Katie Kitamuras „Intimitäten“: Roman über Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag

Katie Kitamura: Intimitäten
Bild: Hanser

Barack Obama soll Intimacies 2021 zu seinen Lieblingsbüchern gezählt haben. Jetzt ist der Roman von Katie Kitamura auf Deutsch als Intimitäten erschienen, übersetzt von Kathrin Razum, die in Heidelberg lebt.

Handlung ist überschaubar

Die japanischstämmige, namenlose Ich-Erzählerin ist zwischen den Kulturen aufgewachsen, spricht fünf Sprachen und ist etwa Mitte vierzig. Als ihr Vater stirbt und ihre Mutter nach Singapur geht, verlässt sie New York, um am Internationalen Gerichtshof in Den Haag eine Stelle als Konferenzdolmetscherin anzutreten.

Mit einem auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag in der Tasche verdolmetscht sie dort fortan die Aussagen angeklagter Ex-Präsidenten und Diktatoren. Dabei kommt sie diesen sehr nahe, etwa als Dolmetscherin bei Gesprächen eines westafrikanischen Despoten mit seinen Anwälten.

Als „Figur zwischen Sprachen, Kontinenten und Kulturen“ (ORF) kommen ihr Zweifel. Was ist Lüge, was Wahrheit? Wer darf über wen richten? Im Roman heißt es:

Zwischen einzelnen Wörtern, zwischen zwei oder mehr Sprachen konnten sich ohne Vorwarnung Abgründe auftun.

Autorin recherchiert in Den Haag, spricht mit Dolmetschern

Kitamura hat bei ihren Recherchen für den Roman mehrere Wochen in Den Haag verbracht und Gerichtsverhandlungen gegen den ehemaligen Präsidenten der Elfenbeinküste verfolgt. Wichtiger noch als die Prozesse waren ihre Gespräche mit Dolmetschern, die am Gerichtshof tätig sind.

„Sie erzählten mir sehr offen über den psychischen Druck, dem sie ausgesetzt waren“, so Katie Kitamura im Gespräch mit dem ORF. „Sie bewegen sich ja in einem Naheverhältnis zum Bösen, wie viele Menschen sagen würden, und standen permanent vor der Frage, wie sie sich ihre eigene Meinung und Haltung bewahren konnten.“

Ganz nah dran an den Mächtigen, ohne selbst Macht zu besitzen

Warum hat sich die Autorin für eine Dolmetscherin als Protagonistin entschieden?

„Mich hat eine Figur interessiert, die ganz knapp an den Mächtigen dran ist, ohne selbst Macht zu besitzen“, so Kitamura. „Die also aus nächster Nähe tragische historische Ereignisse beobachtet, ohne irgendeinen Einfluss auf sie nehmen zu können.“

Internationaler Gerichtshof Den Haag
Das Dienstgebäude des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag. – Bild: Velvet (CC BY-SA 4.0)

Im Berufs- und Privatleben von Zweifeln geplagt

Neben der von Zweifeln begleiteten beruflichen Tätigkeit befindet sich auch das Privatleben der Heldin in der Schwebe.

So lernt sie Adriaan kennen und ist zunächst ganz hin und weg. Doch der Mann lebt in Scheidung und hat zwei pubertierende Kinder. Als er zu seiner Ehefrau zurückkehrt, hinterlässt er nichts als Fragen. „Fragen, die sich zu einem existenziellen Abgrund auftun“, so der ORF.

Kein Dolmetschroman, aber ein Roman mit Dolmetschhintergrund

Der Roman ist gerade erst erschienen und ich habe ihn selbst noch nicht gelesen. Da die Hauptfigur eine Dolmetscherin ist, möchte ich das Buch hier aber trotzdem vorstellen.

Intimitäten ist nach den Rezensionen zu urteilen kein Dolmetschroman oder ein Roman im Dolmetschmilieu. Da Kitamura aber eingehend recherchiert hat, ist zumindest davon auszugehen, dass die berufliche Tätigkeit der Romanheldin einigermaßen zutreffend geschildert wird. Und bei Amazon finden sich Beschreibungen wie:

Mir war vorher nicht bewusst, mit welchen Schwierigkeiten dieser Berufsstand umgehen muss, vor allem mit dem Umstand der Gräueltaten, die in Den Haag verhandelt werden. (David Dotterer)

Sehr interessant fand ich auch die Überlegungen zum Dolmetschen, denn letztendlich entscheiden Dolmetscher und Übersetzerinnen, wie das Gesagte ankommt und interpretiert wird. (si_liest)

Die Erzählerin ist als Dolmetscherin am Gerichtshof in Den Haag tätig und beschreibt nüchtern und präzise die Arbeit des Übersetzens, die Intimität, die erzeugt wird, wenn man zum Sprachrohr für jemand anderen wird, auch zum Sprachrohr eines Verbrechers oder eines Geschädigten eines grausamen Verbrechens. Sie analysiert mit einem klaren Blick die Macht der Sprache, Gewalt und die Abgründe, die sich beim Übersetzen auftun. (Amélie)

Elektrisierende Geschichte einer Frau, gefangen zwischen vielen Wahrheiten

Der knappe Klappentext des Hanser Verlags skizziert den Inhalt von Intimitäten wie folgt:

Eine Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag gerät in gefährliche Nähe zu einem angeklagten Kriegsverbrecher, nachdem der Mann, den sie liebt, spurlos verschwindet.

Subtil und mit erstaunlicher Beobachtungsgabe erzählt Katie Kitamura die elektrisierende Geschichte einer Frau, die gefangen ist zwischen vielen Wahrheiten über Liebe, Macht und Gewalt und konfrontiert uns mit den Widersprüchlichkeiten und Sehnsüchten unserer Zeit.

Intimitäten
Bild: Hanser

Autorin Kind japanischer Einwanderer

Katie Kitamura wurde 1979 als Kind japanischer Einwanderer in Kalifornien geboren. Sie studierte in Princeton und London und lebt heute als Schriftstellerin, Journalistin und Literaturkritikerin in New York. Intimitäten ist ihr fünfter Roman.

Bibliografische Angaben

  • Katie Kitamura (2022): Intimitäten. München: Hanser. Aus dem Englischen von Kathrin Razum. 224 Seiten, gebunden 24,00 Euro (E-Book 17,99 Euro), ISBN 978-3-446-27404-4. Auf Amazon ansehen/bestellen.

Richard Schneider

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