Barrierefreies Kino: Mit den Ohren sehen

Anlässlich der Internationalen Filmfestspiele Berlin waren hunderttausende Filmbegeisterte in der deutschen Hauptstadt. Leider sind nur sehr wenige Berliner Kinos behindertengerecht ausgestattet. Nun setzten sich die Besucher einiger Filme Kopfhörer auf – und konnten mehr als die Dialoge zwischen den Schauspielern hören. Vier Vorstellungen wurden mit Audiodeskriptionen gezeigt. Dieses Angebot richtete sich an blinde und sehbehinderte Personen, denen in den Dialogpausen des Films berichtet wurde, was sonst nicht hörbar im Film geschah. Auf diese Weise konnten alle Besucher der Berlinale den Filmen folgen.

Menschen mit Hörgeräten haben das Problem, dass das Gerät nicht zwischen dem Filmton und den Nebengeräuschen im Raum unterscheiden kann. Aus diesem Grund bekommen Hörgeschädigte kaum etwas vom Film mit. Abhilfe schaffen induktive Höranlagen, mit denen der Filmton durch ein Magnetfeld direkt an das Hörgerät übertragen wird. In Berlin verfügt lediglich ein Kino über eine solche Anlage. Selbst Untertitelungen für Hörgeschädigte gibt es nur selten.

„In Berliner Kinos ist die Situation für Menschen mit Beeinträchtigungen sehr schlecht“, so Susanne Hellwig vom Projekt Mobidat, das eine Datenbank barrierefreier Einrichtungen in Berlin betreibt. Bereits im vergangenen Jahr hat Mobidat auf diesen Umstand hingewiesen. Dennoch habe sich nichts geändert, sagt Hellwig. „Vom Gemeinschaftserlebnis Kino werden Menschen mit Behinderungen oft ausgeschlossen.“

Zu barrierefreien Kinobesuchen ist noch ein weiter Weg. Zwar hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention, die das Recht auf gleichberechtigte Teilhabe bzw. Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben beinhaltet, unterzeichnet. Allerdings mangelt es bislang an Maßnahmen vonseiten der Kinobetreiber. Diese müssen sich nämlich selbst dazu verpflichten – und das ist bisher kaum passiert. Deshalb haben Hör- und Sehgeschädigte zumeist keine andere Wahl als sich zu Hause eine DVD anzuschauen.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: taz.de, 17.02.2012.]

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