Neu an Uni Jena: Masterstudiengang Literarisches Übersetzen in Theorie und Praxis

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Die 1557 gegründete Jenaer Universität zählt zurzeit annähernd 18.000 Studierende. - Bild: Uni Jena

An der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ist 2022 ein viersemestriger „Wieland-Studiengang Literarisches Übersetzen in Theorie und Praxis“ mit dem Abschluss Master of Arts eingerichtet worden. Studienbeginn für 15 bis 37 Studierende ist im Wintersemester 2022/2023.

Das Angebot richtet sich an Absolventen eines philologischen Studiums mit einem ausgeprägten Interesse am literarischen Übersetzen.

Am Projekt beteiligt sind das Institut für Romanistik, das Institut für Slawistik / Kaukasusstudien und das Institut für Altertumswissenschaften.

Eine Kooperationsvereinbarung besteht mit der Klassik-Stiftung Weimar über Kontingente für Praktika sowie mit der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar über ein Lehrmodul „Internationales Kulturmanagement / Kulturökonomie für Übersetzer“.

Studiengangsverantwortliche sind Prof. Dr. Edoardo Costadura (Romanistik), Prof. Dr. Andrea Meyer-Fraatz (Slawistik), Prof. Dr. Susanne Daub sowie Prof. Dr. Meinolf Vielberg (beide Altertumswissenschaften).

In Jena werden auch „kleine“ Sprachen berücksichtigt

In Deutschland bestehen bereits zwei Literaturübersetzer-Studiengänge, in denen aber nur die vier bis fünf gängigsten Sprachen angeboten werden:

  • Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München: Studiengang „Literarisches Übersetzen“ (weiterbildender, gebührenpflichtiger Master), Dauer: 2 Semester, Sprachen: Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Russisch. Seit 1987 Aufbaustudiengang „Literarisches Übersetzen aus dem Englischen“, 2012 umgewandelt in „Literarisches Übersetzen“.
  • Heinrich-Heine-Universität (HHU) Düsseldorf: Studiengang „Literaturübersetzen“ (Master), Dauer: 4 Semester, Sprachen: Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch. Nahm im Wintersemester 1987/1988 den Betrieb auf.

Im Gegensatz dazu will Jena auch „kleinere“ Sprachen wie Rumänisch und Kroatisch sowie die „tote“ Sprache Latein offerieren. Die Studierenden wählen zu Beginn des Studiums eine Vertiefung aus den drei beteiligten Instituten:

  1. In der Vertiefung Latinistik ist eine Spezialisierung im Bereich Latinistik oder Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit möglich.
  2. In der Vertiefung Romanistik kann eine der folgenden Schwerpunktsprachen gewählt werden:
    • Französisch
    • Italienisch
    • Portugiesisch (ergänzendes Lehrangebot in Kooperation mit der Uni Leipzig)
    • Rumänisch
    • Spanisch
  3. In der Vertiefung Slawistik kann eine der folgenden Schwerpunktsprachen gewählt werden:
    • Bulgarisch
    • Polnisch
    • Russisch
    • Serbisch/Kroatisch

Larisa Schippel: „außerordentlich begrüßenswert“

Univ.-Prof. Dr. Larisa Schippel von der Universität Wien hält die Einrichtung des neuen Studiengangs für eine gute Sache, wie aus einem bei ihr 2021 eingeholten Gutachten hervorgeht. Sie schreibt:

Der Plan, einen Master-Studiengang zum Literarischen Übersetzen zu etablieren, ist vorbehaltlos zu unterstützen. Es ist tatsächlich so, dass es wenige Möglichkeiten für eine akademische Ausbildung zum Literarischen Übersetzen gibt in Deutschland gibt, etwa im Vergleich mit Österreich, das drei Universitätsinstitute für ein Zehntel der Bevölkerung Deutschlands hat und viele Studierende aus Deutschland kommen.

Außerordentlich begrüßenswert ist die Absicht, nicht in streng getrennten Sprachenpaaren zu arbeiten, sondern Cross-Over-Formen zu wählen und die Zahl der notwendigen Prüfungen zu begrenzen.

Ebenso erfreulich ist die Perspektive der Ausbildung in sog. „kleinen“ Sprachen – ein arg vernachlässigtes Gebiet, vor allem angesichts der interessanten Literaturen, die gerade in diesen Sprachen entstehen und auf dem Buchmarkt immer noch unterrepräsentiert sind, vor allem auch, in der rückblickenden Aufbereitung früherer Werke.

