Paläogenetische Studie gibt Einblick in Entwicklung der indoeuropäischen Sprachen

Karashamb
Allein in dieser Nekropole der späten Bronze- und frühen Eisenzeit in Karashamb im heutigen Armenien wurden 26 Skelette genetisch analysiert. - Bild: Pavel Avetsiyan, Varduhi

Eine jetzt veröffentlichte umfassende paläogenetische Studie vermittelt Einblicke in Migrationsmuster, die Ausbreitung der Landwirtschaft und die Sprachentwicklung vom Kaukasus über Vorderasien nach Südeuropa von der frühen Kupferzeit bis ins Spätmittelalter.

Ron Pinhasi vom Department für Evolutionäre Anthropologie und Human Evolution and Archaeological Sciences (HEAS) an der Universität Wien, Songül Alpaslan-Roodenberg von der Universität Wien und der Harvard University, Iosif Lazaridis und David Reich, beide von der Harvard University und 202 weitere Co-Autoren haben dazu drei Artikel in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht. Diese basieren auf einer umfassenden Studie zur Analyse uralter Genomsequenzen von 727 unterschiedlichen Individuen.

Anhand dieses neu gewonnenen, umfassenden Datenmaterials konnten etablierte archäologische, genetische und linguistische Hypothesen überprüft werden. Es war möglich, die damit verknüpfte Geschichte verschiedener Völker in der gesamten Region des Southern Arc (Anatolien und seine Nachbarn in Südosteuropa und Vorderasien) von den Ursprüngen der Landwirtschaft bis ins Spätmittelalter systematisch nachzuzeichnen. Auch das Österreichische Archäologische Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften war mit dem von Martin Steskal co-geleiteten Projekt zum antiken Trogir in Kroatien an den Studien beteiligt.

Herkunftsland und Verbreitung anatolischer und indoeuropäischer Sprachen

In der ersten Studie untersuchte das internationale Team das Herkunftsland und die Verbreitung der anatolischen und indoeuropäischen Sprachen. Die genetischen Analysen weisen darauf hin, dass der Ursprung der indoanatolischen Sprachfamilie vor allem in Vorderasien liegt. Kleinere Einflüsse dürften auch von nicht-anatolischen Indoeuropäern aus der Eurasischen Steppe gekommen sein.

Menschen, die aus dem Kaukasus stammten, zogen vor rund 7.000 bis 5.000 Jahren zunächst Richtung Westen nach Anatolien und in die Steppe im Norden. Manche sprachen möglicherweise ursprüngliche Formen anatolischer und indoeuropäischer Sprachen.

Ursprung bei Steppenhirten der Jamnaja-Kultur

Sämtliche indoeuropäische Sprachen (z. B. Griechisch, Armenisch und Sanskrit) lassen sich auf Steppenhirten zurückführen, die der Jamnaja-Kultur angehörten und von Jägern und Sammlern aus dem Kaukasus-Gebiet und dem Osten abstammten.

Vor rund 5.000 Jahren begann mit ihnen eine Reihe von Wanderungsbewegungen durch ganz Eurasien. Ihre Ausbreitung nach Süden auf den Balkan und nach Griechenland sowie über den Kaukasus nach Osten bis nach Armenien hinterließ Spuren in der DNA der Menschen, die in der Bronzezeit in dieser Region ansässig waren.

Sprachentwicklung per Gen-Analyse untersucht

Im Zuge ihrer Ausbreitung vermischten sich die Nachfahren der Jamnaja-Hirten mit den einheimischen Bevölkerungen. Die griechische Sprache, Paläo-Balkan-Sprachen und albanische (indoeuropäische) Sprachen in Südosteuropa sowie die armenische Sprache in Vorderasien entstanden aus den Interaktionen zwischen Einwanderern aus der Steppe, die indoeuropäische Sprachvarianten sprachen, und der lokalen Bevölkerung. Das kann auch genetisch nachgewiesen werden.

Die Jamnaja hatten bedeutenden Einfluss auf Südosteuropa. So gab es schon kurz nach Beginn der Jamnaja-Wanderbewegungen Menschen, die beinahe nur von den Jamnaja abstammten.

Anatolien anders als Balkan und Kaukasus kaum von Jamnaja beeinflusst

Einige der bemerkenswertesten Erkenntnisse finden sich in der Kernregion des Southern Arc, in Anatolien. Die Datenanalyse zeigte, dass Anatolien – im Gegensatz zum Balkan und dem Kaukasus – kaum von den Jamnaja-Wanderbewegungen beeinflusst wurde.

Da in Anatolien keine Abstammung von den östlichen Jägern und Sammlern nachgewiesen werden kann, lassen sich auch keine Verbindungen zwischen Sprechern der anatolischen Sprachen (z. B. Hethitisch, Luwisch) und der Steppe nachweisen. Das steht im Gegensatz zu allen anderen Regionen, in denen indoeuropäische Sprachen gesprochen wurden.

