Kaiserschnitt statt Herztonuntersuchung: Patientin verwechselt, weil „kein Dolmetscher greifbar“

Kaiserschnitt
Chirurgen öffnen die Bauchdecke per Kaiserschnitt, um die Geburt durchzuführen. - Bild: Engin Akyurt / Pixabay

Am Landeskrankenhaus und Universitätsklinikum Graz wurde am 26.06.2004 bei einer Frau, die sich erst in der 28. Schwangerschaftswoche befand, völlig unnötig eine Kaiserschnitt-Geburt durchgeführt. Man hatte sie mit einer anderen Patientin verwechselt, die sich bereits in der 40. Woche befand.

Beide Frauen sind Türkinnen, die praktisch kein Wort Deutsch sprechen. Die irrtümlich operierte Frau befand sich erst seit Kurzem in Österreich. Bei ihr hätten eigentlich nur die Herztöne des Babys kontrolliert werden sollen.

Das Kind, ein Mädchen, wog bei der Geburt nur 1.200 Gramm. Nach Angaben des Krankenhauses geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Die Frau werde eine „finanzielle Entschädigung“ erhalten. Bei Gesundheitsschäden am Kind stünde ihr darüber hinaus Schadenersatz zu.

Der ärztliche Direktor Günther Bergmann „bedauert“ den Vorfall und zeigt sich „zutiefst betroffen“.

Patientin hat protestiert, aber niemand verstand, worüber sie sich aufregte

Wie konnte es zu der fatalen Verwechslung kommen? Die Türkinnen waren auf demselben Zimmer untergebracht. Als per Lautsprecher die Frau, bei der der Kaiserschnitt durchgeführt werden sollte, aufgerufen wird, meldet sich die Herzton-Patientin bei der Stationsleitung.

Sie bekommt die Krankenakte der Kaiserschnitt-Patientin in die Hand gedrückt und wird in den Kreißsaal geschickt. Sie versucht zu protestieren, aber niemand versteht, worüber sich die Frau aufregt.

Angehörige machen Personal auf Verwechslung aufmerksam

Im Kreißsaal wird die Geburt eingeleitet. Erst jetzt gelingt es Familienangehörigen der auf dem Zimmer zurückgebliebenen Türkin, das Klinikpersonal auf die Verwechslung aufmerksam zu machen.

Zu spät, denn zu diesem Zeitpunkt war bei der im Kreißsaal befindlichen Frau bereits das Fruchtwasser abgelassen worden.

Die Ärzte berieten sich daraufhin mit deren Familie und entschieden sich dafür, das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu bringen.

Krankenhaus hat Dolmetscher, aber es war zu dem Zeitpunkt „keiner greifbar“

Warum wurde kein Dolmetscher hinzugezogen, obwohl für jedermann ersichtlich war, dass eine Verständigung zwischen den Patientinnen und dem medizinischen Personal nicht möglich war?

Direktor Bergmann erklärt, dass im Krankenhaus regelmäßig mehrere Dolmetscher im Einsatz seien. In diesem Fall sei angesichts des Zeitdrucks aber „keiner greifbar“ gewesen.

Werdende Mütter erhalten künftig schon bei Aufnahme ein Identifikationsarmband

Um künftig derartige Verwechslungen zu vermeiden, legt die Grazer Gebärstation werdenden Müttern ab sofort schon bei der Aufnahme in die Klinik ein Identifikationsarmband an – und nicht erst wie bislang üblich nach der Geburt.

Juristische Aufarbeitung läuft

Mit dem Fall befasst sich inzwischen die Patientenombudsfrau der Steiermark, Renate Skledar. Sie spricht von einer „dramatischen Verkettung unglücklicher Umstände“. Auch die Staatsanwaltschaft hat eine Untersuchung eingeleitet.

Kaiserschnitt
Zwar gelang die Entbindung per Kaiserschnitt, aber sie erfolgte durch die Verwechslung der Patientinnen zwei Monate zu früh – im siebten statt im neunten Monat. – Bild: Engin Akyurt / Pixabay

[Text: Richard Schneider. Quelle: Presse, 2004-07-10; Standard, 2004-07-10; Oberösterreichische Nachrichten, 2004-07-10.]