Erwin Weit: Ostblock intern – 13 Jahre Dolmetscher für die polnische Partei- und Staatsführung

Erwin Weit: Ostblock intern
Bild: UEPO.de

Erinnerungen und Autobiografien von Dolmetschern sind immer eine interessante Lektüre, auch wenn es darin meist um zeitgeschichtliche Hintergrundinformationen aus den innersten Zirkeln der Macht und nur am Rand ums Dolmetschen und Übersetzen geht.

Das gilt auch für die beruflichen Erinnerungen von Erwin Weit, die 1970 im Westen unter dem Titel Ostblock intern – 13 Jahre Dolmetscher für die polnische Partei- und Staatsführung als Buch erschienen sind.

Weit ist gebürtiger Wiener und übersiedelte als Jude mit seinen Eltern vor dem Zweiten Weltkrieg nach Polen. Während der Besetzung durch die Deutschen war er als Dreizehnjähriger auf sich allein gestellt. Nach dem Krieg schlug er sich u. a. als Fabrikarbeiter, Angestellter und als Journalist durch.

Im Jahr 1956 wurde der perfekt zweisprachige Weit Dolmetscher des polnischen Politbüros, des Staatsrats und der Regierung und blieb dies dreizehn Jahre lang. Er galt als „Gomułkas Dolmetscher“.

Wegen eines zunehmend antisemitischen politischen Umfelds in Polen stellte er Ende der 1960er Jahre einen Ausreiseantrag, der schließlich bewilligt wurde. Seit Februar 1969 lebte Erwin Weit „im Westen“, wie der Verlag schreibt. Seinen genauen Aufenthaltsort wollte er offenbar nicht preisgeben.

Erwin Weit
Erwin Weit im Juli 1955 zum ersten Mal als Dolmetscher bei Regierungsbesuchen. Von links: der polnische Ministerpräsident Józef Cyrankiewicz, Erwin Weit, DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, ein Mitglied der DDR-Delegation und Aleksander Zawadzki, der damalige polnische Staatspräsident.

In einem der ersten Kapitel schildert Weit, wie er zum Dolmetschen kam:

Es begann im Sommer 1954. In Warschau sollte ein internationaler Architekten-Kongreß stattfinden. Da es damals in Polen keine professionellen Simultan-Übersetzer gab, suchte das Organisationskomitee fieberhaft nach Leuten mit entsprechenden Sprachkenntnissen, die als Kabinen-Dolmetscher arbeiten konnten. Natürlich hätte man auch auf hauptberufliche Simultan-Dolmetscher aus der Schweiz und anderen westeuropäischen Ländern zurückgreifen können. Aber nur wenige von ihnen sprachen Polnisch, außerdem waren sie teuer und hätten dazu auch noch in harten Devisen honoriert werden müssen.

Das Organisationskomitee lud unter vielen mehrsprachigen Personen auch mich zum Probeübersetzen ein, um mit Hilfe einer provisorisch eingerichteten Simultananlage die möglicherweise im Verborgenen schlummernden Talente ausfindig zu machen. Irgend jemand las einen beliebigen Text aus einer Zeitung vor, der dann direkt in eine andere Sprache zu übersetzen war. Da mir das auf Anhieb fließend und fehlerfrei gelang, bestand ich die Probe und wurde sofort als Simultan-Dolmetscher für Polnisch-Deutsch und Deutsch-Polnisch anerkannt.

Ich selbst knüpfte an diese „Prüfung“ zunächst keinerlei Zukunftspläne, im Gegenteil. Damals arbeitete ich als Journalist in der Redaktion der Warschauer Tageszeitung „Trybuna Mazowiecka“. Ich glaubte, meine Übersetzertätigkeit werde sich auf diese Veranstaltung beschränken.

Hätte ich damals geahnt, was in Zukunft als Resultat dieses kurzen, kaum 15 Minuten dauernden Experimentes alles auf mich zukommen sollte, würde ich vor lauter Lampenfieber bestimmt kein einziges Wort hervorgebracht haben.

Der Architektenkongreß verlief, was das Übersetzer-Team anlangte, reibungslos. Die Teilnehmer lobten die Dolmetscher, die in kleinen, engen Kabinen saßen und die Reden im Saal […] fließend übertrugen.