Literaturübersetzerin Claudia Dathe: „unbedingt zu befürworten“

Die in Jena beheimatete Literaturübersetzerin Claudia Dathe kommt in einem weiteren Gutachten zu einem ähnlichen Schluss:

[…] ist es aus Sicht der Praxis überaus wünschenswert, dass weitere akademische Angebote zur Ausbildung zukünftiger literarischer Übersetzer geschaffen werden und dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem literarischen Übersetzen gefördert wird. […]

[…] sind die Studienangebote für weniger präsente Sprachen besonders erweiterungsbedürftig, was auch daran liegt, dass sich separate Studiengänge für literarisches Übersetzen aus einer/in eine kleine Sprache wegen der geringen zu erwartenden Studierendenzahlen nicht lohnen.

Der geplante Wieland-Masterstudiengang „Literarisches Übersetzen in Theorie und Praxis“ begegnet diesem Umstand, indem er das Studium für Studierende mit verschiedenen Sprachen öffnet. Das bedeutet, dass die Studierenden Grundlagenfächer gemeinsam studieren und sich in einzelnen Modulen vertieft ihren gewählten Sprachen widmen. Dadurch kommt es zu einem fruchtbaren sprachübergreifenden Austausch, […]

Aus praktischer Sicht ist die Einführung des Studiengangs unbedingt zu befürworten.

Studiengangsprofil und konzeptionelle Eckpunkte

In einem Papier des Fakultätsrats wird der neue Studiengang wie folgt skizziert:

Der „Wieland-Studiengang Literarisches Übersetzen in Theorie und Praxis“ mit Abschluss Master of Arts (M.A.) verfolgt das Ziel, Studierenden grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, die zu einem fachgerechten und reflektierten Umgang sowohl mit dem Übersetzen von Literatur als Akt als auch mit literarischen Übersetzungen als Gegenständen literaturwissenschaftlicher Forschung befähigen.

Im Laufe des Studiums werden sich Studierende einerseits das philologische bzw. literarhistorische Instrumentarium aneignen, das erforderlich ist, um literarische Übersetzungen angemessen zu erfassen: hierzu gehören auch die Techniken der Textedition, in die die Absolventen am Goethe-Schiller-Archiv und an der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar eingeführt werden.

Andererseits werden die Studierenden schrittweise an die Arbeit des Übersetzens herangeführt, um sich dann im Rahmen von drei Masterclasses […] unter der Anleitung von erfahrenen Praktikern als Übersetzer zu erproben. Die Studierenden werden zudem in die vielfältigen (soziologischen, ökonomischen, praktischen) Aspekte der Kulturarbeit eingeführt, die für ein Berufsleben im Literaturbetrieb erforderlich sind.

Die Ausbildung wird durch ein Praktikum, das wahlweise in namhaften Bibliotheken, bei Verlagen, etc., absolviert werden kann, vervollständigt.

Ein Alleinstellungsmerkmal des Studiengangs besteht in der engen Kooperation mit der Klassik-Stiftung Weimar, d. h. mit dem Goethe-Schiller-Archiv und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, sowie dem Wielandgut Oßmannstedt, wo die Masterclasses stattfinden werden. Die Kooperation mit der Klassik-Stiftung steht auch programmatisch für die Verankerung des Studiengangs in der Goethe-Zeit, als die „Doppelstadt Weimar-Jena“ zum Schauplatz einer kopernikanischen Wende des Übersetzens wurde, die mit den Namen von Knebel, Goethe, August Wilhelm Schlegel und nicht zuletzt Christoph Martin Wieland, dem Namensgeber des Studiengangs, verbunden ist. […]

Einzigartig am geplanten Masterstudiengang ist die Kooperation zwischen Romanistik, Slawistik und Altphilologie in einer bisher nicht vorhandenen Breite der beteiligten Schwerpunktsprachen (neben Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Russisch auch Bulgarisch, Serbisch/Kroatisch, Polnisch, Rumänisch, Latein), wodurch er sich bereits von den wenigen vergleichbaren Studienangeboten an deutschen Universitäten (d. h. v. a. der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Ludwig-Maximilians-Universität München) abhebt.

Im Unterschied zu bestehenden Studienangeboten anderer deutscher Universitäten entsprechen die im einzurichtenden Studienangebot vorgesehenen mehrsprachigen Masterclasses (statt sprachlich homogener Lerngruppen) eher der Berufspraxis von mehrsprachigen Übersetzerstammtischen, Workshops und Diskussionsrunden. Sie bieten eine Möglichkeit zum Perspektivwechsel, zur Erweiterung des eigenen sprachlichen und übersetzerischen Horizontes, animieren Studierende dazu, ihre Arbeit zu reflektieren und zu präsentieren sowie eigene Überlegungen und Übersetzungsentscheidungen zu begründen. […]

Weiterführende Links

Richard Schneider

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