene „Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung“ oder das ergänzte internationale Buchstabieralphabet der International Civil Aviation Organization (ICAO) verwenden. Andere Anwendergruppen, z. B. Rettungsdienste, Luftfahrt, Polizei, sind durch diese Norm in ihrer Anwendungsfreiheit in keiner Weise gebunden, können aber die neue Buchstabiertafel auf Wunsch übernehmen.

Entwurf neue Buchstabiertafel
Der erste Entwurf vom Juli 2021. Wir haben die Stellen markiert, die noch geändert wurden. – Bild: DIN

Neue Tafel nicht ohne Schwachstellen

Nicht nur die Polizei verwendet tagtäglich die Buchstabiertafel, wenn sie bei Verkehrs- oder Personenkontrollen per Funk abfragt, ob ein Fahrzeug gestohlen oder eine Person zur Fahndung ausgeschrieben ist. Auch Übersetzer müssen sich regelmäßig per Telefon die Schreibweise von zum Beispiel Personennamen durchgeben lassen. Die Buchstabiertafel ist also für viele Berufe durchaus relevant und unverzichtbar.

Eine neue Tafel muss mindestens so gut funktionieren wie die alte, sonst wird sie nicht angenommen. Das ist an folgenden Stellen aber fraglich:

  • Mit Chemnitz für den Buchstaben C sind massive Missverständnisse vorprogrammiert, denn die Stadt wird nicht so ausgesprochen wie sie geschrieben wird. Chemnitz dürfte von vielen als Buchstabenfolge CH oder gar als K fehlinterpretiert werden. Das frühere Cäsar hingegen war unmissverständlich und eindeutig. Als vergleichbar gut funktionierender Städtename hätte sich Celle angeboten, das aber möglicherweise vielen Ostdeutschen unbekannt ist.
  • Schade ist auch, dass aus Gründen der regionalen Ausgewogenheit das weithin unbekannte Salzwedel für den Buchstaben S herangezogen wurde. Hier hätte sich das wesentlich bekanntere Solingen oder Saarbrücken angeboten.
  • Für die Buchstabenkombinationen CH und SCH wird nun auf eigene Wörter verzichtet, obwohl dafür offenbar ein Bedarf besteht. Der wird wohl künftig weiterhin mit Charlotte und Schule abgedeckt.

Wer seit Jahrzehnten mit Cäsar, Dora, Emil und Walter buchstabiert, wird sich in seinem Leben kaum mehr umgewöhnen. Wozu auch? Das alte System funktioniert perfekt. Die Gründe zur Entwicklung der neuen Tafel sind lediglich politischer Natur. An der Praktikabilität der alten Tafel gab es nichts auszusetzen.

Neben den politisch Korrekten werden sich womöglich auch diejenigen die neue Tafel aneignen, die jetzt neu in die Ausbildung oder den Beruf kommen. Bis aber auch in der Praxis mehrheitlich die neue Tafel angewendet wird, könnten gut zwanzig Jahre mit weiteren Überarbeitungen vergehen.

Zurzeit in der Praxis gebräuchliches Buchstabiersystem

Das im Alltag zurzeit (etwa bei der Polizei) genutzte System basiert auf der postalischen Buchstabiertafel von 1950. In dieser waren die „jüdisch“ gelesenen, de facto aber schlicht biblischen Vornamen Samuel und Zacharias für die Buchstaben S und Z wieder eingefügt worden. In der Praxis haben sich diese beiden Vorschläge im Lauf von 70 Jahren jedoch nie durchgesetzt. Stattdessen ist nach wie vor das 1934 eingeführte S wie Siegfried und Z wie Zeppelin gebräuchlich.

A Anton
Ä Ärger
B Berta
C Cäsar
Ch Charlotte
D Dora
E Emil
F Friedrich
G Gustav
H Heinrich
I Ida
J Julius
K Kaufmann
L Ludwig
M Martha
N Nordpol
O Otto
Ö Ökonom
P Paula
Q Quelle
Qu
R Richard
S Siegfried
Sch Schule
Eszett
T Theodor
U Ulrich
Ü Übermut
V Viktor
W Wilhelm
X Xanthippe
Y Ypsilon
Z Zeppelin

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