Schupo spricht neun Sprachen: Zeitung bezeichnet ihn als Polizeidolmetscher-Weltmeister

Symbolbild: Ein Verkehrsposten der Berliner Schutzpolizei im Jahr 1924. Als Kopfbedeckung trägt er den von 1918 bis Ende der 1960er Jahre bei der Polizei üblichen Tschako (Ungarisch csákó bedeutet „Husarenhelm“). - Bild: Bundesarchiv (CC-BY-SA 3.0)

Fremdsprachenkenntnisse sind im Polizeidienst immer von Vorteil. Nicht nur heute im Zeitalter der Massenmigration, sondern bereits in den Goldenen Zwanzigern in Berlin.

Ein besonders sprachbegabter Schutzpolizist (Schupo), der neun Sprachen aktiv beherrscht, schaffte es 1930 in die Tageszeitung und wurde vom Reporter anerkennend als „Polizeidolmetscher-Weltmeister“ bezeichnet:

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Ein Schupo, der neun Sprachen spricht

Mitten im Straßengewühl des Berliner Ostens fällt ein Schupobeamter auf, der an seinem linken Arm eine breite, rote Binde trägt, die ihn als Dolmetscher kennzeichnet. Die Binde ist so breit, weil auf ihr in mehreren Zeilen untereinander die zahlreichen Sprachen verzeichnet stehen, die dieser Schupo beherrscht. Da liest man:

Tobopum no pyccku
Interprête francais
Taler svenska
Suomea puhutaan
Taler norsk
Taler dansk
Rosmawia sie po polsku
Tobopu no ….

… und dann folgt ein Wort, für das es im Deutschen keine Beschreibung gibt. Die  geheimnisvollen Worte auf der roten, breiten Armbinde besagen, daß ihr Träger die russische, französische, schwedische, finnische, norwegische, dänische, polnische, bulgarische und – natürlich – deutsche Sprache beherrscht.

Seit zwei Jahren versieht dieser Schupo, der neun Sprachen beherrscht, seinen Dienst. Erzogen wurde er im Pagenkorps am Petersburger Hof, da sein Vater ein geborener Finnländer war. Dann mußte er aus Rußland flüchten. Sein Weg führte ihn nach Berlin, wo er eine lange Zeit als Bankbeamter tätig war. Als der Weltkrieg ausbrach, trat er in die deutsche Armee ein und machte den Feldzug auf deutscher Seite, immer in der vordersten Front, mit. Er hatte inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft erworben und hat auch infolge seiner hervorragenden Sprachkenntnisse an den Waffenstillstandsverhandlungen teilgenommen.

Warum man ihn mit seinen hervorragenden Fähigkeiten in die finstere Gegend des Berliner Ostens gesteckt hat? Nun, in der Nähe der großen Fernbahnhöfe im Zentrum und Westen Berlins gibt es genügend Reisebüros, in denen ausländische Reisende in ihrer Heimatsprache Auskunft erhalten können. Hier jedoch herrscht ein empfindlicher Mangel an solchen fremdsprachigen Auskunftsstellen, und darum hat man hier diesen Schupo, der neun Sprachen beherrscht, postiert.

Seine große Sprachkenntnis verdankt er dem Umstande, daß er so viel in der Welt herumgekommen ist. Er hat sich alle Sprachen als Autodidakt angeeignet und beherrscht sie in Wort und Schrift. Jedenfalls hat er der Stadt Berlin zu dem Rekord verholfen, daß sich in der Polizei dieser Stadt der Polizeidolmetscher-Weltmeister befindet. – lz.

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Ein Schupo, der neun Sprachen spricht
Deutsche Allgemeine Zeitung, Ausgabe Groß-Berlin, 13. Juli 1930, Seite 6. – Bild: Deutsche Digitale Bibliothek, Deutsches Zeitungsportal

Richard Schneider

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