Fremdsprachendidaktiker Prof. Piske: „Für Emotionen nutzen wir meistens die Muttersprache“

Thorsten Piske
Prof. Dr. Thorsten Piske hat an der FAU Nürnberg-Erlangen den Lehrstuhl für Fremdsprachendidaktik mit Schwerpunkt Didaktik des Englischen inne. - Bild: Giulia Iannicelli (FAU)

Warum die Muttersprache nicht zwangsläufig die Sprache ist, die wir am besten sprechen, erklärt Prof. Dr. Thorsten Piske vom Lehrstuhl für Fremdsprachendidaktik mit Schwerpunkt Didaktik des Englischen an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) im Interview.

Kann man eine Fremdsprache jemals so gut sprechen wie die eigene Muttersprache?

Ja, unter bestimmten Bedingungen ist das möglich. „Muttersprache“ ist der gängige Begriff für die Sprache, die wir als erstes lernen, in der Spracherwerbsforschung wird daher gewöhnlich auch der Begriff „Erstsprache“ verwendet.

Vergleicht man also die Kenntnisse der Muttersprache mit denen einer Fremdsprache, ist die Muttersprache meistens deutlich stärker. Es gibt aber Situationen, in denen sich das umkehrt oder in denen die Fremdsprache gleich stark wie die Muttersprache wird.

Das kann insbesondere dann passieren, wenn man in ein anderes Land zieht und die Fremdsprache zur Zweitsprache wird. Jetzt wird deutlich, warum wir von Erst- und Zweitsprache sprechen. Zweitsprache bedeutet, dass sie die gängige Umgebungssprache ist und im Gegensatz zu einer Fremdsprache dann praktisch auch in allen Alltagssituationen verwendet wird.

Wird die Muttersprache gleichzeitig nicht mehr so häufig gebraucht, wird sie schwächer, in der Forschung nennen wir das „Attrition“. Auf einmal macht man zum Beispiel Grammatikfehler oder sucht lange nach Wörtern.

Hierbei gibt es natürlich viele unterschiedliche Möglichkeiten: Zum Beispiel können sich mündliche und schriftliche Sprachkenntnisse deutlich unterscheiden. Bei Kindern mit Migrationshintergrund gibt es häufiger den Fall, dass sie ihre Muttersprache fließend sprechen, sie aber schriftlich nicht ganz so gut oder auch gar nicht beherrschen.

Aber ist mit der Muttersprache nicht noch viel mehr verbunden als nur die „Übung“? Wie zum Beispiel Kinderlieder, die man nach wie vor in der Muttersprache im Kopf hat?

Sie sprechen da das Thema „Emotionen“ an, das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Selbst wenn wir im Ausland leben, drücken wir Emotionen oft in der Muttersprache aus – zum Beispiel, wenn wir fluchen. Doch auch das ist von der Intensität des Sprachkontakts abhängig und kann sich ändern.

Derzeit begleiten wir wissenschaftlich den Schulversuch „Bilinguale Grundschule Französisch“ in Bayern und führen auch eine Anschlussuntersuchung zum ehemaligen Schulversuch „Bilinguale Grundschule Englisch“ durch. Hier werden Fächer wie Mathematik oder Sachunterricht teilweise in einer Fremdsprache unterrichtet. Wir untersuchen sowohl die Englisch- und Französischkenntnisse der Kinder als auch deren Deutschkenntnisse.

Besonders bei Kindern mit Migrationshintergrund wird dabei oft befürchtet, dass sich der frühe intensive Kontakt zu einer Fremdsprache negativ auf deren Deutschkenntnisse auswirkt. Diese Befürchtung hat sich in unseren Untersuchungen zum bilingualen Unterricht aber nicht bestätigt. Im Gegenteil: Mehrsprachigkeit wird durch ihn wirksam gefördert.

Um zurück zu den Emotionen zu kommen: Einige Lehrkräfte haben berichtet, dass sie zwar konsequent auch außerhalb des Unterrichts mit den Kindern in einer Fremdsprache sprechen, wenn es aber darum geht, ein Kind zu trösten, verwenden sie Deutsch, andere Lehrkräfte bleiben in der Fremdsprache und betonen, dass die verwendete Sprache beim Trösten weniger wichtig ist und es vor allem auf Zugewandtheit ankommt.

Und kann eine Fremdsprache auch Auswirkungen auf die Muttersprache haben?

Ja, dass eine Fremdsprache stärker wird, kann sich nicht nur wie eingangs erklärt in Bezug auf die Grammatik zeigen, etwa, wenn wir den Satzbau des Englischen für das Deutsche übernehmen. Auch in Aussprache und Intonation bzw. Sprachmelodie kann eine Fremdsprache „durchschlagen“. Wir sprechen unsere Muttersprache langsamer als üblich oder übernehmen die für eine andere Sprache typische Sprachmelodie. Das hört man nicht nur, sondern es lässt sich auch über akustische Messungen im Detail nachweisen.

Spricht das dann dafür, dass man besonders sprachbegabt ist, wenn eine Fremdsprache so schnell dominant wird?

Das würde ich Ihnen gerne bestätigen, aber das ist leider noch zu wenig erforscht. Wir wissen inzwischen, dass es so etwas wie eine Sprachlernbegabung tatsächlich gibt, aber leider noch nicht, woher sie kommt, ob sie zum Beispiel angeboren ist.

Es zeigt sich, dass eine musikalische Begabung beim Fremdsprachenerwerb vorteilhaft sein kann, allerdings wohl besonders dann, wenn sogenannte Tonsprachen gelernt werden. Das sind Sprachen wie das Chinesische, bei denen sich mit einer Änderung der Tonhöhe oder des Tonverlaufs auch die Bedeutung des Worts verändert.

Und ein kleiner Trost für alle, die denken, sie seien nicht sprachbegabt, weil sie alles vergessen haben, was sie zum Beispiel im Französischunterricht in der Schule gelernt haben: Eine einmal erlernte Fremdsprache kann relativ schnell zurückkommen, wenn der Sprachkontakt wiederhergestellt wird. Das nennen wir „Reaquisition“ oder Wiedererwerb.

Blandina Mangelkramer (FAU)