Der „Niedergang“ unserer Sprache wird viel beklagt. Dabei haben die gleichen treibenden Kräfte, die hinter dem Verfall der Sprache stecken, auch deren beispiellose Entwicklung ermöglicht weg vom Niveau steinzeitlicher Äußerungen wie „Ich Tarzan, du Jane“ und hin zu den ausgeklügelten Grammatiken von heute. Wie es dazu kam und um welche Kräfte es sich handelt, das erklärt uns Guy Deutscher geistreich und mit viel Witz.
Guy Deutschers Geschichte der Sprache beginnt mit einem Paradox: „Die Sprache ist die größte Erfindung der Menschheit obwohl sie natürlich nie erfunden wurde.“ Keine Sprachkommission, kein Ältestenrat des antiken Rom hat irgendwann die ausgeklügelte lateinische Grammatik entworfen, und auch von der Möglichkeit göttlicher Eingebung möchten wir einmal absehen. Aber wie kamen wir dann weg vom Niveau steinzeitlicher Äußerungen wie „Ich Tarzan, du Jane“ und zu den komplexen Sprachen der Antike und Gegenwart?
Guy Deutscher zeigt in Du Jane, ich Goethe anhand zahlreicher Beispiele, wie die ausgeklügelten Grammatiken, enormen Vokabularien und komplexen Bedeutungszusammenhänge von heute entstehen konnten.
Humorvoll vermittelt er die neuesten Erkenntnisse der Linguistik und beschreibt, wie unsere alltäglichsten Gewohnheiten die eindruckvollsten Sprachstrukturen hervor- und auch wieder zu Fall bringen.
Nebenbei beantwortet Guy Deutscher in diesem Buch auch noch Fragen wie: Warum haben die meisten Sprachen kein Verb für „haben“? Warum sagte Luther „schlecht“, wenn er doch das Gegenteil meinte? Und warum scheinen Türken rückwärts zu sprechen?
In der Einleitung des Buchs heißt es:
Unter allen vielfältigen Schöpfungen der Menschheit gebührt der Sprache der Vorrang. Andere Erfindungen – das Rad, die Landwirtschaft, der Reißverschluss – mögen unsere materielle Existenz verwandelt haben, aber zu Menschen gemacht hat uns die Entstehung der Sprache.
Im Vergleich zu ihr verblassen sämtliche anderen Erfindungen, denn alles, was wir je erreicht haben, hängt von der Sprache ab und hat ihren Ursprung in ihr. Ohne die Sprache hätten wir nie unseren Aufstieg antreten können, der uns zu unvergleichlicher Macht über alle anderen Tiere und sogar über die Natur selbst geführt hat.
Vorrangig ist die Sprache aber nicht einfach deshalb, weil sie zuerst da war. Sie ist, für sich betrachtet, ein Werkzeug von außerordentlichem Raffinement, das jedoch auf einer Idee von genialer Einfachheit beruht: „Diese wunderbare Erfindung, welche darin besteht, aus fünfundzwanzig oder dreißig Lauten jene unendliche Vielfalt von Wörtern zu bilden, die, obgleich sie in sich keinerlei Ähnlichkeit mit dem bergen, was sich in unserem Geist abspielt, nicht versäumen, den anderen sein ganzes Geheimnis zu entdecken und denjenigen, die nicht in ihn eindringen können, alles, was wir uns vorstellen, und die Gesamtheit der verschiedenen Regungen unserer Seele mitzuteilen.“ So fassten im Jahre 1660 die renommierten Grammatiker der Abtei Port Royal in der Nähe von Versailles das Wesen der Sprache zusammen, und seither hat niemand die Größe ihrer Leistung eloquenter gepriesen.
Alle diese Lobeshymnen weisen jedoch eine Unstimmigkeit auf, denn der Tribut, den sie der Leistung der Sprache zollen, verdeckt einen einfachen, aber gravierenden Widerspruch: Die Sprache ist die größte Erfindung der Menschheit – ob-wohl sie natürlich nie erfunden wurde.
Dieses scheinbare Paradox steht im Mittelpunkt der Faszination, welche die Sprache auf uns ausübt. In ihm liegen viele ihrer Geheimnisse verborgen, und davon handelt dieses Buch.
[…]
Oft ist es die Seltsamkeit fremder Sprachen mit ihren zahlreichen exotischen und ungewohnten Eigenschaften, die einem das Wunderbare des Sprachbaus zu Bewusstsein bringt.
Bibliografische Angaben
- Guy Deutscher (2008): Du Jane, ich Goethe – Eine Geschichte der Sprache. München: C. H. Beck. 416 Seiten. ISBN 9783406578281.
Text: C. H. Beck Verlag
