Warum können manche ihre Zunge nicht rollen?

Manche können es, manche nicht: das r rollen. Der Buchstabe r hat in deutschen Texten eine durchschnittliche Häufigkeit von 7 Prozent und ist somit der fünfthäufigste Buchstabe in deutschen Texten. Im Grimmschen Wörterbuch findet sich folgende Definition des 18. Buchstabens des lateinischen Alphabets:

R […], mit l, m und n die gruppe der flüssigen (semivocales) ausmachend. […] sein laut ist mit dem knurren eines hundes verglichen und ihm der name des hundsbuchstaben gegeben worden, lat. litera canina, und danach bei ICKELSAMER: […] das r, ist ain hundts buchstab, wann er zornig die zene blickt und nerret, so die zung kraus zittert. […] damit im zusammenhange verstärktes r als zornreizender laut: das spott- und reizungszeichen rrr!

Im Deutschen gibt es verschiedene Möglichkeiten der Aussprache des Phonems /r/: Es kann mit der Zungenspitze oder dem Zäpfchen gerollt sowie kurz angeschlagen oder an diesem gerieben werden. Heute wird /r/ meist als Zäpfchen-r [ʁ] (stimmhafter uvularer Frikativ oder Approximant) ausgesprochen. Auf diese Weise wird das r auch im Französischen, Niederländischen, Luxemburgischen, Dänischen und Schwedischen ausgesprochen.

Ursprünglich wurde der Buchstabe als „gerollter“ Zungenspitzlaut [r] (stimmhafter alveolarer Vibrant) gesprochen. In Bayern, in einigen Regionen Österreichs, in der westlichen Deutschschweiz sowie einigen anderen europäischen Ländern wie beispielsweise Spanien, Portugal, Polen oder Russland ist diese Aussprache immer noch üblich.

Ein retroflexes [ɻ] ist in der englischen Sprache sowie teilweise in deutschen Dialekten vorzufinden. Allerdings wird es heute in der Sprache der jüngeren Generation in der Regel durch das uvulare r ersetzt.

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, das r auszusprechen. Doch nun steht die Frage im Zentrum: Warum können manche das r rollen und manche nicht? Warum tun sich die Chinesen und Japaner schwer mit dem Zungen-r?

Dr. Rosemarie Neumann, Fachärztin für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, beantwortete dem Hamburger Abendblatt diese Frage wie folgt:

Unter dem Rollen der Zunge verstehen wir die Fähigkeit, die Zunge durch Hochwölbung der Zungenränder röhrenartig zu rollen. Diese besondere Art der Beweglichkeit ist genetisch bedingt, das ist auch durch fleißiges Trainieren nicht zu ändern. Das Zungenrollen gilt als klassisches Beispiel für einen sogenannten autosomal-rezessiven Erbgang: Jeder Mensch hat zwei “Kopien” seiner Gene, die Allele. Es gibt das Zungenroller-Gen (R) und das Nicht-Zungenroller-Gen (r). Dabei „dominiert“ R gegenüber r. Hat ein Elternteil beide RR-Allele, so werden deshalb alle seine Kinder Zungenroller sein, auch wenn der andere Elternteil diese Fähigkeit nicht besitzt (genetisch: rr). Hat ein Elternteil die Allele Rr, so ist statistisch bei vier Kindern nur eines dabei, das Nicht-Zungenroller ist.

Oftmals ersetzen Kinder den r-Laut durch ein l, weil dieser leichter auszusprechen ist. Beim r muss die Zunge zu einer breiten Schüssel geformt werden, währenddessen das l nur eine Zungenspitze an den oberen Schneidezähnen erfordert. Durch spezielle Übungen oder Sitzungen mit einer Logopädin kann dieses Ausspracheproblem der Liquide, wie die beiden Laute in der Sprachwissenschaft heißen, jedoch zum Teil behoben werden.

[Text: Jessica Antosik. Quelle: wikipedia.de; abendblatt.de, 14.06.2010.]