„Ich kann nicht mehr!“ Gaddafi-Dolmetscher kollabiert in UNO-Vollversammlung

„“Gaddafi redet Übersetzer k.o.““, meldet der Schweizer Blick. „„Die Tiraden Gaddafis überforderten ihn: Der Dolmetscher kollabierte““, heißt es auf oe24.at. Der Focus fragt sich: „„Übersetzer vom Wortschwall erschlagen?““ NBC verkündet: „Khaddafy’s Rant Caused Translator Meltdown.“ Was war denn da los?

Gaddafi bringt eigene Dolmetscher mit und brüskiert UNO-Dolmetscher

Muammar al-GaddafiFür seine erste Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York hatte Libyens Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi (67) einen eigenen Arabisch-Englisch- und einen Arabisch-Französisch-Dolmetscher mitgebracht. Begründung: Er wolle in einem Dialekt sprechen, den nur libysche Dolmetscher verstehen könnten.

Damit stieß Gaddafi den elitären Dolmetschdienst der Vereinten Nationen vor den Kopf, der allein für Arabisch 25 erfahrene Simultandolmetscher in seinen Reihen hat. Außerdem stellte sich heraus, dass Gaddafi seine Rede keineswegs in einem Dialekt, sondern auf Hocharabisch vortrug.

Rede dauert 95 statt 15 Minuten

Geplant war eine kurze Ansprache von 15 Minuten Dauer, die ein einzelner und gut vorbereiteter Simultandolmetscher problemlos bewältigen kann. Allerdings redete sich Gaddafi seinen Frust von der Seele und kam letztendlich erst nach 95 Minuten zum Schluss. Dass er vom Leiter der Vollversammlung für die Überziehung nicht zur Ordnung gerufen wurde, lag daran, dass Libyen dieses Jahr turnusgemäß den Vorsitz führt.

„Dolmetscher: „Ich kann einfach nicht mehr!““

Muammar al-GaddafiWährend der Arabisch-Englisch-Dolmetscher zu Beginn der Rede noch ruhig und gelassen spricht, wirkt er im weiteren Verlauf gehetzt und überfordert. Insgesamt hat er drei längere Aussetzer, bei denen er den Faden verliert. In einigen Sprechpausen kann man ein leises Stöhnen vernehmen. Nach 90 Minuten scheint er dann am Ende seiner Kräfte zu sein.

„“Ich kann einfach nicht mehr!““, soll er laut New York Post auf Arabisch ins offene Mikrofon gerufen haben. („I just can’t take it any more,“ Khadafy’s interpreter shouted into the live microphone – in Arabic.) Das stimmt jedoch nicht, wie der auf Youtube verfügbare Mitschnitt der MSNBC-Direktübertragung belegt. Wahrscheinlicher ist, dass er den Kollegen in der Kabine signalisierte, ihn doch bitte abzulösen.

UNO-Dolmetscherin springt ein

Es folgte ein halbwegs professionell durchgeführter fliegender Wechsel zur UNO-Dolmetscherin Rasha Ajalyaqeen (siehe Videodokumentation Teil 9, Minute 5:44). Die Leiterin der arabischen Kabine dolmetschte die verbleibenden fünf Minuten locker, flockig und gut gelaunt. Jedenfalls kicherte sie ins Mikrofon, als Gaddafi verächtlich eine Nahost-Broschüre aufs Pult des Präsidiums warf. Ajalyaqeen fiel das Dolmetschen deutlich leichter als dem vor ihr mit starkem Akzent sprechenden libyschen Kollegen.

Randbemerkung: Die New York Post meldete, dass der Dolmetscher nach 75 Minuten zusammengebrochen sei und die UNO-Dolmetscherin dann die restlichen 20 Minuten übernommen habe. Alle anderen Medien haben diese Daten ungeprüft bei der Post abgeschrieben. Sie sind jedoch falsch, wie der Videomitschnitt von Gaddafis Rede zeigt. Der libysche Dolmetscher warf erst nach 90 Minuten das Handtuch, die UNO-Kollegin übernahm die verbleibenden 5 Minuten.

Kollaps nach 90 Minuten Dauerdolmetschen

Muammar al-GaddafiGaddafis Dolmetscher soll, nachdem sein Mikrofon geschlossen war, vor Erschöpfung zusammengebrochen sein. „‚His interpreter just collapsed–this is the first time I have seen this in 25 years,‘ another U.N. Arabic interpreter told The Post.“

Tendenziöse Berichterstattung

Die westlichen Medien berichten überwiegend tendenziös über den Vorfall („„irre Endlos-Rede““, „„der Wüstensohn quasselte erbarmungslos drauflos““). Sie versuchen damit zu suggerieren, der Dolmetscher sei zusammengebrochen, weil er die „„Hasstiraden““ und das „„geisteskranke Geschwafel““ („insane ramblings“) des libyschen Revolutionsführers nicht mehr ertragen habe.

Diese These ist wenig plausibel, denn es handelte sich um Gaddafis Leibdolmetscher, den er aus Tripolis mitgebracht hatte. Diesem dürfte das Weltbild seines Vorgesetzten vertraut sein.

Inhaltlich stellt die Rede Gaddafis kein Problem dar. In ihr kritisiert er hauptsächlich den Weltsicherheitsrat als demokratisch nicht legitimierte Weltregierung und das einzelnen mächtigen Staaten zustehende Veto-Recht, welches Mehrheitsbeschlüsse verhindert.

