Preis des Johann-Heinrich-Voß-Literaturhauses der Stadt Penzlin geht an Doris Wille

Johann Heinrich Voß
Johann Heinrich Voß. Gemälde von Georg Friedrich Adolph Schöner (1797), Gleimhaus Halberstadt, gemeinfrei.

Am 29. März 2026, dem 200. Todestag des großen Übersetzers Johann Heinrich Voß wurde im Rahmen einer Festveranstaltung im Johann-Heinrich-Voß-Literaturhaus in Penzlin (Mecklenburgische Seenplatte) der Preis für Übersetzungen aus dem Griechischen ins Deutsche an Doris Wille vergeben.

Wille erhält die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung für ihre Übertragung des Essays Die Nadeln des Aufstands – Eine Kulturgeschichte des Strickens von Katerina Schiná. Die deutsche Ausgabe (4. Auflage 2022) ist beim Verlag Edition CONVERSO erschienen.

Wille: „Griechische Literatur hat es auf dem deutschen Buchmarkt sehr schwer“

Doris Wille wurde 1958 in Warburg geboren und lebt heute in Griechenland auf der Insel Kefalonia. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte und absolvierte ein Aufbaustudium in Journalistik und Öffentlichem Recht. Außerdem ist sie staatlich geprüfte Übersetzerin.

„Das Übersetzen griechischer Literatur ist zwar ein sehr schönes Metier, aber auch ein sehr mühsames und oft auch frustrierendes Geschäft“, so die Preisträgerin. „Da am Ball zu bleiben, da gehört schon viel Idealismus dazu oder um es ein bisschen altmodisch zu sagen: Man muss von der Sache beseelt sein.“

2026: 275. Geburtstag und 200. Todestag von Voß

Gestiftet hat den mit 5.000 Euro dotierten Preis Bernd-Albrecht von Maltzan. Er möchte damit den griechisch-deutschen Kulturaustausch fördern.

Die Ehrung in Penzlin ist zugleich Auftakt zum „Voss-Jahr“. 2026 jährt sich nicht nur der 200. Todestag, sondern auch der 275. Geburtstag des überragenden Übersetzers und Schriftstellers. Durch die erstmals vollständige Übersetzung von Klassikern wie der Odyssee war Johann Heinrich Voß für den deutschen Sprachraum der entscheidende Vermittler der griechischen Antike.

Kein Sachbuch, sondern ein literarischer Essay

Die Fachjury entschied sich einstimmig für Willes Übersetzung. Das Gremium bestand aus Dr. Ulf-Dieter Klemm, Birgit Hildebrand und Dr. Konstantinos Kosmas sowie Dr. Freiherr von Maltzan, dem Bürgermeister der Stadt Penzlin Sven Flechner und der Museumsleiterin des Literaturhauses, Dr. Ivonne Burghardt.

In seiner Laudatio hob Dr. Klemm hervor:

Vor einigen Jahren entdeckte ich im Katalog des Converso-Verlags die Ankündigung von Katerina Schinás Buch Die Nadeln des Aufstands – Eine Kulturgeschichte des Strickens. Ich gestehe, dass mich trotz meines großen Interesses am griechisch-deutschen Literaturaustausch diese Ankündigung gleichgültig ließ. Ich gehöre nicht zur Gattung der strickenden, häkelnden oder webenden Männer und konnte mich spontan nicht für eine Kulturgeschichte des Strickens erwärmen.

Dann begegnete ich dem Buch letztes Jahr wieder. Als Mitglied der Fachjury für den Penzliner griechisch-deutschen Übersetzerpreis habe ich mich mit ihm diesmal auseinandergesetzt und erkannt, wie ahnungslos ich gewesen war.

Das Buch ist ein literarischer Essay, eine Reflexion anhand der eigenen Biografie der Autorin über den Prozess des Strickens, Häkelns und Flechtens in der griechischen und internationalen (Ideen)-Geschichte, in Wirtschaft, Technik, bildender Kunst, Literatur und Philosophie.

Das Buch wurde 2015 mit dem Großen Griechischen Staatspreis für Literatur in der Kategorie „Essay-Kritik“ ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung, mittlerweile in vierter Auflage erschienen, wurde 2021 in die Sachbuch-Bestenliste von ZDF, Deutschlandfunk Kultur und Die Zeit aufgenommen, eine Ehre, die dem Buch einer in Deutschland unbekannten griechischen Autorin, erschienenen in einem Kleinverlag, selten zuteilwird.

Die Autorin Katerina Schiná, auch Journalistin, Literaturkritikerin und Übersetzerin angelsächsischer Literatur legt in acht Kapiteln mit einer poetischen Nachlese ein geist- und kenntnisreiches Buch vor über die Bedeutung des Strickens und Häkelns in Geschichte, Literatur, bildender Kunst, Musik und den Wissenschaften bis hin zu Umweltpolitik, stochastischer Mathematik, hyperbolischer Geometrie und Chaostheorie.

Katerina Schinàs verknüpft das Thema mit knapp erzählten autobiografischen Geschichten. Sie öffnet einem Lesepublikum, das möglicherweise am Thema Stricken nicht sonderlich interessiert ist, einen spannenden Einblick in eine unerwartete Welt der Fäden und der Wolle, auf hohem sprachlichem Niveau und gewürzt mit Humor.

