Prof. Dr. Ingrid Kurz: Mrs. Apollo über das TV-Dolmetschen

Apollo 11Am 8. Juli 2011 hielt Prof. Dr. Ingrid Kurz von der Universität Wien in der Freitagskonferenz des Fachbereichs Translations-, Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim der Johannes Gutenberg-Universität Mainz einen Vortrag über das TV-Dolmetschen. Zudem plauderte sie ein bisschen aus dem Nähkästchen.

Kurz einige Angaben zur Person: Prof. Dr. Ingrid Kurz absolvierte ihr Übersetzer-/Dolmetscher- und Psychologiestudium an der Universität Wien und verfasste ihre Dissertation über das Thema Der Einfluss der Übung und Konzentration auf simultanes Sprechen und Hören. Seit dem Jahr 1965 ist sie als freiberufliche Konferenzdolmetscherin tätig und seit 1968 regelmäßig als Dolmetscherin bei Live-Sendungen des Österreichischen Rundfunks (ORF) zu sehen und zu hören. Ihren ersten Einsatz beim ORF hatte sie bei den US-Präsidentschaftswahlen, aus denen der Republikaner Richard Nixon als Sieger hervorging. 1969 dolmetschte sie die erste Mondlandung der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA. Nach all den Jahren, die seitdem vergangen sind, wird sie immer noch als die „Mondfrau“ bzw. „Mrs. Apollo“ genannt. 1992 habilitierte sie (Venia docendi: Angewandte Dolmetschwissenschaft und Dolmetschdidaktik). Seit zahlreichen Jahren arbeitet sie als Professorin am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien mit folgenden Forschungsschwerpunkten: Konferenz- und Mediendolmetschen, kognitionspsychologische Aspekte des Dolmetschens, Geschichte des Dolmetschens.

In Bezug auf die Entwicklung des Mediendolmetschens berichtete Prof. Dr. Ingrid Kurz Folgendes:

Bereits in den 30er-Jahren wurden Dolmetscher im Hörfunk eingesetzt. Hans Jacob beispielsweise dolmetschte die Hitler-Reden. Mit der Zeit fanden immer mehr Dolmetscher in Österreich Beschäftigung beim Fernsehen. Die Dolmetscheinsätze haben sich insoweit ausgeweitet, als dass Live-Dolmetscher früher für Großereignisse (wie beispielsweise die US-Wahlen oder Mondlandung) engagiert wurden, nun aber ebenso in Bereichen wie Sport, Religion oder Unterhaltung Arbeit finden. Oftmals handelt es sich dabei um kurze Einsätze und damit häufig um fünf bis zehnminütige Interviews in einer Nachrichtensendung, in denen ein Fehler schneller auffällt als auf einer zweitägigen Konferenz. Der Dolmetscher kann sich in diesem Fall also nicht „warmreden“ oder „einhören“, sondern muss von Anfang 100 Prozent geben. Allerdings ist in Österreich eine eher rückläufige Tendenz der Dolmetscheinsätze im Fernsehen zu verzeichnen, da die Fernsehsprecher zum Teil über hervorragende Sprachkenntnisse verfügen und selbst übersetzen, wenn dies nötig ist.

Ein guter Fernseh-Dolmetscher steigert das Ansehen der Dolmetscher, da die „normale“ Bevölkerung sonst wenig mit Dolmetschern zu tun hat. Ist eine Verdolmetschung jedoch schlecht, hat dies viele negative Auswirkungen sowohl auf den Stand der Dolmetscher als auch auf die Kritiken. Journalisten scheuen sich nämlich nicht davor, Fehler zu kommentieren. Somit sind TV-Dolmetscher der Kritik der Medien, Zuschauer, Kollegen, Bekannten und Studierenden ausgesetzt. Insofern wird von einem Fernsehdolmetscher mehr erwartet als von einem Konferenzdolmetscher, da er bestimmte Erwartungshaltungen der Zuschauer wie zum Beispiel in Bezug auf eine angenehme Stimme, eine flüssige Rede, freies Sprechen, keine Versprecher oder Unterbrechungen sowie selbstverständlich grammatische Richtigkeit und eine akzentfreie Sprache erfüllen muss. „Ems“ oder Huster werden nicht toleriert. Ferner fordert das Publikum vom TV-Dolmetscher eine außergewöhnliche Schnelligkeit. Der zeitliche Abstand zwischen dem Original und der Verdolmetschung muss kurz sein. Ein großer time lag ist hier nicht erwünscht.

