Der seit 2014 andauernde Krieg um die Ukraine zwischen Russland und der EU/NATO ist auch ein Krieg der Sprachen. In den von Russland besetzten Gebieten wird die ukrainische Sprache verbannt. Und die ukrainische Regierung setzt alles daran, in ihrem Einflussgebiet die russische Sprache auszumerzen, obwohl sie die Muttersprache von gut einem Drittel der Ukrainer ist.
Der in Charkiw/Charkow lebende russischsprachige ukrainische Schriftsteller Sergei Gerasimow beschreibt in der Neuen Zürcher Zeitung die aktuelle Situation und wahrscheinliche Zukunft der russischen Sprache in der Ukraine.
Überschrift: „Alles steuert auf einen Punkt zu, an dem vom Russischen in der Ukraine nur noch ein Baumstumpf übrig bleibt“. Untertitel: „Kiew will Ukrainisch zur Einheitsspache machen und verkennt dabei die Realität des Alltags“.
Gerasimow verurteilt den russischen Einmarsch scharf, möchte aber – wie viele andere Ukrainer – auf seine Muttersprache Russisch nicht verzichten.
„Russische Sprache stirbt wie ein Baum“
Einige Auszüge:
Wir Ukrainer wissen nur zu gut, dass unsere Regierung, welche die ukrainische Sprache im Fernsehen so sehr hochhält, in Wirklichkeit Russisch spricht, wenn es unnötig scheint, irgendjemandem Sand in die Augen zu streuen.
Und das gilt nicht nur für die Regierung.
40 Prozent der ukrainischen Schulkinder sprechen in den Pausen untereinander Russisch. In Kiew liegt dieser Anteil sogar noch höher: bei 82 Prozent. In Charkiw bin ich noch niemals auf Kinder oder Jugendliche gestossen, die sich ungezwungen auf Ukrainisch unterhalten haben. Sie alle beherrschen die ukrainische Sprache perfekt und haben kein Problem, sich mit ihren Lehrern auf Ukrainisch zu verständigen – so wie es das Gesetz vorschreibt. Für sie ist Ukrainisch – genau wie für Politiker, die es lieben, in der Öffentlichkeit Ukrainisch zu sprechen, Klandestines aber auf Russisch aushandeln – wie ein Passfoto: Es existiert nur, um es dem Staat vorzuzeigen. Russisch dagegen ist wie ein Instagram-Foto: Es ist für einen selbst und die Freunde da. […]
Mindestens 40 Prozent der heranwachsenden Ukrainer lernen eine Sprache [Ukrainisch], sprechen sie aber nicht. Sie sprechen eine andere Sprache, die ihnen aber nicht vermittelt wird. Dies führt nicht zum horizontalen, sondern zum vertikalen Verschwinden des Russischen.
Die russische Sprache stirbt wie ein Baum. Zuerst verkümmern die obersten Äste: Kultur und insbesondere Literatur; die Fähigkeit, feine Nuancen des Denkens auszudrücken; komplexe grammatikalische Strukturen, das Tiefenverständnis der Sprache und ihr reichhaltiger Wortschatz. Was übrig bleibt, ist der Unrat russischer Schimpfwörter, die mittlerweile sogar aus dem Mund des Präsidenten und seiner Lieblingsminister zu vernehmen sind. Und natürlich verdorren auch die Wurzeln des Baumes: Buchverlage, Zeitungen, Zeitschriften, Bibliotheken.
Alles steuert auf einen Punkt zu, an dem von der russischen Sprache in der Ukraine am Ende nur noch ein verfaulter Baumstumpf übrig bleibt, der nicht mehr entwurzelt werden kann: eine Sprache, die nur noch zum Fluchen oder zum Flüstern verwendet wird. […]
Die Ukraine ist ein unangenehmes Land, in dem der Staat sich wie ein tumber Bildhauer verhält, der von bestimmten Ideen besessen ist, die Menschen wie einen Marmorblock behandelt und glaubt, das Recht zu haben, sie in jede Form zu meisseln, die ihm passt. Der Staat masst sich nicht nur das Recht dazu an, sondern er betrachtet es gar als seine Pflicht. Das macht den ukrainischen Staat zwar nicht furchterregend oder lebensbedrohlich, aber es bewirkt, dass sich viele von ihm entfremden. […]
Aus irgendeinem Grund wird, wenn zum Thema wird, warum nicht jeder aufs Ukrainische umsteigt, die naheliegendste – und subversivste – Erklärung nie erwähnt: dass Russisch für manche schlicht die Sprache ihres Herkommens ist. So einfach ist das. Ukrainisch ist die Amtssprache, was nicht dasselbe ist wie die Muttersprache. […]
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Richard Schneider