Es ist das Verdienst von Doris Wille, der Übersetzerin und Herausgeberin der deutschen Fassung, diesen amüsanten, lehrreichen und literarisch verdichteten Text kongenial ins Deutsche übersetzt zu haben.

So hat sie den auf Griechisch eher harmlos klingenden Buchtitel Καλή και ανάποδη. Ο πολιτισμός του πλεκτού (auf Deutsch etwa: Zwei rechts, zwei links – Die Kultur des Strickens) in ihrer Übersetzung geändert, indem sie die Überschrift des dritten Kapitels, „Die Nadeln des Aufstands“ zum Buchtitel machte.

Die Übersetzerin hat besondere Mühe darauf verwandt, sämtlichen Hinweisen und Quellen nachzugehen, die jeweils existierenden deutschen Publikationen herauszusuchen und zu dokumentieren.

Die Fachjury ist sich einig, dass sich die Kriterien für die Beurteilung einer Übersetzung nicht allein aus der Betrachtung des deutschen Textes ergeben, sondern dass auch der Umfang der Vorarbeit, die Erschließung von historischen, kulturellen und sprachlichen Hintergründen des Originals, die Reflexion über die Probleme des Transports von der Ausgangs- in die Zielsprache sowie das Gesamtbild bzw. die editorische Sorgfalt von Bedeutung sind.

Die Entscheidung der Fachjury, Frau Doris Wille als Preisträgerin vorzuschlagen, beruht auf folgenden Erwägungen:

Der deutsche Text liest sich trotz teilweise komplizierter Sachverhalte flüssig und mühelos, ohne dass der Originaltext durchscheint.

In einer zweiseitigen, elegant formulierten Anmerkung misst die Übersetzerin die verschiedenen Dimensionen des griechischen Verbs „pleko“ = stricken aus und macht klar, dass sich die Wortfelder des deutschen und des griechischen Begriffs nur teilweise decken. Auf diese Weise habe ich auch erfahren, dass es im Griechischen kein eigenes Verb für häkeln gibt. Man strickt in Griechenland stattdessen mit „der kleinen Nadel“.

Doris Wille hat nicht einfach die Bibliografie des Originals übernommen, sondern jeweils die deutschen Titel etwaiger Übersetzungen angegeben sowie die Bezüge und Zitate sorgfältig aufgeschlüsselt.

Anders als im Original hat die Übersetzerin, die auch als Herausgeberin auftritt, einen Index der im Buch genannten Kunstwerke erstellt, wobei sie eine eigene Auswahl getroffen hat. Während das Original weitgehend kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotos und -illustrationen aufweist, zeigt die deutsche Ausgabe farbige, meist ganzseitige Abbildungen, die den Text wirkungsvoll ergänzen oder unterstreichen. So z. B. das Foto der gehäkelten Darstellung der Lorenz’schen Mannigfaltigkeit, bei der ein Computer-Algorithmus als Häkelvorlage benutzt wurde.

Bemerkenswert ist auch ein Bild des griechischen Malers Nikolaos Gyzis aus dem Jahr 1882, das die Herausgeberin entdeckt hat. Es zeigt einen strickenden Großvater mit einem Enkelkind im Arm und weist einen besonderen griechisch-deutschen Bezug auf. Der Maler ist ein bekannter Künstler der sogenannten Münchner Schule der griechischen Malerei im 19. Jahrhundert. Nach der griechischen Staatsgründung 1831 gingen einige griechische Studenten an die Kunstakademie in München. So erklärt sich, dass der Großvater lederne Kniehosen trägt und vor einem Kachelofen sitzt, zwei Dinge, die es in Griechenland bis heute nicht gibt.

Doris Wille hat mit all dem eine Publikation geschaffen, die die griechische Originalausgabe originell erweitert.

Das Buch ist – anders als im Original – mit einem Index der im Buch genannten Kunstwerke, einem Namensregister sowie einem Bildquellen- und Textquellenverzeichnis versehen.

Mit knappen Ergänzungen im Text oder in Fußnoten erklärt die Übersetzerin Begriffe, die einem griechischen, aber in der Regel nicht einem deutschsprachigen Lesepublikum vertraut sind. In einem Fall korrigiert sie sogar einen Fehler im Original. Er betrifft das Geschlecht des britischen Keramikers Julian Stair, was zeigt, dass die Übersetzerin den Ausgangstext nicht blind übernommen, sondern sorgfältig geprüft hat.

Der Text enthält auch mehrere Gedichte, darunter von Pablo Neruda und Emily Dickinson. Einige davon, z. B. „Lobpreis der Nadel“ von John Taylor von 1631 hat die Übersetzerin sehr überzeugend gereimt übersetzt. Darin der schöne Vers: „Der Nadeln Spitze bringt Vorteil und Spaß / Spitze Zungen sticheln jedoch ohne Maß“. […]

Die Übersetzung gereimter Gedichte ist eine besondere Herausforderung, die oft schief geht. Nicht so bei Doris Wille.

In anderen Fällen hat sie eigens die Lyrikerin Alissa Walser um Übersetzungen gebeten.

Wegen der besonderen Qualität des Originaltextes, wegen der exzellenten deutschen Übersetzung sowie der herausragenden editorischen Sorgfalt der Übersetzerin und Herausgeberin entschied die Fachjury einstimmig, Doris Wille für den Übersetzerpreis vorzuschlagen. Diesem Votum ist die Jury gefolgt.

Richard Schneider