[…] In den nächsten Wochen und Monaten wandten sich andere Institutionen, die ähnliche Veranstaltungen planten, an das Organisationskomitee der Architekten und baten um die Namenslisten der Übersetzer. So wurde man „von Hand zu Hand“ weitergereicht.

Erwin Weit
Der polnische Parteichef Władysław Gomułka begrüßt Walter Ulbricht auf dem Flughafen Okecie. Erwin Weit dolmetscht.

Dass Ausgangstexte viel später als versprochen und erst in letzter Minute geliefert werden, kommt auch auf höchster Ebene vor:

Ich erhielt sie [die Texte] erst um fünf Uhr nachmittags. Am nächsten Tag sollte ich schon in den frühen Morgenstunden mit den fertig übersetzten und abgeschriebenen Dokumenten am Flughafen sein. An diesem Tage schlug ich meinen eigenen Übersetzerrekord. 40 Seiten in 5 Stunden. Um 22 Uhr war ich fertig.

Erwin Weit
Weit (links) dolmetscht ein vertrauliches Tischgespräch zwischen Gomułka und Ulbricht.

Interessant sind die Hinweise Weits, dass von der polnischen Führung Übersetzungen je nach Zielgruppe absichtlich verfälscht wurden. Meist für die polnische oder deutsche Presse, aber auch im Rahmen der parteiinternen Machtkämpfe in Polen:

Ich blätterte weiter. Hier und da fehlten im Polnischen ein Wort oder ein halber Satz, so zum Beispiel, als der Geistliche Maximilian Kolbe erwähnt wurde. Der Hinweis, daß er „im KZ Auschwitz sein Leben für seine Mitbrüder freiwillig hingab“, fehlte im polnischen Text. Wurde in der deutschen Fassung auf eine neuerrichtete Kirche hingewiesen, so suchte ich in der polnischen das Wort „neuerrichtete“ vergeblich.

Ich stieß auch auf offensichtlich tendenziöse Übersetzungsfehler. War im deutschen Text von „Vertriebenen“ die Rede, hieß es im polnischen „Umsiedler“; bekannten die polnischen Bischöfe in der deutschen Fassung, „wir waren alle machtlos“ während der Besatzungszeit gewesen, hieß es im polnischen Text „unschlüssig“ (bezradni) oder, etwas anders übersetzt, „ratlos“. An einigen Stellen der polnischen Version hatten die Bearbeiter tendenziös bestimmte Worte ausgelassen, an anderen Stellen Worte hinzugefügt, die im deutschen Text nicht vorkamen.

Ähnliche Manipulationen gab es auch bei offiziellen Berichten an die Parteispitze; zum Beispiel nach Sondierungsgesprächen, die Helmut Schmidt 1966 in Polen führte. Die SPD wurde darin fälschlich als Befürworterin einer Nuklearbewaffung der Bundeswehr dargestellt.

Erwin Weit
Erwin Weit (Mitte) dolmetscht für den polnischen Parlamentsvorsitzenden Wycech in Wien. Rechts der österreichische Nationalratspräsident Dr. Maletta.

Hinzu kommen diplomatische oder ideologische Spitzfindigkeiten, die einem Übersetzer den letzten Nerv rauben können:

Dabei verlangten sie [die DDR-Funktionäre] mit ihrer penetranten politischen Haarspalterei die üblichen Korrekturen: Aus der „Kiesinger-Brandt-Regierung“ wollten die Gastgeber unbedingt nach der damaligen DDR-Sprachregelung eine „Kiesinger-Strauß-Regierung“ machen. Statt „Bevölkerung der DDR“ sollte es „Volk der DDR“ heißen.

In den Ansprachen, die Kulczynski und Wende halten sollten, beanstandeten die LDPD-Gesprächspartner den Ausdruck „Bundesrepublik Deutschland“; sie wünschten statt dessen die „Deutsche Bundesrepublik“.

Im Klappentext heißt es zum Buch Weits:

Von den gängigen, sensationell aufgemachten „Enthüllungen“ aus dem Ostblock unterscheidet sich das Buch Erwin Weits durch kritische Objektivität, Sachlichkeit und unbestreitbare Authentizität.

