Klingt Ernest Hemingway im Deutschen „tuntig“, weil ihn eine Frau übersetzt hat?

Ernest Hemingway
Ernest Hemingway beim Schreiben in einem Zelt in Kenia (ca. 1953). - Bild: Look Magazine (gemeinfrei)

Im Online-Magazin Telepolis sinniert Tom Appleton unter der Überschrift „Stimmen hören“ über das Übersetzen an sich. Er meint: „Was das Wesen einer literarischen Übersetzung ausmacht, hat wenig mit der Qualität der geleisteten Arbeit zu tun. Was letztlich zählt, ist die eigene Stimme des Übersetzers oder der Übersetzerin selber.“ Weiter schreibt er:

Ernest Hemingway zum Beispiel, der männlichste Männermann der amerikanischen Literatur, kommt im Deutschen oft etwas seltsam herüber. Fast hätte ich gesagt, tuntig. […] dieser seltsame Hemingway-Ton im Deutschen hängt, nach meinem Dafürhalten, […] mit seiner Übersetzerin Annemarie Horschitz-Horst zusammen. […] Ob Hemingway überzeugender geklungen hätte, wenn ihn ein Mann übersetzt hätte? Sicher hätte er „männlicher“ geklungen – was übrigens auch eine Art von Verfälschung gewesen sein könnte.

[…] tatsächlich leisten deutsche Übersetzer und Übersetzerinnen wirklich Staunenswertes, nicht nur quantitativ. […] Und deshalb wäre es an der Zeit,
gerade diese Arbeiter und Arbeiterinnen am Wort endlich mal ein wenig aus ihrer subalternen Rolle zu lösen.

Um das zu erreichen, muss es aber erst einmal ein Bewusstsein dafür geben, dass ein literarisches Werk eine Übersetzung ist, dass es im Deutschen ohne

Übersetzung nicht existieren würde, und dafür, dass es eine gute Übersetzung ist.

Tom Appleton wurde in Berlin geboren, verbrachte seine Kindheit aber in Teheran. Schule und Studium absolvierte er in Deutschland, arbeitete dann unter anderem als Theaterproduzent in Neuseeland. Zurzeit lebt er als Journalist, Buchautor, Übersetzer und Sprachlehrer in Wien.

Richard Schneider

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