Shakespeare-Übersetzungen von Schlegel und Tieck-Kreis: Kontext, Geschichte, Edition

William Shakespeare
Der bekannte Shakespeare-Stich von Martin Droeshout auf dem Titel des „First Folio“ (1623). - Bild: gemeinfrei

Die als „Schlegel/Tieck“ bekannt gewordene Übersetzung sämtlicher Dramen William Shake­speares ist zu einem klassischen Text der deutschen Literatur geworden. Die Ausgabe wurde 1797 von August Wilhelm Schlegel begonnen und in den 1820er Jahren von Ludwig Tieck, seiner Tochter Dorothea und Wolf Heinrich von Baudissin fortgeführt.

August Wilhelm von Schlegel
August Wilhelm von Schlegel – Bild: gemeinfrei

Eine in Dresden stattfindende Tagung unter dem Titel „Die Shakespeare-Übersetzungen von August Wilhelm Schlegel und des Tieck-Kreises: Kontext – Geschichte – Edition“ möchte eine Neube­wertung dieser Übertragungen vornehmen, indem sie nach ihren Kontexten fragt: nach den Be­dingungen, der Theorie und der Praxis des Übersetzens, nach der Bedeutung innerhalb des früh­romantischen Programms sowie nach dem Konzept einer „romantisch-poetischen“ Über­setzung.

Außerdem werden die Unterschiede in den Verfahren August Wilhelm Schlegels bzw. des Tieck-Kreises, schließlich die intensive Rezeption bis in die Gegenwart vorgestellt und dis­kutiert; auch soll es um die Frage gehen, wie der „Schlegel/Tieck“ heute am sinnvollsten histo­risch-kritisch ediert werden kann, welche Anforderungen dabei zu beachten sind und welche digitalen Verfahren bei einer solchen dringend notwendigen Edition zum Einsatz kommen müs­sen. Ein Tagungsband ist geplant.

In der Einladung vom April 2021 heißt es:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Shakespeare-Freundinnen und -Freunde,

gerne möchten wir Sie auf eine Tagung zu den romantischen Shakespeare-Übersetzungen im Juni 2022 in Dresden hinweisen und Sie herzlich einladen, daran teilzunehmen!

Die Shakespeare-Übertragung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck – als ‚Schlegel/Tieck‘ bald kanonisiert – erschien erstmals vollständig zwischen 1825 und 1833. Neben Johann Heinrich Voß’ Übersetzung der homerischen Epen gilt der ‚Schlegel/Tieck‘ heute als eines der bedeutenden Werke der deutschen Literatur und lässt sich im Buchhandel wie im Theater von
neueren Übertragungen wie jenen von Erich Fried (ab 1962) oder Frank Günther (1995–2020) nur schwer verdrängen.

Trotz der über 200 Jahre hinweg ununterbrochenen Popularität fehlt bis heute eine historisch-kritische Edition, ja überhaupt eine Ausgabe, die der komplizierten Entstehungs- und Publikationsgeschichte des ‚Schlegel/Tieck‘ nur ansatzweise Rechnung tragen würde. Auch die Rezeptionsgeschichte ist kaum aufgearbeitet und findet in der germanistischen wie in der
anglistischen Forschung wenig Berücksichtigung.

Diese Forschungslücken möchte die international besetzte Tagung kritisch vorstellen und zugleich auf weitere Forschungsaufgaben hinweisen. Dass der ‚Schlegel/Tieck‘ nicht die Gemeinschaftsarbeit ist, die sein Doppelname suggeriert, ist bisher nur wenig bekannt: Schlegel hat sie 1797 allein begonnen; bis 1810 erschienen 17 von ihm übersetzte Stücke. Erst 15 Jahre später wurde aus diesem Torso der ‚Schlegel/Tieck‘, der wiederum weitere acht Jahre später, 1833, in seiner ersten Gestalt abgeschlossen vorlag und der vorwiegend ohne Schlegels Zustimmung von Tiecks Tochter Dorothea und Wolf Heinrich von Baudissin erarbeitet wurde.

Die Dresdner Tagung möchte eine Neubewertung dieser Übersetzungen, mit denen Shakespeare zum dritten deutschen ‚Klassiker‘ avancierte, vornehmen und nach den Kontexten sowie nach den Anforderungen an eine künftige Edition fragen: Diskutiert werden sollen ihre Bedeutung innerhalb des frühromantischen Programms sowie der literaturpolitischen Debatten um 1800 und das seinerzeit bahnbrechende Konzept einer ‚poetischen‘ Shakespeare-Übersetzung.

Dabei werden die Unterschiede in den Verfahren A.W. Schlegels und des Tieck-Kreises herausgearbeitet und es wird gezeigt, warum diese Übersetzungen voneinander zu trennen sind. Darüber hinaus soll die Rezeptions- und Druckgeschichte kritisch beleuchtet sowie das Bemühen der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft um einen deutschen Shakespeare-Text nachgezeichnet werden.

Schließlich wird es um die Frage gehen, wie die Texte heute am sinnvollsten historisch-kritisch ediert werden könnten, welche philologischen Anforderungen zu beachten sind und welche digitalen Verfahren bei einer solchen dringend notwendigen Edition zum Einsatz kommen müssen.

Gäste sind besonders herzlich willkommen – über eine rege Teilnahme würden wir uns sehr freuen!

Mit herzlichen Grüßen,

Dr. Claudia Bamberg (Trier), Prof. Dr. Christa Jansohn (Bamberg), Dr. Stefan Knödler (Tübingen)

Schlegel, Tieck, Tieck, von Baudissin
Bild: Uni Bamberg

Ausstellung mit Schlegel-Manuskripten

Die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) wird einige Manuskripte Schlegels zu den Shakespeare-Übersetzungen als Exponate in Ausstellungsvitrinen zugänglich machen und eine kurze Einführung zum Schlegelnachlass im Haus anbieten.

Die Tagung, zu der ausdrücklich nicht nur Literatur- und Übersetzungswissenschaftler, sondern auch interessierte Laien eingeladen sind, findet vom 13. bis 16. Juni 2022 in der SLUB in Dresden statt.

Gesamtausgabe
Eine Gesamtausgabe der Schlegel/Tieck-Übersetzung erschien zuletzt 2020 bei Anaconda zum Schnäppchenpreis von 29,95 Euro. – Bild: Anaconda

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