Schon vor Erscheinen des Buchs Auszüge im Spiegel veröffentlicht

Erwin Weits Erinnerungen wurden im Westen als Augenzeugenbericht von hinter dem Eisernen Vorhang mit großem Interesse aufgenommen, wie auch die Übersetzungen ins Englische, Italienische und Dänische zeigen. Schon vor Erscheinen des Buchs veröffentlichte der Spiegel Auszüge. Das Blatt schreibt in seiner Ausgabe vom 16.08.1970 dazu:

Im vergangenen Jahr erhielt der polnische Journalist Erwin Weit die Erlaubnis, nach Israel auszuwandern, als Zionist, als – nach seinen Zitaten öffentlicher Propaganda – „Verräter und Umstürzler, Wühler im Solde des internationalen Judentums und des mit den ärgsten Naziverbrechen liierten Staates Israel“. Nun erst, im Freien, mochte er schreiben, was er in dreizehn Jahren erlebt hatte, bis dahin keinesfalls als Staatsfeind, sondern gesuchter Fachmann: Weit, 1928 in Wien geboren, 1957 Parteisekretär des polnischen Journalistenverbandes, war Dolmetscher des Warschauer Politbüros, des Staatsrates und der Regierung.

Er war dabei, als sein Chef Wladyslaw Gomulka mit Walter Ulbricht und Willi Stoph verhandelte, er sass am Tisch, an dem der sowjetische Parteichef Breschnew über Differenzen im Kreml sprach, er war Teilnehmer der Warschauer Geheimkonferenz, in der fünf Mächte des Ostblocks den Schlag gegen Dubcek vorbereiteten. Der Ton, der zwischen den Ostblock-Partnern bei diesen Gelegenheiten herrschte, weicht selbstverständlich von den offiziellen Kommuniqués ab. Was und wie aber tatsächlich gesprochen wurde, kommt nun zum erstenmal ans Licht; es mag in Teilen sensationell sein. In drei Folgen veröffentlicht der SPIEGEL Auszüge aus Weits Buch, das im September bei Hoffmann und Campe erscheinen soll […].

Über weiteren Lebensweg nichts bekannt

Während bei Dolmetschern meist eine Begeisterung für die Arbeitssprachen einschließlich Land und Leuten überdeutlich zu spüren ist, kommt das bei Weit nicht zum Ausdruck. Dass ihn das Schicksal als Kind nach Polen verschlagen hat, nahm er hin und versuchte, das Beste daraus zu machen. Geliebt hat er das Land wohl nicht, denn seine Beschreibungen wirken ungewöhnlich distanziert.

Man gewinnt den Eindruck, dass er als zugewanderter Österreicher und Jude in Polen nie richtig heimisch wurde, stets ein Außenseiter blieb und letztendlich am real existierenden Sozialismus zerbrochen ist.

Über den weiteren Lebensweg von Weit ist nichts bekannt. Zum Zeitpunkt seiner Ausreise war er erst 39 Jahre alt, heute wäre er 94. Dass er im deutschen Sprachraum keine Spuren als Journalist, Sprachmittler oder Dozent hinterlassen hat, deutet darauf hin, dass er womöglich tatsächlich nach Israel ausgewandert ist und dort ein neues Leben begonnen hat.

Bibliografische Angaben

  • Erwin Weit (1970): Ostblock intern – 13 Jahre Dolmetscher für die polnische Partei- und Staatsführung. Hamburg: Hoffmann und Campe. 274 Seiten mit 22 Fotos und einem Personenregister, ISBN 3-455-08130-4. Das Buch ist vergriffen, kann aber problemlos antiquarisch erworben werden, zum Beispiel über ZVAB.com.
Erwin Weit, Übersetzungen
Die britische und die italienische Ausgabe von Weits Buch.

Weitere Ausgaben:

  • 1970 Englisch: Eye witness – The autobiography of Gomulka’s interpreter. London: André Deutsch.
  • 1971 Italienisch: La Polonia in crisi. Mailand: Rizzoli.
  • 1971 Dänisch: Østblokken bak kulissene – 13 år som tolk for den polske stats- og partiledelse.
  • 1973 Englisch (USA?): At the Red Summit – Interpreter behind the Iron Curtain. Macmillan.

Richard Schneider

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