Im südlichen Kaukasus-Gebiet hingegen gab es mehrere Wanderbewegungen aus der Steppe, und zwar auch schon vor den Wanderungen der Jamnaja. Ron Pinhasi, Evolutionärer Anthropologe der Universität Wien erläutert:

Vor 15 Jahren fanden wir die sogenannten Areni-1-Individuen aus der Kupfersteinzeit bei einer Ausgrabung, die ich geleitet habe. Jetzt haben wir herausgefunden, dass die Abstammung dieser Menschen auf genetischen Einfluss aus dem Norden in südlichere Regionen des Kaukasus zurückzuführen ist – und das bereits mehr als 1.000 Jahre vor der Ausbreitung der Jamnaja. Dieser nördliche Einfluss in der Region war also verschwunden, bevor er einige Jahrtausende später wieder erkennbar war.

Songül Alpaslan-Roodenberg, ebenfalls von der Universität Wien, ergänzt:

Anatolien war die Heimat unterschiedlicher Völker, die sowohl von Jägern und Sammlern als auch von östlichen Völkern des Kaukasus, Mesopotamiens und der Levante abstammten. Die Menschen aus der Marmararegion und Südostanatolien, vom Schwarzen Meer und aus der Ägäisregion hatten alle ähnliches Erbgut.

Ron Pinhasi
Ron Pinhasi – Bild: Uni Wien

Gen-Untersuchungen stützen These eines Netzwerks überregionaler Kontakte

In der zweiten Studie wurde die Entstehung der frühesten neolithischen Bevölkerungsgruppen der Welt (vor rund 12.000 Jahren) untersucht. „Die Ergebnisse der Genuntersuchungen unterstützen die Hypothese eines Netzwerkes überregionaler Kontakte zwischen frühen, bäuerlichen Gesellschaften. Sie liefern auch einen neuen Nachweis dafür, dass die neolithische Revolution ein komplexer Prozess war, der nicht in nur einer Kernregion, sondern in ganz Anatolien und dem Nahen Osten stattgefunden hat“, erklärt Pinhasi.

In dem Artikel werden erstmals die Daten uralter DNA von präkeramischen neolithischen Bauern von der Region des Tigris in Nordmesopotamien präsentiert – einer sowohl in der östlichen Türkei als auch im nördlichen Irak gelegenen Schlüsselregion für die Ursprünge der Landwirtschaft.

Im Artikel präsentieren die Wissenschafter auch die ersten Daten zu uralter DNA von präkeramischen Bauern auf Zypern, wo es zur ersten maritimen Ausbreitung von Bauern aus dem östlichen Mittelmeerraum kam. Die Studie liefert außerdem neue Daten zu frühen, neolithischen Bauern aus dem nordwestlichen Zagros-Gebirge sowie erstmalig Daten aus dem neolithischen Armenien.

Die Autoren konnten so wichtige Lücken in der archäologischen Forschung füllen, die durch Funde einen regen kulturellen Austausch zwischen diesen Kulturen dokumentiert.

Hinweise auf mindestens zwei Wanderungsbewegungen

Durch die genetische Geschichte dieser Gesellschaften konnten nun auch Spuren die keine Artefakte hinterlassen, wie Interaktionen oder Partnerwahl rekonstruiert werden.

Die Ergebnisse dieser Studie offenbaren die Vermischung prä-neolitischer Nachfahren mit anatolischen, kaukasischen und levantischen Jägern und Sammlern und zeigen darüber hinaus, dass diese frühen bäuerlichen Kulturen ein Kontinuum von Abstammungen bildeten, das die Geografie Vorderasiens widerspiegelte.

Des Weiteren weisen die Ergebnisse auf mindestens zwei Wanderungsbewegungen vom Kernland des Fruchtbaren Halbmondes zu den frühen bäuerlichen Gesellschaften Anatoliens hin.

Abstammung bewahrt, aber durch Migration verbunden

Die dritte Studie enthüllt, wie in den politischen Systemen in der antiken, mediterranen Welt die vielfältige Abstammung seit der Bronzezeit bewahrt wurde, diese Systeme aber gleichzeitig durch Migration verbunden waren.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Menschen, die zur römischen Kaiserzeit in der Gegend um Rom lebten und römische/byzantinische Individuen aus Anatolien eine nahezu identische Abstammung hatten.

Bevölkerung im Römischen Reich insgesamt divers, aber untereinander sehr ähnlich

Italiener, die vor der römischen Kaiserzeit lebten, wiesen hingegen eine völlig andere Abstammung auf. Das weist darauf hin, dass die Bevölkerung im Römischen Reich – und zwar sowohl im kürzer bestehenden westlichen Teil als auch im länger bestehenden östlichen Teil rund um Anatolien – insgesamt divers aber untereinander sehr ähnlich war, was möglicherweise zu einem großen Teil auf anatolische, prä-imperiale Vorfahren zurückgeht.

Nicht nur Rom war kosmopolitisch

Ron Pinhasi fasst zusammen:

Diese Ergebnisse sind sehr überraschend. 2019 habe ich als Co-Autor in Science eine Studie zur genetischen Abstammung der Menschen im Alten Rom publiziert. Darin haben wir ein kosmopolitisches Muster gefunden, das wir einzigartig für Rom hielten.

Nun sehen wir aber, dass andere Regionen des römischen Reichs genauso kosmopolitisch waren wie Rom.

Theresa Bittermann (Universität Wien)

Das GDolmG muss weg