Gaddafi schlecht vorbereitet und ohne Redemanuskript

Gaddafi ist kein guter Redner. Trotzdem sprach er schlecht vorbereitet und ohne Manuskript. Er orientierte sich lediglich an einem Wust aus Zetteln unterschiedlicher Formate, die vor ihm auf dem Rednerpult lagen.

Dadurch wirkte seine Argumentation häufig zusammenhanglos; man hatte Mühe, seinen Gedankensprüngen zu folgen. Andererseits war sie aber auch nicht konfuser und ermüdender als Parteitagsreden deutscher Politiker. „„Hasstiraden““ und „„geisteskrankes Geschwafel““ enthielt der Vortrag nicht.

Im Gegenteil: Gaddafi fand viele lobende Worte für den „„Sohn Afrikas““ (gemeint ist Barack Obama), der vor Kurzem ins höchste Amt der USA gewählt wurde. Die weltpolitischen Ansichten des libyschen Staatschefs und seine Vorschläge zur Reform der UNO sind nicht neu und entsprechen dem Standpunkt der ehemaligen so genannten blockfreien Staaten.

Aus der Sicht der ohnmächtigen Länder dieser Welt ist seine Argumentation nachvollziehbar, wofür ihm auch immer wieder zwischendurch applaudiert wurde.

Nicht der Inhalt, sondern die Dauer der Rede waren das Problem

Sich auf diesen Perspektivwechsel für die Dauer einer Rede einzulassen, kann für Dolmetscher nur interessant und intellektuell anregend sein. Hinzu kommen die unbestrittenen theatralischen Qualitäten des Revolutionsführers. So zerriss er mit großer Geste einige Seiten der UN-Charta, weil sie seiner Ansicht nach das Papier nicht wert ist, auf das sie gedruckt wurde. Am Redner und dem Inhalt seines Vortrags kann es also nicht gelegen haben, dass der Dolmetscher kollabierte.

Das Problem für Gaddafis Dolmetscher war, dass die Rede nicht wie geplant 15, sondern 95 Minuten dauerte und in der Kabine keine Ablösung vorgesehen war. Außerdem hatte der libysche Sprachmittler nicht die Klasse und die Erfahrung der UN-Dolmetscher. Dass er überhaupt 90 Minuten durchhielt, ist eine geradezu übermenschliche Leistung. Normalerweise wechseln sich bei Vorträgen dieser Art und Länge zwei Dolmetscher alle zehn bis zwanzig Minuten ab.

Die Rache der UNO-Dolmetscher

Muammar al-GaddafiGaddafi hat den Fehler gemacht, die Dolmetscher der UNO zu brüskieren, indem er eigene Sprachmittler mitbrachte. Gegenüber der New York Post erklärte ein UNO-Dolmetscher selbstbewusst: „This is the best team in the world.“ Und er nannte augenzwinkernd einen weiteren Grund, warum Staatschefs gut beraten seien, den UN-Dolmetschdienst zu nutzen: „Most heads of state prefer to use U.N. interpreters because then – no matter what happens – they can blame the interpreter.“

Die in ihrer Ehre verletzte Dolmetsch-Elite erzählte die peinliche Geschichte vom Zusammenbruch des libyschen Kollegen dann brühwarm der Presse, in diesem Fall der New York Post. Ein klarer Verstoß gegen das Verschwiegenheitsgebot in den berufsständischen Regelungen des UNO-Sprachendienstes und des internationalen Konferenzdolmetscherverbandes AIIC.

Lehrstück für Dolmetscherausbildung

Muammar al-GaddafiDer Vorfall ist auf jeden Fall ein Lehrstück. Er zeigt, dass man auch bei kurzen Vorträgen immer mindestens zwei sich abwechselnde Dolmetscher einsetzen sollte, dass der Redner seine Zeit nicht maßlos überziehen sollte und dass man niemals die Dolmetschtruppe des Veranstalters brüskieren sollte.

Außerdem wissen wir jetzt, wie lange ein einzelner Simultandolmetscher am Stück arbeiten kann, bis die Synapsen versagen: 90 Minuten. Man sollte dem bislang namenlosen libyschen Kollegen einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde widmen.

Ausbildungsinstitute für Konferenzdolmetscher täten gut daran, die unten aufgeführten Videos herunterzuladen und auf DVD zu sichern. Sie ließen sich dann bei Gelegenheit im Unterricht verwenden. (Ob das Material lange online verfügbar bleibt, ist fraglich.)

Videodokumentation: Die Rede von Muammar al-Gaddafi vor der UNO-Vollversammlung am 23.09.2009 in ihrer englischen Verdolmetschung

Teil 9 enthält bei Minute 5:44 den Wechsel vom libyschen Dolmetscher zur UNO-Dolmetscherin Rasha Ajalyaqeen.

Teil 1 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=VvOo5LK22sg
Teil 2 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=rD5IOPeAbc0
Teil 3 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=QjjICLYDKlg
Teil 4 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=Y0MxuRiDq10
Teil 5 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=c-u1TxWArzg
Teil 6 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=hpQ6aFqprds
Teil 7 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=E7PbMTVwlqw
Teil 8 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=4WXG–3l3q4
Teil 9 (10:58 Minuten): http://www.youtube.com/watch?v=Xe0eNHBORvE

[Text: Richard Schneider. Quelle: Blick, 2009-09-25; oe24.at, 2009-09-25; ORF, 2009-09-25; New York Post, 2009-09-24; NBC, 2009-09-24; Spiegel, 2009-09-26; Times; Focus, 2009-09-26; Süddeutsche Zeitung, 2009-09-26. Bild: UNO.]

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