Eine weitere Schwierigkeit liegt zudem darin, dass die räumlichen Arbeitsbedingungen beim Dolmetschen für das Radio bzw. Fernsehen oft zu wünschen übrig lassen. Häufig sind keine normgerechten, schalldichten Kabinen vorhanden. Stattdessen stellt ein provisorisch umgestalteter Raum den Arbeitsplatz des Dolmetschers dar. Durch die räumliche Distanz zum Ort des Geschehens hat der Dolmetscher keinen Blickkontakt zum Redner und somit auch nicht die Möglichkeit, auf die Reaktionen des Publikums zu achten. Der Dolmetscher kann keine Kommunikationsgemeinschaft aufbauen, denn er sitzt in diesem Fall vor einem Bildschirm, auf dem er das Bild vor Augen hat, das auch der Zuschauer zu Hause im Fernsehen sieht: Ein kleines Bild, ohne eine Großaufnahme des Redners. Letzteres ist für einen Dolmetscher aber von großer Bedeutung und Hilfe, da allein die Mimik und Gestik des Sprechers oftmals Bände spricht.

Oder aber der Dolmetscher befindet sich mitten im Geschehen, d.h. im TV-Studio, wo auch die Fernsehübertragung stattfindet, und ist diversen visuellen und akustischen Störfaktoren ausgesetzt. Bei technischen Problemen ist der TV-Dolmetscher im Zwiespalt, da er dies nicht ohne Weiteres mitteilen kann, ohne die Live-Übertragung zu behindern. Aus diesem Grund schweigen die meisten Dolmetscher, um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen und versuchen, aus den Wörtern, die sie verstehen, einen Sinn herzustellen und die Zusammenfassung dessen zu dolmetschen. Bei einer TV-Verdolmetschung kommt es eher auf den Sinn als auf die Vollständigkeit an.

Ein weiterer Punkt, im dem sich das Medien- vom Konferenzdolmetschen unterscheidet, ist die häufig kurzfristige Bestellung der Dolmetscher sowie die ungewöhnlichen Arbeitszeiten wegen Zeitverschiebungen.
In diesem Zusammenhang können zwei verschiedene Einsatzfälle genannt werden:

  1. Ein Dolmetscher wird für ein bekanntes, geplantes Ereignis benötigt (z.B. Royal Wedding, Michael-Jackson-Begräbnis). Teilweise erhält der Dolmetscher Material zu der entsprechenden Rede/dem Vortrag.
  2. Ein Dolmetscher muss aufgrund eines unvorhergesehenen, nicht geplanten Zwischenfalls sofort bestellt werden (z.B. 9/11, Tsunami in Japan). Hier wird der Dolmetscher regelrecht ins kalte Wasser geschmissen, hat keine Vorbereitungszeit und ist einem viel größeren Stress ausgesetzt, die Arbeit ist äußerst stressbehaftet, aber auch herausfordernd und extrem spannend.

Nach Prof. Dr. Ingrid Kurz ist der TV-Dolmetscher einem größeren Stress ausgesetzt als ein Konferenzdolmetscher. Dennoch stellte sie sich die Frage, ob Stress objektiv messbar ist. Daher führte sie eine Untersuchung durch, um die tatsächliche Stressbelastung bei Medien- und Konferenzdolmetschern festzustellen. Hierfür wurden der Puls und der Hautleitwiderstand der Versuchsteilnehmer gemessen. Dazu wurden ihnen Elektroden auf den Händen platziert. Das Ergebnis war Folgendes: Der Stress, unter dem TV-Dolmetscher stehen, ist nachweislich höher als der Stress, den Konferenzdolmetscher haben. Nichtsdestotrotz muss ein Dolmetscher mit Stress umgehen können und flexibel sein. Dies gehört schließlich zu seinem Beruf.

Prof. Dr. Ingrid Kurz sagte, dass das Voice-Matching, in dem eine männliche Stimme von einem männlichen Dolmetscher in eine andere Sprache übertragen wird – was in Deutschland gang und gäbe ist – auch in Österreich immer populärer wird. Früher wurde dort kaum darauf Wert gelegt.

Zu guter Letzt erklärte Prof. Dr. Ingrid Kurz, wie man in Österreich überhaupt einen Job als TV-Dolmetscher bekommt. Momentan testet der ORF Dolmetscher, da insbesondere für kurzfristige Großeinsätze ein Dolmetscherpool vorhanden sein muss. In der Prüfung werden die Bewerber auf ihre Mikronfontauglichkeit, d.h. also auf Stressbelastung, Stimme etc. getestet. Ansonsten gestaltet es sich relativ schwierig, eine Arbeit beim Fernsehen zu finden. Wie in Deutschland verhilft meist die Empfehlung eines Bekannten zu einem Auftrag beim Fernsehen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: Freitagskonferenz des FTSK Germersheim, 08.07.2011. Bild: PD-USBCY6-NASAGOOD MORNING AMERICA APOLLO 11 (Wikipedia).]

WordPress theme: Kippis 1.15