FIT-ILF 2018 in Bonn: 140 Teilnehmer aus 17 Ländern kamen zum 13. International Legal Forum

Gustav-Stresemann-Institut
Im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn fand das von der ATICOM organisierte 13. International Legal Forum der FIT statt.

Vom 6. bis 8. September 2018 fand das 13. International Legal Forum der FIT (FIT-ILF 2018) im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn statt. Etwa 140 Teilnehmer und Referenten waren zu dieser Konferenz aus 17 Ländern angereist, um sich 22 Vorträge zum Thema „Übersetzen und Dolmetschen im juristischen Bereich in der sich wandelnden Welt: Technologie – Outsourcing – Veränderungen“ anzuhören.

Die Organisation dieser etablierten Fachkonferenz und des Rahmenprogramms vor Ort hatte der Fachverband der Berufsdolmetscher und Berufsübersetzer (ATICOM) übernommen.

Bereits am Vorabend der Konferenz nutzten knapp die Hälfte der Teilnehmer die Gelegenheit, sich auf dem Willkommensempfang mit Insidern der juristischen Szene wie Joachim Lüblinghoff vom Bundesvorstand des Deutschen Richterbunds und internationalen Verbandsvertretern wie FIT-Präsident Kevin Quirk auszutauschen.

Nachdem der ATICOM-Vorsitzende Reiner Heard die Konferenz am Freitagmorgen offiziell mit einer Grußbotschaft des Justizministers von Nordrhein-Westfalen, Peter Biesenbach, eröffnet hatte, gingen Richter Lüblinghoff und Regine Förger, Richterin am Landgericht Koblenz, mit ihren Vorträgen zum Dolmetschen vor Gericht gleich in medias res. Anschließend berichtete Prof. Dr. Tinka Reichmann von der Universität Leipzig über das juristische Dolmetschen in Lehre und Forschung.

Joachim Lüblinghoff
Richter Joachim Lüblinghoff referierte zum Thema “Dolmetscher vor Gericht”.

Es folgten drei Vorträge direkt aus der Praxis juristischer Sprachmittler: Dragoslava Gradinčević-Savić (ATICOM) referierte über das Anforderungsprofil bei den offiziellen Stellen, um den Bedarf für Übersetzungs- und Dolmetschleistungen überhaupt zu erkennen. Irina Norton (APCI) berichtete über die Vorteile einer gemeinsamen Polizei- und Dolmetscherausbildung und zeichnete ein düsteres Bild der aktuellen Situation für die Kollegen in England. Doris Grollmann (CBTI/BKVT) präsentierte die neuen Gesetzesbestimmungen zur Reglementierung des Status eines vereidigten Dolmetschers und/oder Übersetzers in Belgien und meldete berechtigte Zweifel an, ob damit alle Probleme gelöst seien.

Der Nachmittag war dem hochaktuellen Thema Videodolmetschen gewidmet. Evangelos Doumanidis, Rechtsanwalt und VVU-Vorsitzender, ging der offenen Frage nach, ob Videodolmetschen den Anforderungen und gesetzlich normierten Prinzipien eines Gerichtsverfahrens überhaupt gerecht werden kann. Dr. Ivana Havelka (Universität Wien) präsentierte den Stand der Forschung und Dirk Neumann (PCS) zeigte die technischen Voraussetzungen für das Videodolmetschen.

Der von Isabel Schwagereit (ATICOM) moderierte Runde Tisch zum Thema Videodolmetschen begann mit einer kurzen Live-Demonstration des Videodolmetschens durch den österreichischen Anbieter SAVD. In der anschließenden lebhaften und kontrovers geführten Diskussion zeigte sich, dass das Ferndolmetschen in Ländern wie Schweden und Österreich längst Einzug gehalten hat, während es in Deutschland noch starke Vorbehalte gibt.

Runder Tisch zum Videodolmetschen
Runder Tisch zum Videodolmetschen mit Hanin Turk (SAVD GmbH), Isabel Schwagereit (ATICOM), Dr. Ivana Havelka (Universität Wien), Draga Gradinčević-Savić (ATICOM) und Dirk Neumann (PCS Professional Conference Systems GmbH).

Anschließend fuhren die Konferenzteilnehmer zum Rhein und setzten ihre Diskussionen an Bord der „Moby Dick“ fort. Bei sonnigem Wetter fand dieser ereignisreiche Tag auf der ruhigen Schifffahrt mit Büffet bis zum Drachenfels vor romantischer Rheinkulisse einen perfekten Ausklang.

Ausflugsschiff Moby Dick
Auf der Moby Dick schipperten die Tagungsteilnehmer von Bonn bis zum Drachenfels und zurück.

Zu Beginn des zweiten Konferenztags berichteten Maha El-Metwally (ITI) über die Möglichkeiten zur Digitalisierung von Notizen und Dr. Miodrag Vukčević (Universität Belgrad) über das Programm Transcribus zur Erkennung und Übertragung handschriftlicher historischer Dokumente. Der Vortrag der britischen Anwältin Sue Leschen informierte über die veränderten Erwartungen und Praktiken für Dolmetscher und Übersetzer im juristischen Bereich und bestätigte mit dem Stichwort „de-professionalisation“ die desolaten Verhältnisse in Großbritannien.

Tweet von Peter Winslow
Tweet von Peter Winslow von der elativum GmbH.

Die Pausen zwischen den Vorträgen wurden für intensive Gespräche sowie den Besuch des Informationsstands vom Bundesamt für Justiz und dem gut bestückten Bücherstand des C. H. Beck Verlags und Acolada genutzt.

Pausengespräch
Pausengespräch mit Referentin Maha El-Metwally (ITI, 2. von links).

Nach der Präsentation technischer Möglichkeiten im Bereich der maschinellen Übersetzung durch Judith Klein (STAR AG) und Ziad Chama (SDL Trados) gab Dr. Miguel Duro Moreno (Universität Madrid) einen Einblick in die bereits stattfindende Automatisierung juristischer Übersetzungen.

Anschließend referierte Natascha Dalügge-Momme (VVDÜ) über den Sinn (oder doch eher Unsinn) englischer Gerichtsverhandlungen in Deutschland, Jörg Schmidt (ADÜ Nord) über juristische Übersetzungen für den internationalen Rechtsverkehr und André Lindemann (BDÜ) über neue Entwicklungen als Herausforderung für die Verbandsarbeit.

Im letzten Themenblock „Outsourcing und Qualitätssicherung für Übersetzungen“ berichteten Saša Sirovec (Europäische Kommission, DGT) und Michael Fuchs (Europäisches Parlament, DGT) über Probleme bei der Beschaffung qualitativ hochwertiger Übersetzungen angesichts der spezifischen und restriktiven Vorgaben innerhalb ihrer Referate. Der Vortrag von Dr. Francisco J. Vigier (Universität UPO Sevilla) beschäftigte sich mit der Qualität ausgelagerter Übersetzungs- und Dolmetschleistungen an Strafgerichten in Spanien, wo die Videoverdolmetschungen grundsätzlich aufgezeichnet werden.

Zum Abschluss der Konferenz gab Kevin Quirk, Präsident der Fédération Internationale des Traducteurs (FIT), einen Ausblick auf den nächsten FIT-Weltkongress 2020 im kubanischen Varadero. Das 14. International Legal Forum der FIT soll in China stattfinden.

Tweet von Iva Wolter
Tweet von Übersetzerin und Dolmetscherin Iva Wolter (Tschechisch, Polnisch, Deutsch).

Die ATICOM wird einige der Vorträge in den nächsten Wochen auf ihrer Internetpräsenz und in der frei verfügbaren Mitgliederzeitschrift FORUM veröffentlichen.

Weiterführende Links

[Text: Hildegard Rademacher, Helke Heino. Bild: Hildegard Rademacher.]